Ein wunderbarer Teil des Problems

Je grösser der Aufwand, desto grösser der Ertrag: Diese Rechnung ging an der 8. Ausgabe der Jazzwerkstatt Bern nicht auf.

Man fühlte sich an den Sadomaso-Jazzfilm «Whiplash» erinnert: Saxofonist Marc Stucki lärmt mit dem HKB Lare Ensemble um die Wette.

Man fühlte sich an den Sadomaso-Jazzfilm «Whiplash» erinnert: Saxofonist Marc Stucki lärmt mit dem HKB Lare Ensemble um die Wette.

(Bild: zvg)

Es gibt Fragen, die man im 21. Jahrhundert besser nicht mehr stellt – ausser man will in die Bredouille geraten. Zum Beispiel: Was ist Jazz? Die Jazzwerkstatt Bern hat aus der Not quasi eine Tugend gemacht und begreift Jazz als «Four-Letter-Word», mit dem man anstellen kann, was man will.

Das Resultat war auch im Jahr 8 ein Wundertüten-Anlass, bei dem sich das Publikum seine Feierlaune durch nichts verderben liess – Optimisten mögen diese allumfassende Akzeptanz als Zeichen von Offenheit und Neugierde deuten, Kulturpessimisten würden dagegen wohl eher von einem Hang zu Kritiklosigkeit sprechen.

So ist es eigentlich unverständlich, dass man in Jazzkreisen regelmässig ein Hohelied auf die Freiheit anzustimmen pflegt und dann ein Projekt beklatscht, bei dem Studenten, Absolventen und Dozenten der Hochschule der Künste Bern (HKB) zu unkreativen, gut dressierten «Musiksklaven» am Gängelband des berühmt-berüchtigten Neue-Musik-Brutalos Michael Wertmüller degradiert wurden. Man fühlte sich an den Sadomaso-Jazzfilm «Whiplash» erinnert – und tatsächlich erwähnte der Dirigent Django Bates diesen himmeltraurigen Streifen in einer Ansage.

Keine Frage: Das rhythmisch hochkomplexe, dynamisch mehrheitlich undifferenziert laute Gedröhn wurde souverän und konsequent umgesetzt und entfaltete eine überwältigende Wirkung (viele Musiker spielten mit Ohrenpfropfen). Aber das tut eine Panzerflotte oder ein Luftwaffenkampfgeschwader auch. Immerhin gab es ein paar frei improvisierte Teile, bei denen sich so etwas wie Klangzauber entfaltete. Und der mit allen Wassern gewaschene Draufgänger-Berserker Lucas Niggli trommelte sich um Kopf und Kragen. Und Marc Stucki machte als «Ersatzbrötzmann» keine schlechte Figur.

Bescheidenheit als Zierde

Nun ist es wahrlich kein Geheimnis, dass Wertmüller nicht die Reinkarnation des Menschenfreundes und Bigband-Magiers Duke Ellington ist – umso unverständlicher, dass es überhaupt zu diesem überflüssigen Auftragswerk kam. Wie eine richtig gute, normale Jazz-Bigband heutzutage klingt, zeigte Patrick Schnyder mit seinem gut gelaunten Jazz Orchestra – am Schluss applaudierten nicht nur das Publikum, sondern auch Schnyders Kompagnons.

Vielleicht sollte man an der HKB mal ein Symposium durchführen, bei dem halt doch die Frage «Was ist Jazz?» aufs Tapet gebracht wird. Da würde man dann hoffentlich merken, dass im Jazz die Qualität nicht mit der Anzahl Notenständer wächst. Und dass der typisch europäische Hang zu konstruierten Konzepten der «Afro-Logik» des Jazz zuwiderläuft (um einen Begriff des Jazz­posaunisten und musikwissenschaflichen Oberschlaumeiers George Lewis aufzugreifen).

Im Jazz ist Bescheidenheit nicht selten eine Zierde. Dass hat gleich im Anschluss an Wertmüllers post-pubertären Dezibel-Terrorismus der Schlagzeuger Christoph Steiner mit seinem neuen Trio Espace Argot gezeigt. Mit Chris­toph Grab (Saxofone) und Florian Favre (Tasten) spielte Steiner eine wendige, humorvolle Musik – manchmal überkandidelt, manchmal süss, manchmal schräg.

Da ging es nicht um Krampf und Kampf und auch nicht um überbordende Ambitionen. Im Vordergrund stand ganz klar der Spielwitz, und dieser wurde von Steiners Vorgaben an ein paar überraschende Orte gelenkt. Originalität wurde nicht gesucht, sondern man stolperte sozusagen mit Nonchalance darüber.

Lustigerweise scheint man sich auch in der Jazzwerkstatt nur schwer von altmodischen Konventionen lösen zu können. Während beim Auftritt von Steiners Fun-Guerilla-Trio die Bar in der Progr-Turnhalle offen blieb, wurde die Ausgabe von Tranksame beim Auftauchen eines edlen Streichquartetts eingestellt. Das Signal war klar: Achtung, jetzt wird Kunst gemacht!

Tatsächlich hat das Werk, das Luzia von Wyl für eine Crossover-Formation aus Dejan Terzic’ Prog-Jazz-Quartett Melanoia und dem französischen Quatour IXI komponierte, einen hohen Kunstanspruch. Dieser wurde allerdings nur stellenweise eingelöst – einerseits blieben die Parts für das Streichquartett weit hinter den von Bartok & Co. gesetzten Massstäben zurück, andererseits kam die Improvisationskompetenz der Jazzmusiker nur sehr gebremst zum Zug – den fantastischen Altsaxofonisten Hayden Chisholm hätte man zum Beispiel viel lieber mit seinem Standards-Trio gehört.

Die Zusammenführung von zwei Ensembles führte also nicht zu einem kreativen Quantensprung, sondern zu einer attraktiven, aber nicht wirklich tiefschürfenden «Weder-Fisch-noch-Vogel-Musik». So bringt man den Jazz auch nicht wirklich weiter.

Melancholie und Exzentrik

Es stellt sich allerdings die Frage, ob man den Jazz überhaupt weiterbringen muss. Hat er es nicht bereits sehr weit gebracht? Wäre letztlich eine Rückbesinnung auf seine Haupttugenden (spontane Interaktion, Versöhnung zwischen Individuum und Kollektiv respektive zwischen Freiheit und Ordnung) nicht viel zielführender als das Festhalten an einem Novitätenwahn, der Zugzwang statt Nachhaltigkeit erzeugt?

In diesem Sinne wäre die Jazzwerkstatt mit ihrer Fokussierung auf nigelnagelneue und spezielle Projekte kein Teil der Lösung, sondern des Problems – allerdings ein wunderbarer Teil, den man nicht missen möchte.

Nicht zuletzt bringt die Jazzwerkstatt auch Musiker nach Bern, die hier wohl sonst nie auftauchen würden. Die Entdeckung dieses Jahres war der polnische Sänger Grzegorz Karnas, der mit einem polnisch-schweizerischen Quartett auf unspektakuläre, aber doch hypnotische Weise zwischen Melancholie und Exzentrik pendelte. Mit seinem Landsmann Mariusz Prasniewski (Bass) sowie Florian Möbes (Gitarre) und Domi Chansorn (Schlagzeug) trat Karnas in einen empathisch-emphatischen Dialog.

Der Bund

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