Ein Garten ohne Eden

I Salonisti erinnern mit ihrem Projekt «als ob . . .» an die Musik, die im KZ Theresienstadt komponiert und gespielt wurde. Ein ambitiöser Abend im Progr, der nicht ganz hält, was er verspricht.

So sah die Aufführung im Modell aus. In Wirklichkeit hat die Konzert-Installation mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

So sah die Aufführung im Modell aus. In Wirklichkeit hat die Konzert-Installation mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

(Bild: zvg)

Bereits beim Betreten der Aula im Progr scheint der Raum mehr erzählen zu wollen, als das Halbdunkel preisgibt. Stephan Grögler, Berner Regisseur und Bühnenbildner, und Lukas Hasler (Technik) haben einen symbolischen Ort geschaffen. Es ist kein Salon für vermeintliche Salonmusik. Gemütlichkeit sollte hier besser keine aufkommen. Als Konzertbesucher fühlt man sich wie ein Hinterbliebener auf einem Friedhof: Man wandelt zwischen vergangenen Geschichten, unbekannten Namen, Geburts- und Todeszahlen, ohne zu verstehen, was war. Statt Namen gibt es hier Klänge. Statt Grabsteine ragen anonyme Lampenkugeln in die Höhe. Irrlichter im Dunkel; es ist ein Garten ohne Eden. Fahl leuchten die Köpfe von ihren kahlen Stäben. Auch wenn man als Zuschauer passiv an der Peripherie der dunklen Lichter­insel sitzt, ist man mittendrin.

«Musik aus Theresienstadt» verspricht das Programmheft und räumt gleich falsche Erwartungen aus dem Weg: Das Stück wolle nicht Betroffenheit wecken, keine Abgründe ausleuchten, keine Geschichtslektion sein (was spricht dagegen?). Es gehe nur ums Gedenken und um die Musik, die von jüdischen Komponisten wie Hans Krasa, Ilse Weber, Viktor Ullmann, Leo Strauss oder Karel Berman im Konzentrationslager geschrieben, komponiert und gespielt und für den Abend von Jiri O. Ruzicka u. a. für verschiedene Besetzungen bearbeitet worden ist. Es wird dann doch mehr. Allerdings anders, als man es sich gewünscht hätte.

Aus unsichtbaren Lautsprechern kommen Schritte näher. Wie das dröhnt von den schweren Schuhen! Sie verbreiten den lähmenden Klang eines unberechenbaren Willens, der zu allem bereit ist. An ihrem Hall liesse sich der leiseste Keim von Angst zum Flammenmeer aus Furcht entzünden. «Wir haben nur euer Wohl im Sinn», knistert eine Stimme ab Band. Weitere Stimmen werden im Laufe des Abends folgen. Überlebende aus Theresienstadt. Ihre Worte sind schlecht verständlich. Wie Piotr Plawner sein kleines Andante anstimmt, ein Solo in schwerem Moll, das Erich Schulhoff 1927 komponiert hat, beginnt auf der weissen Wand der bewegte Schatten des Geigers ein Eigenleben.

Bestraft und befohlen

Stimmig ist das und macht neugierig auf mehr. Verdienstvoll, dass sich I Salonisti für die Aufführung der im Konzertsaal unbekannten Werke von jüdischen Musikern aus Theresienstadt engagiert. Es besteht kein Zweifel, dass die in Stil, Ausdruck und Anspruch unterschiedlichen Stücke bei Piotr Plawner und Lorenz Hasler (Violinen), Ferenc Szedlak (Cello), Bela Szedlak (Kontrabass) und Gerardo Vila (Klavier, Harmonium) sowie der expressiven Sopranistin Gaëlle Méchaly in den besten Händen sind. Abwechslungsreich und präzise wird gestaltet. Und Ilse Webers inniges «Wiegala» klingt lange nach – schöne Momente. Doch die Aneinanderreihung wird dem Thema nicht gerecht. Es fehlt der Spannungsbogen, der Bezug zum «als ob . . .». Dass die Musiker mit theatralischen Mitteln die Inhalte zu verstärken suchen, wirkt zuweilen wie eine Ablenkung.

Bedauernswert aber ist vor allem, dass man über die Umstände und die Bedeutung des Musizierens in Theresienstadt und anderen Konzentrationslagern kaum etwas erfährt. Der Kontext vermittelt sich nicht von selbst: Wie soll ein (junger) Hörer verstehen, weshalb musikalische Kreativität in der Todesmaschinerie des KZ überhaupt möglich war. Oder wieso Musizieren einerseits bestraft und andererseits befohlen wurde. Hier hätte man ansetzen müssen. Den thematischen Unterbau, an dem sich die artikulierten Sehnsüchte und Ängste andocken lassen, fehlte. Zum Schluss bleibt ein letztes Licht. Und die Stille; sie sagt mehr als jeder Klang. Weitere Aufführungen im Progr: 14. 3. 
(18 Uhr), 15. 3. (15 Uhr), 19., 21. und 22. 3. (je 19 Uhr). Ausserdem im Rahmen der Schlosskonzerte Thun am 21. Juni, 17 und 19.30 Uhr.

Der Bund

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