Ein Schluchzer und eine Verneigung

Zwischen Gerumpel und purem Segen: Das 9. Be-Jazz-Winterfestival ist Geschichte.

Ania Losinger kommt erstmals mit Band. Aber ihr Bodenxylofon Xala bewährt sich als Teamplayer nicht ganz.

Ania Losinger kommt erstmals mit Band. Aber ihr Bodenxylofon Xala bewährt sich als Teamplayer nicht ganz. Bild: Franziska Rothenbühler

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Nach zirka vier Stücken geht ein kleines Raunen durch die Menge. Es soll nun also schon Schluss sein mit der allseits beliebten Klangmaterie, wegen der eigentlich alle gekommen sind: «So, das war nun garantiert unser letztes Jazzstück», spricht Jan Galega Brönnimann ins Saalmikrofon. Als sei der Jazz etwas, wofür man sich entschuldigen müsse.

Der weitere Verlauf des 9. Be-Jazz-Winterfestivals hat dann etwas ganz anderes untermauert. Er hat Zeugnis davon abgelegt, dass der Jazz ein wunderbar vieldeutiger Begriff ist und dass beileibe kein Anlass besteht, sich von ihm loszusprechen.

Und was immer das auch gewesen sein mag, was Jan Galega Brönnimann und seine beiden Komplizen am Eröffnungsabend des Festivals vorführten, es war von beglückender Grossartigkeit.

Der Bassklarinettist Brönnimann ist hier auf seinen Sandkasten- und Lehmhüttenkollegen Lucas Niggli gestossen. Beide sind in dem kleinen Kameruner Dorf Bafut aufgewachsen, sie kennen sich quasi seit dem ersten Lebensjahr. Und es sind abenteuerliche Geschichten aus dieser Zeit überliefert. Einmal sollen die beiden beim Zäuseln einen ganzen Urwald-Hang in Brand gesteckt haben.

Es gibt Momente von graziler Schönheit. Später zieht es die grazile Schönheit vor, mit einer Murmelbahn herumzualbern.

Am Be-Jazz-Winterfestival versetzen sie mit ihrem verspielten und doch vorwärtsdrängenden Afro-Jazz beinahe ein ganzes Auditorium in Hitzewallung. In ihre musikalische Mitte haben die beiden Afro-Schweizer den ivorischen Balafonspieler Aly Keita geladen, einen Mann, der schon in Bands von Leuten wie Joe Zawinul oder Jan Garbarek in Erscheinung getreten ist.

Und auch wenn die Besetzung mit Balafon, Bassklarinette und Hochenergie-Schlagzeug weder im Jazz noch im Jazzverwandten je zuvor erprobt worden ist, bleibt das kulturelle Fremdeln aus.

Strapazen und Belohnungen

Was mit einfachen Melodieführungen beginnt, wird im Verlauf des Auftritts immer komplexer, abenteuerlustiger und entfesselter. Brönnimanns Klarinetten dienen mal als elektronisch verfremdete Bassbegleitung, mal als solistische Werkzeuge, das Balafon Keitas wird bis an die Belastungsgrenze geklöppelt, und was Niggli hinter seinem Schlagzeug veranstaltet, ist ohnehin eine Disziplin für sich.

Das ganze Abenteuer ist nachzuhören auf dem kürzlich erschienenen Album «Kalo-Yele» (Intakt). Höhepunkt – sowohl auf der CD als auch am Konzert – ist die Ballade «Mamabamako», die Brönnimann für seine verstorbene Mutter geschrieben hat. Da schluchzt das Gemüt.

Die Frage, ob das noch Jazz oder nur noch so halb Jazz ist, stellt sich auch während des Auftritts der Pianistin Vera Kappeler und ihres Schlagwerkzeugers Peter Conradin Zumthor. Was er mit seiner Gerätschaft anstellt, das klingt streckenweise, wie wenn einer etwas unkonzentriert seine Geschirrspülmaschine ausräumt.

Mal tönt es auch nach Unheil. Und ein andermal wähnt man sich im Innern eines nicht ganz rund laufenden Uhrwerks, das seinerseits von einem nicht ganz rund laufenden Krawallbruder durchgeschüttelt wird. Kappeler bekleidet in diesem Konzert gewordenen Hörspiel die Rolle der Stoischen, die getragene Melodien in Superzeitlupe in die Klaviatur streichelt.

Düster ist das zuweilen, manchmal kurios. Da gibt es Momente von graziler Schönheit, und dann passiert es auch immer mal wieder, dass diese grazile Schönheit es vorzieht, mit Tellern, Blechen oder Murmelbahnen herumzualbern. Kurzweilig ist der Auftritt allemal. Und es ist fast wie im richtigen Leben: Auf jede kleine Strapaze folgt in schöner Kadenz etwas fürs Belohnungszentrum.

Eine einzige, fast eineinhalb Stunden dauernde Belohnung ist dahingegen das Duokonzert des Tenorsaxofonisten Andy Scherrer mit dem Pianisten Bill Carrothers. Hier der fast 70-Jährige, der mit der Elite der Jazzwelt gespielt und nebenbei als Lehrkraft an der Berner Swiss Jazz School eine ganze Armada von Schweizer Saxofonisten ausgebildet hat.

Da der eher unterbeschäftigte Wunderpianist, der in einem amerikanischen Kaff ein Einsiedlerdasein im Dienste des Jazz fristet und nach seinem Gastspiel in Bern befindet, er habe an diesem Tag mehr Leute gesehen als zu Hause in einem halben Jahr.

Katalog und Klasse

Der Auftritt der beiden wird fraglos zum Gipfel der heurigen Winterfestival-Austragung. Carrothers entpuppt sich dabei als Überrumpler im Kleinen. Er nimmt immer wieder Themen aus dem ewigen Jazzkatalog auf, zitiert sie, formuliert sie um, benutzt sie als Nährstoff für seine Improvisationen.

Das Spektrum reicht vom Swing eines Nat King Cole bis zum Wiegenlied eines Igor Strawinsky. Andy Scherrer bringt nichts von alledem aus der Ruhe. Er verwertet jede Vorlage mit Stil und Grandezza. Dieser Jazz ist von glorioser Eleganz, unaufgeregt und doch in jedem Moment höchst aufregend. Man möchte sich davor verneigen. Und man möchte hoffen, die Herren mögen doch noch ein wenig öfter aufeinandertreffen.

Eine Band, die wegen der eher langen Anfahrtswege der Musiker ebenfalls nicht regelmässig zusammenkommen kann, ist die Gruppe Skyjack aus Boston, Kapstadt, Bern und Zürich. Die Band, die sich im Rahmen der Berner Jazzwerkstatt gefunden hat, hat soeben ihr erstes Album eingespielt.

Dieses Prachtswerk kommt am Festival denn auch zur Aufführung. Das ist Freigeistjazz, der mal nach Äthiopien, mal nach Südafrika verweist, der mal Radau, mal Erholung im Sinn hat.

Die Frontzeile ist besetzt vom Saxofonisten Marc Stucki und vom Posaunisten Andreas Tschopp, zwei Draufgängern, die sich schon in der Street-Jazz-Gruppe Le Rex gerne zu solistischen Wildheiten anstacheln.

Hier sitzt ihnen dieses prima groovende Trio aus Südafrika im Nacken, aus dem vor allem der Pianist Kyle Shepeherd heraussticht. Der Mann ist in seiner Heimat bereits zu einer kleinen Jazzhoheit herangewachsen und wurde kürzlich zum drittstylischsten Mann Südafrikas erkoren. Das nützt ihm in der uneitlen Jazzwelt zwar nichts. Doch sein Stilbewusstsein hat sich hörbar auch auf sein Pianospiel übertragen.

Noblesse und Draufgängertum

Interessiert hat am 9. Winterfestival natürlich auch das neue Projekt Nen von Ania Losinger, die ihr Bodenxylofon Xala erstmals in einem Bandkontext zum Einsatz gebracht hat.

Ob es sich tatsächlich als Teamplayer bewährt hat, wurde in der Konzertpause in den gut besuchten Vidmarhallen kontrovers diskutiert. Was die Band um Mats Eser, Björn Meyer und Chrigel Bosshard kreiert, hört sich beim ersten flüchtigen Hinhören nach Entspannungsmusik an, und das tut es stellenweise auch noch beim zweiten und dritten Hinhören.

Die Musik spielt sich in eng abgesteckten Patterns ab, für Ausbrüche gibt es kaum Raum (umso ärgerlicher ist es, dass die furioseste Offensive Björn Meyers prompt mit einer geborstenen Basssaite endet).

Umwerfend ist das, wenn sich die differenten rhythmischen Muster raffiniert überlagern und zu einer rituellen Groovemusik verschränken. Doch die erinnerungswürdigsten Momente dieses Konzerts sind dann doch jene, in denen das Xala ohne oder zu minimaler musikalischer Begleitung betanzt wird.

Da wird dann auch wieder geraunt im Auditorium der Vidmarhalle. Dieses Mal aus schierer Begeisterung. (Der Bund)

Erstellt: 25.01.2016, 07:37 Uhr

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