«Etwas anderes, einfach etwas anderes»

Der Berner Trompeter Werner Hasler hat für sein neustes Werk «Out» einen Hybriden aus Ausstellung und Konzert kreiert.

Beileibe keine herkömmliche Studiosituation: Werner Hasler während einer Aufnahme-Session auf der Voie Mazas in Paris.

Beileibe keine herkömmliche Studiosituation: Werner Hasler während einer Aufnahme-Session auf der Voie Mazas in Paris. Bild: Fred Poulet (zvg)

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Das Gesicht zur Sonne gewendet, erzählt Werner Hasler vom perfekten Klang. Und er erzählt. Und er erzählt weiter. Es ist ein weites Feld, das sich da auftut, fragt man diesen Mann, welche musikalische Ästhetik er anstrebe. Wie improvisiert man, ja, wie schreibt man ganze Stücke ausserhalb der herrschenden Harmonien? Das sind so Fragen, an denen er seit Jahren herumtüftelt, er, der Trompeter, aufgewachsen in Bern, Absolvent der Swiss Jazz School und mittlerweile nicht nur ein Profi auf seinem Instrument, sondern auch eine Institution im Bereich der elektronischen Musik.

Mit seiner Band The Outer String hat er jetzt ein neues Werk veröffentlicht. «Out» heisst es, und es wurde ausserhalb der klassischen Studiosituation aufgenommen, in einem frisch gebauten, bezugsbereiten, aber noch unmöblierten Bürokomplex beim Monbijou etwa, oder im Engländerbau in Liechtenstein («zwischen zwei Ausstellungen, dann, wenn der Raum leer ist», kommentiert Werner Hasler), auf dem Marché Paul Bert Serpette und am Quai de Seine (beides in Paris). Auch im Hub, dort hinten im Krauchthal, hat er eine Session aufgenommen.

Flucht in die Technik

Nach Vielfalt habe er gesucht, nach «etwas anderem, einfach etwas anderem», sagt er und berichtet von seiner Zeit in der Jazzausbildung, von diesen starren Strukturen und Harmonien, die ihn gelangweilt hätten. «Dort wurde uns gelehrt, die Harmonien komplex zu machen. Aber besser wurde die Musik dadurch nicht.» Dann fand er eine Lösung, wie er die Einöde überbrücken konnte: mittels Elektronika.

Er, im Jahr 1969 geboren, flüchtete sich in Frickeleien, nahm die erste Platte seiner Band Manufactur auf einem G3 auf («Der erste für das Fussvolk produzierte Computer, der genügend Kapazität hatte, Audio einigermassen zu verarbeiten. In heutigen Massstäben natürlich zum Lachen, damals ein Meilenstein», erklärt Hasler das Gerät gleich selbst) und extrahierte mit seinem Akai MPC 2000 stundenlang Tonschnipsel von Schallplatten.

«Elektronika zieht Räume auf», sagt Werner Hasler druckreif. «Sie ist die Antithese zur Komplexität.» Was ihm damals als Ausgleich zur schulischen Starrheit diente, unterrichtet er heute selbst an der Hochschule der Künste Bern («Music and Electronics»). «Heute haben alle Zugriff auf die unendlichen Möglichkeiten des Musikproduzierens. Früher gab es nur eine Handvoll Freaks unter den Improvisations-Musikern, die sich damit beschäftigten. Und mit ‹früher› meine ich etwa erst vor zwanzig Jahren. Alles war komplizierter, dafür auch individueller.» Natürlich findet er das schade, aber mit der Gegenwart hadern tut er nicht.

Ist das Jazz?

Im Gegenteil. Werner Hasler hat mit «Out» ein knisterndes Werk geschaffen: Glasklar die Aufnahmen, da klirrt, schleift und ziept es, da sind vertrackte Beats, Sternstaub-Synthesizer, jemand, der ein Blatt zerknüllt, und warm bläst die Trompete. Ist das Jazz? Vielleicht ein wenig. Es ist ein akustisches Etwas, das er nun als einen Hybriden auf die Bühne bringt, eine Mischung aus Ausstellung und Konzert wird das. «Ich hatte genug von diesem klassischen Release-Zyklus: CD aufnehmen, den Clubs nachrennen, und was halt alles dazugehört.»

Er, der sich besonders für zeitgenössische Ausstellungen interessiert, hat selbst etwas in diese Richtung kreieren wollen und mit «Out» in die Tat umgesetzt. Zu sehen gibt es sechs Filmarbeiten (von Chloé Le Grand, Hugo Ryser, Arno Oehri, Fred Poulet, Marlene Hirtreiter und Andre Mayr), und mittels Kopfhörer lässt sich die dazugehörige Live-Aufnahme anhören. Im Verlaufe der zwei Abende werden die Cellisten Carlo Niederhauser, Marie Schmit und Vincent Courtois und die Schlagzeuger Christoph Steiner, Julian Sartorius und Franck Vaillant rund um Werner Hasler sechs Konzertsets à je einer halben Stunde spielen.

«Da hast du sowohl akustisch wie auch optisch etwas», meint Hasler zu seinem Konzept. Sein Anspruch an seine eigene Kunst ist kein geringerer als: «Den Geist öffnen und für das eigene Leben animieren.» Das war wieder druckreif. Und Hasler will unbedingt seine Mitstreiter erwähnt wissen, die ihm geholfen haben, sein Gedankenkonstrukt umzusetzen. «Klar, die Idee ist in meinem Kopf geboren. Aber all die Menschen um mich herum haben ‹Out› mit ihren Vorstellungen und dem eigenen Können mitgeprägt».

Dampfzentrale Freitag, 8. (ab 20 Uhr), und Samstag, 9. April (ab 16 Uhr). (Der Bund)

Erstellt: 07.04.2016, 07:04 Uhr

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