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Erweiterte Spielzonen

Das Menuhin Festival bespielt Zweisimmen: L’Arpeggiata öffnet in der Kirche den Weg zum Mittelmeer, und der junge Cembalist Jean Rondeau belebt das Beinhaus mit Bach.

«Verstocket eure Herzen nicht», steht über den Musikern von L’Arpeggiata an der Kirchenwand geschrieben. Eine sinnige Aufforderung.
«Verstocket eure Herzen nicht», steht über den Musikern von L’Arpeggiata an der Kirchenwand geschrieben. Eine sinnige Aufforderung.
Marianne Mühlemann

Ein Bijou ist dieser Konzertort! Das Schiff der Kirche Zweisimmen ist hell und geräumig, die Wände faszinieren durch grossflächige Malereien aus dem 16. Jahrhundert. Und auch die Akustik des Raumes ist fantastisch. «Mediterraneo» heisst der Abend, der hier im Rahmen des Menuhin Festival stattfindet. Schon nur wegen der instrumentalen Raritäten, die spektakulär zum Einsatz kommen, hat sich die Anreise gelohnt.

Am auffälligsten ist die Theorbe, eine Art Basslaute mit einem ultralangen Wirbelhals. Daneben Cembalo, Psalterium, Melodica, Lyra, Kontrabass, Barockgitarre, Kastagnetten, Perkussion und eine krumme Zink. Ein Klang-Farbkasten wie ein Statement: Wo solches Musikgerät in Aktion kommt, wartet barockes Repertoire. Normalerweise.

Doch hier spielt das Ensemble L’Arpeggiata, dessen künstlerische Leiterin Christina Pluhar dafür bekannt ist, dass sie die barocken Spielzonen in alle Stil- und Himmelsrichtungen erweitert. Die gebürtige Grazerin hatte ursprünglich klassische Gitarre studiert. Doch ihr Musikhunger wurde damit nicht gestillt. So lernte sie auch noch Laute und Tripelharfe, jenes Instrument, das ihrem Ensemble den Namen gegeben hat: Arpeggieren bedeutet, im Stil der Harfe gebrochene Akkorde zu spielen.

Mit L’Arpeggiata geht Christina Pluhar eigene künstlerische Wege. Je nach Programm holt sie Sänger und Gastmusiker dazu. Sie hat bei der Wahl eine glückliche Hand, das zeigt auch das Konzert in Zweisimmen. Vincenzo Capezzuto, ein mitreissender Sänger mit Altstimme, der ursprünglich ein ausgebildeter Tänzer ist, hat sie entdeckt. Die Sopranistin Lucia Martin-Carton bringt mit edlem, vollem Sopran alle Facetten von Schmerz, Leidenschaft, Freude und Liebesgeflüster zum Klingen. Und wie Katerina Papadopoulou im herben Flüsterton ihren Liebeskummer («Thalassa lypisou») dem Meer anvertraut, ist eine Klasse für sich.

Als Spezialistin ohne Scheuklappen traut sich Pluhar anzuzetteln, was in Klassiker-Kreisen gemeinhin als Crossover verpönt ist. Was sie leitet, ist die Überzeugung, dass die lebendige Weiterentwicklung in die Moderne in den Quellen der Alten Musik bereits angelegt ist.

Dem Meer entlang

Ein explosives Konzert, in dem zuerst die Natur das Wort hat. Das geschieht mit Kalkül: L’Arpeggiata will mit Tönen überraschen und mittels spontaner Interventionen und Improvisationen Emotionen und Bilder auslösen. Es funktioniert. Die Instrumente lassen Vögel zwitschern, Grillen zirpen. Dazu mischt sich das Rauschen des Mittelmeeres. Hier geht es musikalisch entlang: Italien, Mallorca, Kanaren, Griechenland, Apulien, Katalonien.

Zwischen schwerblütigen Gesängen flammt die Tarantella auf, präzise, messerscharf. Dann swingt das Psalterium, rockt das Cembalo, bevor aus einer Stille-Oase vierteltönige Girlanden wachsen – der nahe Orient lässt grüssen. Auch der Duende meldet sich, der unberechenbare Dämon, der in andalusischen Flamenco-Rhythmen herumgeistert und so schwer greifbar ist. Ein atemraubendes Wechselbad aus Kontrolle und Freiheit – und vor allem ein Riesenspass.

Keine Chance für Puristen

Christina Pluhar hält sich mit ihrer Basslaute im Hintergrund. Wer weiss, dass das Instrument seinen Namen aus dem neapolitanischen Dialekt hat, wo der Begriff ein Mahlbrett bezeichnet, auf dem die Parfümeure und Apotheker ihre duftenden Essenzen zerreiben, der hat bei diesen traumtrunkenen Klängen vielleicht sogar den Duft von Zitrus- und Olivenbäumen in der Nase. «Verstocket eure Herzen nicht. Psalm 95» – steht über den Musikern an der Kirchenwand geschrieben. Wie sinnig: Im Kontext des Konzerts hätte das auch als Aufforderung an Barockpuristen im Publikum gelesen werden können. Der Begeisterung nach zu schliessen, fehlten sie an diesem Abend – oder wurden bekehrt.

Die Erweiterung der Spielzone findet vor Mitternacht auch im Nebengebäude der Kirche statt. Im mit Kerzen beleuchteten Beinhaus aus dem 12. Jahrhundert gestaltet der 26-jährige französische Cembalist Jean Rondeau Bachs «Goldberg-Variationen» (ab Blatt). Wer sich mit diesem tiefsinnigen Meisterzyklus auseinandersetzt, lotet nie nur das Werk aus, sondern stets auch seine eigenen Grenzen. Jean Rondeau lässt aufhorchen.

Mehr noch: Der Musiker, der mit seinem wilden Bart und Wuschelkopf aussieht wie der Prototyp eines Simmentaler Berglers, ist eine Entdeckung. Dass er auch komponiert, spürt man in seinem feingeistigen Spiel. Das hat Aplomb, Grösse, lebt von der polyfonischen Dichte, den dynamischen Registerwechseln, der Unabhängigkeit der Stimmen. Die Tempi der einzelnen Variationen sind in Bezug zueinander klug gesetzt. Doch vorab ist Rondeaus ansteckende Spielfreude, die begeistert. Nach dieser Nocturne wird man ihn im Auge behalten.

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