Eine Stimme wie Sand und Rost

Er war ein grosser Chansonnier – und ein grosses Schlitzohr. Charles Aznavour ist 94-jährig gestorben.

Der Sänger mit armenischen Wurzeln wurde mit Liedern wie «La Bohème» und «Emmenez-moi» berühmt. Video: AFP

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Man erinnert sich an eine Begegnung in Paris. Charles Aznavour war 84 Jahre alt damals, in der dunkelblauen Jacke mit den grossen goldenen Knöpfen wirkte er noch kleiner, als er war. Sieben Interviews hatte er bereits gegeben an dem Tag, erledigte aber auch das achte noch mit der Energie eines 20-Jährigen – und mit dem Charme eines Entertainers, der weiss, wie man ein Publikum für sich einnimmt, selbst wenn es nur aus einer einzigen Journalistin besteht.

Seine Karriere lief noch auf Hochtouren damals, und soeben hatte er das Angebot erhalten, armenischer Botschafter in der Schweiz zu werden. Er nahm den Job an, seiner Heimat Armenien zuliebe, wo er verehrt wurde wie ein Heiliger. Und auch, weil es steuertechnisch günstig war, wie er grinsend einräumte. So war Charles Aznavour: grossherzig, unkonventionell, politisch ebenso engagiert wie auf der Bühne – und ein Schlitzohr.

Sein Charisma hat ihm schon früh Türen geöffnet. Geboren wurde er 1924 als Shahnourh Varenagh Aznavourian in Paris, wo seine Eltern ein armenisches Restaurant eröffnet hatten. Sein Vater war eigentlich Bariton, die Mutter Schauspielerin; sie waren aus ihrer Heimat geflohen, um dem Völkermord 1915 zu entgehen. Und sie förderten schon bald die künstlerischen Begabungen ihres Sohnes: Mit 9 schrieben sie ihn in einer Theaterschule ein, bald stand er in kleineren Rollen auf der Bühne. Als Teenager tingelte er zusammen mit dem Pianisten Philippe Roche durch die französischen Clubs und Kabaretts.

Und dann wurde er 22 – und lernte Edith Piaf kennen. Ob sie ein Paar wurden, ist eines der Geheimnisse, die er so überaus gentlemanlike nie verraten hat. Jedenfalls hat sie ihn auf Tournee mitgenommen, ist in Frankreich und in den USA mit ihm aufgetreten. Und hat ihn dann seine eigene Karriere machen lassen.

Es wurde eine grosse Karriere. Lange war es eine doppelte, die Schauspielerei war eine Herzensangelegenheit für Charles Aznavour; in über siebzig Filmen hat er mitgewirkt, wobei er nicht besonders wählerisch war. Unvergesslich immerhin sein Auftritt in François Truffauts grossartigem Film «Tirez sur le pianiste» (1960).

«Schiessen Sie auf den Pianisten» – im Filmklassiker von 1960 spielt Aznavour den Musiker Charlie Kohler, der seine Vergangenheit hinter sich lassen möchte. Quelle: Youtube

Aber die Chansons wurden bald einmal wichtiger (und erfolgreicher). Über tausend davon hat Aznavour geschrieben, wobei er stets vom Text ausging. «Als Migrantensohn mit einem Minimum an Ausbildung bin ich fast zu einem Dichter geworden», sagte er – und sein Stolz war durchaus berechtigt. Er hat es sich nicht einfach gemacht mit seinen Texten, hat viel gelesen, etymologische Lexika konsultiert (aber nie ein Reimlexikon). Es sei, wie wenn man ein schwieriges Kreuzworträtsel lösen müsse, sagte er damals in Paris: «Man muss die exakten Worte finden.»

Es waren in seinem Fall vor allem Worte für die Liebe, und wie exakt sie waren, hört man zum Beispiel in «Et pourtant»: Selten hat einer das Ende einer Liebe, die eben doch noch nicht zu Ende gewesen wäre, so schön besungen. Denn Aznavour hatte nicht nur Sinn für die Texte; auch die Melodien stammten nicht immer, aber doch sehr oft von ihm. Und dann war da natürlich seine Stimme: eine Stimme mit Schmelz und Charakter, «mit Sand und Rost», wie es einmal einer beschrieben hat. Aznavour konnte im Staccato Karten verteilen in «Poker», er konnte einen zum Weinen bringen in «La mamma», und er konnte durchaus auch die Sittenpolizei gegen sich aufbringen. «Après l’amour» etwa durfte in den 1960er-Jahren nicht gespielt werden am Radio.

Politische Chansons hat Aznavour im Unterschied etwa zu Yves Montand kaum geschrieben. Sein Engagement für Armenien fand neben der Bühne statt – wobei er auch hier viel Wert auf Stil legte. Er hat stets betont, dass die heutigen Türken nichts mehr mit den alten Geschichten zu tun haben, «aber das hindert mich nicht daran, das zu verlangen, was Armenien zusteht»: Die Anerkennung des Völkermords nämlich, für die sich Aznavour als Chansonnier wie auch als Botschafter eingesetzt hat.

In die Schweiz, genauer nach Genf, war er übrigens gezogen wegen Steuergeschichten, über die er durchaus offen sprach. Genauso wie über die Verkleinerung seiner nach wie vor imposanten Nase, seine Haartransplantation («weil ein Entertainer mit Glatze damals einfach nicht möglich war»), seinen in den Anfängen beträchtlichen Alkoholkonsum oder die Tatsache, dass er erst mit der dritten Frau die richtige gefunden hatte. Aber auch das tat er mit der ihm eigenen Contenance, mit jenem Stilempfinden, mit dem er sich über schludrige Umgangssprache oder vulgäre Songtexte aufregen konnte: «Heute sagen alle, sie seien ‹en vélo› unterwegs, und ich rufe dann immer ‹à! Es heisst à vélo!›.»

Das Lied «La Bohème» wurde 1965 zum internationalen Hit. Aznavour schrieb es zusammen mit Jacques Plante. Quelle: Youtube

Einzig in den musikalischen Arrangements hat ihn seine Stilsicherheit manchmal verlassen. Er hat sie nie selbst geschrieben, sondern von anderen gestalten lassen – wobei er es mochte, wenn seine Chansons sich verwandelten. Er sang sie jazzig oder mit sinfonischer Begleitung, und gern liess er sich auf alle möglichen oder auch unmöglichen Duette ein, mit Placido Domingo, Herbert Grönemeyer, Céline Dion und vielen anderen.

Die Kritiker rümpften dann jeweils die Nase. Aber Aznavour konnte das nichts anhaben, und auch seiner Musik nicht. Ein missglücktes Arrangement brachte einen nur dazu, sich ein anderes anzuhören: mit Klavier, mit einem kleinen Ensemble. Hauptsache, die Musik schuf jene Atmosphäre von dunkelrotem Samt und diskreter Beleuchtung, die es braucht für diese Chansons, die zu den schönsten gehören, die je geschrieben worden sind, und von denen weder er selber noch sein Publikum je genug bekommen haben. Viele Abschiedstourneen hat Aznavour unternommen, immer wurde er danach trotzdem wieder auf eine Bühne gebeten, und er lehnte dann manchmal ab und öfter auch nicht.

«Ich bin ein glücklicher Mann», hatte er damals in Paris gesagt. «Seit 44 Jahren bin ich mit derselben Frau verheiratet, meine Kinder machen keine Dummheiten, und wenn ich ein Konzert gebe, ist der Saal voll.» Nun ist Aznavour 94-jährig in der Provence gestorben. Und freut sich vielleicht irgendwo über die Massen, die um den grossen, kleinen Chansonnier trauern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2018, 15:25 Uhr

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