«Es reicht nicht, den Managern ein paar E-Mails zu schicken»

Festivals

Mathieu Jaton und Thomas Dürr organisieren in Montreux und Interlaken zwei der grossen Musikfestivals im Land. Ein Gespräch über den harten Konkurrenzkampf im Geschäft.

Das dreitägige Open Air für Metal und Hardrock in Interlaken feiert dieses Jahr sein 10-jähriges Jubiläum: Fans am Greenfield Festival. Foto: Michael Sieber (Ex-Press, Archivbild)

Das dreitägige Open Air für Metal und Hardrock in Interlaken feiert dieses Jahr sein 10-jähriges Jubiläum: Fans am Greenfield Festival. Foto: Michael Sieber (Ex-Press, Archivbild)

Es gibt über 400 Festivals in der Schweiz, und allein letztes Jahr hat die Zahl der Konzerte in unserem Land um zehn Prozent zugenommen. Gleichzeitig ist die Auslastung der einzelnen Konzerte um fünf Prozent gesunken. Ist der Markt übersättigt?
Mathieu Jaton: Ich höre diese Frage seit über zehn Jahren. Nämlich seit die Plattenindustrie kriselt und im Gegenzug die Zahl der Konzerte und die Gagen steigen. Es ist eine grosse Frage, und man kann sie wohl nicht allgemein beantworten. Wir haben sie für das Montreux Jazz Festival aber zum Beispiel für bestimmte Stile wie Hip-Hop beantwortet – das ist eine Sparte mit jungem, nicht sehr kaufkräftigem Publikum, aber mit hohen Gagen. Unsere Säle sind nicht sehr gross; falls der Ticketpreis also zu hoch würde, verzichten wir lieber auf das Konzert.
Thomas Dürr: Ein gutes Beispiel dafür, dass der Markt übersättigt ist, war kürzlich das Konzert der Rolling Stones in Zürich. Die Ticketpreise waren so hoch, dass das Konzert nicht ausverkauft war. Das ist nicht nur schade, sondern auch schlecht für alle anderen Konzerte: Mit solchen Preisen fliesst sehr viel Geld aus dem Markt ab, für eine einzige, alte Band.

Also lassen sich die Ticketpreise nicht beliebig erhöhen.
Dürr: Die Forderungen der Headliner – der prominentesten Bands eines Festivals also – sind heute doppelt so hoch wie vor zehn Jahren, als wir mit dem Greenfield Festival anfingen. Also könnten wir sagen, wir verdoppeln die Ticketpreise. Aber dafür gibt es keinen Markt. Wir haben die Preise in den letzten Jahren nicht mehr erhöht.
Jaton: Die Stehplätze in der Stravinski Hall in Montreux liegen auch seit zehn Jahren bei 75 bis 100 Franken. Es ist nicht möglich, höher zu gehen. Also haben wir das Businessmodell verändert. Die Tickets decken einen kleineren Teil der Kosten als früher, dafür sind Sponsoring und Gastronomie wichtiger.

Wie lange können Sie bei den steigenden Gagen mitgehen?
Jaton: In Montreux mit seinen beschränkten Kapazitäten ist das fast nicht mehr möglich. In der Stravinski Hall sind hohe Gagen möglich, bei entsprechenden Ticketpreisen. Im Lab aber, unserem neuen Club, spielen neue, aufstrebende Bands wie London Grammar oder Milky Chance. Dafür bezahlt niemand mehr als 65 bis maximal 75 Franken. Daraus ergibt sich die Gage, die wir zahlen können, und um die wir oft sehr hart fighten.

Es gibt Bands, die nur wenig Platten verkaufen, aber beim Konzertpublikum sehr beliebt sind. Wie schwierig ist es geworden, die Konzerte zu kalkulieren?
Jaton: Vor zehn, fünfzehn Jahren schrieb man eine Offerte auf Basis der Plattenverkäufe einer Band. Es ist tatsächlich schwieriger geworden, eine Band einzuschätzen. Wir tauschen uns über den Marktwert einer Band regelmässig mit anderen Festivals aus, aber es bleibt ein Pokerspiel.
Dürr: Oder Roulette. Manchmal fällt die Kugel auf Rot, manchmal auf Schwarz.

Und manchmal auf null. Letzten Sommer fiel zum Beispiel auf, dass die Atoms for Peace, eine neue, viel beachtete Band von Thom Yorke von Radiohead, nicht in der Schweiz spielte.
Jaton: Sie spielte in Rumänien oder in Ungarn. Man muss sehen, wie viele neue Festivals in den letzten fünf Jahren in Osteuropa entstanden sind, mit unglaublich viel Sponsoringgeld von Firmen oder Staatsfirmen. Es gibt in der Festivalsaison eine beschränkte Zahl von Wochenenddaten, an denen eine Band spielen kann. Bei immer mehr Festivals, die für die gleichen Daten offerieren, bedeutet das immer höhere Gagen. In Osteuropa sind sie zum Teil zwei- bis dreimal so hoch wie in der Schweiz. Ich sprach damals mit den Veranstaltern des Paléo in Nyon und des Gurtenfestivals in Bern, und wir einigten uns darauf, die verlangte Gage nicht zu bezahlen. Okay, die Atoms for Peace sind interessant, aber sie sind nicht Radiohead.

Gibt es in den Gagenverhandlungen überhaupt noch Spielraum, seit riesige Künstler- und Konzertagenturen wie Live Nation oder AEG den Markt beherrschen?
Dürr: Kaum. Bei diesen Agenturen hat man es mit Managern und Buchhaltern zu tun. Das Konzertgeschäft ist heute doppelt so gross wie die Plattenindus­trie, also ist das der Ort, wo die Agenten das grosse Geld abholen. Vor allem in der Sommersaison, die sie auspressen, so gut sie können – an all diesen Open Airs, die sich um die gleichen Bands bewerben.
Jaton: Wir haben uns in Montreux lange gefragt, wie wir uns in diesem von grossen Agenturen dominierten Markt behaupten können als unabhängiges Festival mit sehr beschränkter Platzzahl. Heute bin ich zuversichtlicher, weil ich merke, dass das, was Claude Nobs aufgebaut hat, immer noch attraktiv ist. Letztes Jahr spielte Leonard Cohen, der bei AEG unter Vertrag ist, eines seiner kleinsten Konzerte in Montreux. Wohl, weil er es so wollte. In diesem Jahr kommen Stevie Wonder und Pharrell Williams zu uns. Sehen Sie, jeder hat für Pharrell offeriert, und mancher wohl höher als wir. Aber das Erbe von Claude Nobs – die Intimität der Konzerte, die Tradition des Festivals – bedeuten manchem Künstler immer noch viel.

Pharrell Williams spielt auch in Frauenfeld am Open Air und im Herbst im Zürcher Hallenstadion. Ein Problem?
Jaton: Unser Konzert war in zwei Minuten ausverkauft, also nein. Früher war Exklusivität für Montreux sehr wichtig. Heute hängt das vom Künstler ab.

Ein Gerangel gab es auch um Black Sabbath. «Rock the Ring», das neue Festival der Konzertagentur Good News in Hinwil, wollte die Band, und auch am Greenfield war sie offenbar im Gespräch. Jetzt spielt sie am 20. Juni im Hallenstadion, für die neue Firma des ehemaligen Good-News-Chefs André Béchir.
Dürr: Für uns war die Band interessant, ja. Aber in der Buchungsperiode sagte sie ein paar Auftritte ab, und es gab Gerüchte, dass die ganze Tournee gefährdet sei. Das war uns in dem Moment, als wir einen Headliner suchten, zu riskant. Aber es ist typisch, dass Black Sabbath jetzt für André Béchir im Hallenstadion spielen. Denn erstens zeigt es, dass es für eine solche Band lukrativ ist, zwischen zwei Festivalauftritten in Europa im Vorbeireisen ein Indoorkonzert in der Schweiz mitzunehmen. Und zweitens spricht es dafür, wie wichtig persönliche Kontakte trotz allem immer noch sind in diesem Geschäft. André Béchir verlässt Good News, gründet eine neue Firma und nimmt sicherlich achtzig Prozent der Veranstaltungen und Bands, die er bisher organisiert hat, mit in das neue Unternehmen. Mag sein, dass auch hinter solchen Gruppen die Manager und Buchhalter stehen; aber André Béchir kennt sie alle seit vielen Jahren, und mit vielen ist er befreundet. Er ist ein schlauer Fuchs und sicher einer der besten Konzertveranstalter, den es in der Schweiz gibt.

Claude Nobs war ein persönlicher Freund von Carlos Santana. Trotzdem bekam er ihn nicht mehr, nachdem Santana bei Live Nation unterschrieben hatte.
Jaton: Trotz zweier persönlicher Treffen konnte ihn Claude für letztes Jahr tatsächlich nicht mehr überzeugen, nach Montreux zu kommen. Es ist schon richtig, dass die Künstlerkontakte, mal abgesehen von der weit intimeren Jazzszene, schwieriger geworden sind und eine kleinere Rolle spielen als früher. Es kommt vor, dass mich ein Monty Alexander persönlich anruft und sagt, er habe vom neuen Jazz Club gehört und er wolle hier spielen. Aber im Pop- und Rockbereich ist es wichtiger, die Manager regelmässig zu sehen. Es reicht nicht, ihnen ein paar E-Mails zu schicken. Lieber nehme ich morgen ein Flugzeug, um nach New York zu fliegen und an einem Konzert zwei, drei Agenten zu treffen.

Wir haben von klassischen Rockbands wie Black Sabbath und Santana gesprochen. Nun ist Rock in der Hitparade und im Radio kaum mehr präsent, aber beim Festivalpublikum immer noch beliebt. Was heisst das für Sie als Veranstalter?
Dürr: Es heisst, dass es zu wenig Bands gibt, die zwar keine Headliner, aber doch einigermassen bekannt sind. Bands im mittleren Bereich, wenn Sie so wollen. Und diese Art von Bands ist für Festivals sehr wichtig. Erstens, weil die Headliner sehr teuer geworden sind, und zweitens, weil der Mix das Erlebnis eines Festivals ausmacht und immer weniger der einzelne grosse Name.

Wie können Sie als Veranstalter neue, junge Bands fördern?
Dürr: Wir haben vor drei Jahren eine Stiftung gegründet, die sich um die Förderung junger Bands kümmert. Zum Beispiel stellt sie ihnen einen Tourbus zur Verfügung, oder sie organisiert ein Meeting mit den Branchenprofis, wo die wichtigsten Schweizer Vertreter aus Management, Urheberrecht und Festivalbooking die Nachwuchsbands beraten. Das gibt viel zu tun, aber es lohnt sich. Die Zukunft der Festivals hängt davon ab, dass sie es schaffen, über die Jahre künftige Headliner hervorzubringen.
Jaton: Für Montreux reisen zwei Talentsucher quer durch Europa und hören sich in den Clubs und Konzertlokalen neue, interessante Bands an. Wir buchen keine Künstler, die wir nicht live gesehen haben. So konnten wir schon im Oktober mehrere Bands für das Lab buchen, die mittlerweile viel teurer wären. Wir buchen alle Bands möglichst früh, denn die Konkurrenz in der Schweiz ist hart.

Nicht nur in der Schweiz. Gerade das junge Publikum ist heute wählerisch und mobil. Man fährt nicht mehr mit dem Hippiebus für drei Tage ans nahe Open Air.
Jaton: Ja, die Festivals werden auf ganz andere Weise konsumiert. Kürzlich flog ich ans Primavera Festival in Barcelona, und drei Viertel des Flugzeugs waren voll mit jungen Leuten mit dem gleichen Ziel. Man fährt heute zu Festivals wie in die Kurzferien. Und übrigens kom­ men auch in Montreux 25 bis 28 Prozent der Besucher aus dem Ausland, aus unseren Kernmärkten in Grossbritannien, Deutschland und Frankreich.

Wenn Festivals wie Kurzferien vermarktet werden, wird dann der Komfort immer wichtiger? Das Greenfield Festival bietet jetzt die Übernachtung in Containern an.
Dürr: Ja, das Komfortangebot an Festivals wächst und wird weiter wachsen. In Frauenfeld gibt es jetzt VIP-Bungalows, wir in Interlaken versuchen es eine Nummer kleiner. Und klar, genügend Parkplätze und saubere Toiletten gehören heute einfach dazu.
Jaton: Die Atmosphäre eines Festivals ist entscheidend. Die Landschaft, die lokalen Stände, die Leute selbst machen es aus. Je besser sich ein Festival über sein Programm und seine Umgebung positioniert, umso besser kommt es an. Ich habe im Ausland Festivals gesehen mit einem grossartigen Programm, aber ohne jede Atmosphäre.

Ein interessantes Experiment ist in dieser Beziehung das noch junge Zürich Openair in Rümlang. Es ist in der Agglomeration angesiedelt, zwischen Schienen, Autobahn und in der Flugschneise. Was halten Sie von diesem Konkurrenten?
Jaton: Ich war letztes Jahr dort. Das Programm war hervorragend, aber mir war nicht klar, was dieses Festival eigentlich will und wie es sich positioniert.
Dürr: Ein klassisches, dreitägiges Open Air hat in Zürich einen sehr schweren Stand. In dieser Stadt läuft schon sehr viel, dort spielen die meisten Bands schon im Verlauf des Jahres. Dagegen kommt man als Festival nicht an.

Was immer wieder erstaunt an Open Airs: Obwohl Zehntausende zusammenkommen, obwohl die Musik manchmal knüppelhart ist und viele im Publikum angetrunken und eng verkeilt in der Hitze stehen, gibt es kaum Probleme. Anders als bei Fussballspielen.
Jaton: Die einfachste Antwort darauf lautet, dass ein Festival kein Kampf ist und es keine Verlierer gibt. Auch wenn die Leute trinken und drängeln, wollen sie doch Spass haben.
Dürr: Es geht darum, die Leute über mehrere Tage zu unterhalten. Sonst unterhalten sie sich selber, und das kann im schlimmsten Fall eskalieren.

2012 spielten Radiohead in einem Walliser Steinbruch. Die Organisation war schlecht, es gab Staus auf der Strasse und vor den Essständen. Aber das Publikum blieb friedlich.
Jaton: Das hat mich auch überrascht und ist nur durch das hervorragende Konzert zu erklären und durch die Art von Fans, die sich für diese Band interessieren.

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