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Ein Wagnis zur besten Sendezeit

Der fabelhafte Solist Daniel Müller-Schott, das Berner Symphonieorchester und weitere schufen gemeinsam ein grosses musikalisches Kino.

Daniel Müller-Schott ist eine der Hauptfiguren an diesem Abend.
Daniel Müller-Schott ist eine der Hauptfiguren an diesem Abend.
zvg/daniel-mueller-schott.com

Er gehört nicht wirklich zum Thema, aber ein Mann steht in der Berner Bahnhofunterführung und spielt Geige. Die wenigen Takte, die der Rezensent auf seinem Weg mitbekommt, sind leidenschaftlich intoniert und technisch perfekt. Und sie sind eine ungeahnte Einstimmung auf die Geschichte, die eine halbe Stunde später in der Kursaal-Arena ihren Lauf nimmt, eine Geschichte mit zahlreichen Hauptfiguren.

Fundament für Wundersames

Den Anfang macht Hans Pfitzners Exkursion zu Palestrina. Während die gleichnamige Oper aus dem Jahr 1917 nicht nur aus praktischen Gründen schwer aufzuführen ist – wem stehen schon fünfzig Vokalsolisten zur Verfügung? –, sondern nicht minder der arg deutschtümelnden Ansichten des Komponisten wegen, eignet sich die getragene Einleitung prima zur Eröffnung des Konzerts: Das Berner Symphonieorchester (BSO) bereitet unter Sebastian Weigles kundiger Leitung einen stabilen Boden, auf dem sich bald Wundersames ereignet.

Als Dmitri Schostakowitsch 1959 sein erstes Cellokonzert schuf, war er Stalins kulturpolitische Heimsuchungen zwar losgeworden – wodurch seine Musik sich jedoch keineswegs in gelöster Heiterkeit erging. Zu verschroben bleibt der Humor, zu eigenwillig das unverkennbare, teils groteske Vokabular. Eine packende Umsetzung erfährt das Werk durch das bescheiden bestückte Orchester und seinen Solisten Daniel Müller-Schott.

Da sind Olivier Alvarez’ vielschichtige Horneinwürfe und die vier Bratschen, mit denen der Cellist auf betörende Weise duettiert, scharf gezupfte Pizzikati und überhaupt eine unheimliche Präzision, die sämtlichen polyrhythmischen Widerborstigkeiten trotzt. Die grossartige Kommunikation zwischen Müller-Schott, Weigle und Konzertmeister Zohar Lerner hat daran massgeblich Anteil. Doch allein für

die Solokadenz, die Schostakowitschs Freund, dem virtuosen Mstislaw Rostropowitsch, auf die Saiten geschrieben wurde und den gesamten dritten Satz stellt, hätte sich der Besuch gelohnt. Für Gänsehaut sorgt schliesslich die feine Zugabe, ein Stück von Pau Casals, das Müller-Schott dem vor wenigen Tagen verstorbenen Dirigenten Jesús López Cobos widmet, mit dem er oft zusammengearbeitet hat.

Nach der Pause beginnt Hans Rotts 1880er-Sinfonie, wie die meisten anderen Gattungsbeispiele aufhören: mit massiven dynamischen Steigerungen und gewaltigem Pathos. Dennoch wirken die ersten zwei Sätze wie Präludien, die der gerade volljährige Komponist dem vorausschickte, was dann folgt. Letzteres überrascht aufgrund seines weit ausholenden, verschachtelten, mitunter heillos überfrachteten, doch unglaublich spannenden Charakters an jeder Ecke. Ein Register nach dem anderen erhält Gelegenheit zu brillieren, was nebst einigen Ungenauigkeiten im dritten Satz auch gelingt.

Spät entdeckt und frisch gewagt

Unbestrittener Held des Abends bleibt allerdings Alvarez, der mit seinem Horn eine solistische Kür aufs Parkett legt. Hans Rotts Œuvre, erst 1989 uraufgeführt, ist eine veritable Entdeckung, seine Programmierung zu bester Sendezeit ein Wagnis. Eine ganze Galerie voller Bilder im Kopf, entsinnt sich der Rezensent am Ende plötzlich der im Bahnhof verhallten Geigentöne – erfreut darüber, welch grosses musikalisches Kino ein einziger vernebelter Berner Abend ermöglicht.

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