Eine veritable Geschichtslektion

Wie präsent Jazz im helvetischen 20. Jahrhundert war – das zeigt die Plattenreihe «Swiss Radio Days Jazz Series» des Montreux-Jazzlabels TCB.

Leichter, fliegender Spieler. Toots Thielemans in den Neunzigern. Foto: Getty Images

Leichter, fliegender Spieler. Toots Thielemans in den Neunzigern. Foto: Getty Images

Jazz erscheint in diesen Tagen wie eine Wildpflanze, die sich auf steinigem Gelände behauptet. Wie erklärt sich denn sonst, dass sich junge Jazzer in der Stadt Zürich im Gamut-Kollektiv zusammentun und ein internationales Festival gründen? Wie, dass in St. Moritz ein umtriebiger Sonnyboy ein weit ausstrahlendes Jazzfestival gegründet hat, und dieser Christian Jott Jenny wird gleich auch noch zum Gemeindepräsidenten des Nobel-Ferienorts gewählt? Und in Montreux sitzt die ursprünglich aus Basel stammende Anwältin Barbara Frei Schmidlin. Nach dem Tod ihres Lebenspartners, des Drummers Peter Schmidlin, hat sie 2015 dessen Jazz-Label TCB übernommen. «Ich habe den Plausch an der Label-Arbeit», sagt sie im Gespräch.

Vor Kurzem hat Frei Schmidlin das 44. Album ihrer «Swiss Radio Days Jazz Series» veröffentlicht, was einher geht mit dem 25-Jahre-Jubiläum der Reihe im Hause TCB: Das Album bringt Radio-Aufnahmen des belgischen Mundharmonika-Virtuosen Toots Thielemans vom Cully Jazzfestival 1989 und 1990.

Man kann nun dieses Album einfach hören und sich vergnügen am leichten, am fliegenden Spiel Thielemans‘. Noch besser aber, man beachtet zusätzlich die weiteren Alben der «Swiss Radio Days Jazz Series»: Die Mitschnitte beginnen 1946 mit dem Don-Redman-Orchestra in Genf, führen über solche mit Miles Davis 1960 im Zürcher Kongresshaus bis hin eben zu denen mit Thielemans. Die Alben summieren sich am Ende zur veritablen Geschichtslektion über das, was sich alles schon jazzmässig ereignet hat in der Schweiz seit Mitte des letzten Jahrhunderts – zumindest geben sie einen Ausschnitt wieder.

Beim Hören der Aufnahmen stellt sich so etwas ein wie ein Staunen ein. Dieses ähnelt jenem, das man hatte, als Bruno Spoerri 2005 seine knapp 500-seitige Gesamtdarstellung «Jazz in der Schweiz» vorlegte. Jazz in der Schweiz? Da war doch was! Es ist dieses «da war doch was», das miterklärt, warum heute immer noch «was ist» mit dem Jazz. Viele unterirdische Linien sind vom damals ins Heute weitergelaufen, gerade etwa auch bei Barbara Frei Schmidlin, die einem von einer Jugend mit unzähligen Jazzplatten und einem Vater erzählt, der sämtliche Oscar-Peterson-Alben besass.

Ursprünge des Schweizer Jazz

So wird einem das Schmökern in den 44 TCB-Alben zur Gesellschaftskunde über den Schweizer Jazz. Man erfährt diesen zuallererst als etwas Geschichtstiefes – als etwas, das in den 1950ern und in den 1960ern (und schon vorher) nachhaltig von schwarzen Amerikanern in die Schweiz getragen wurde: Ben Webster, Dexter Gordon, Nat King Cole, Miles Davis… Auch die spätere Entwicklung eines sich von den US-Vorbildern emanzipierenden europäischen und mithin helvetischen Jazz ist auf den TCB-Alben nachzuhören. Auf nicht weniger als 13 CDs ist der Zürcher Pianist Klaus Koenig zu hören, der mit zwei Kollegen – zumeist Drummer Peter Schmidlin und Kontrabassist Peter Frei – den hiesigen Jazz vorführt. Das Trio begleitet oft auch europäische Solisten wie etwa Albert Mangelsdorff (Vol. 22) oder gleich Schweizer Solisten wie den Zürcher Tenoristen Thomas Grünwald (Vol. 39).

Noch eine weitere Lektion vermittelt die «Radio Days»-Plattenserie: Mitte der 90er-Jahre von den Radio-Jazzredaktoren Yvan Ischer und Peter Bürli angestossen, bringt sie ausschliesslich Mitschnitte von SRF (vormals DRS bzw. Beromünster). Die Reihe zeigt so, wie das öffentlich-rechtliche Radio den Jazz hierzulande über Jahrzehnte hinweg portierte – auch mit selber veranstalteten und live übertragenen Konzerten in allen Landesteilen, neben der eigentlichen Berichterstattung.

Bis heute ist Radio SRF diesem Anliegen treu geblieben. Es berichtet wie kein anderes Medium über die Jazzmusik hierzulande. Und wässert so den Humus unter der wilden Blume Jazz. Swiss Radio Days Jazz Series, Vol. 44: Toots Thielemans Presents the Thierry Lang Trio, Cully 1989 & 1990 (TCB). Weitere spannende kürzliche Erscheinungen in der Serie: Ray Charles Orchestra, Zurich 1961 (Vol. 41). Sonny Rollins Trio & Horace Silver Quintet, Zurich 1959 (Vol. 40).

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