Ein Flirt mit dem Sonnenlicht

Der Zürcher Dancehall-Sänger Stereo Luchs markiert auf seinem grossartigen Zweitlings-Mundart-Album den Stand der urbanen Musik. Zum Star taugt er trotzdem nicht: Dafür ist er zu eigenbrötlerisch.

«Vielleicht versumpfe ich jeden Abend in einer Bar und bringe nichts zustande»: Der Grübler Stereo Luchs. Foto: Samuel Schalch

«Vielleicht versumpfe ich jeden Abend in einer Bar und bringe nichts zustande»: Der Grübler Stereo Luchs. Foto: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein neuer Tag beginnt. Kräftige Sonnenstrahlen dringen durch die Spalten eines Rollladens im 26. Stock eines Zürcher Hochhauses. Sie treffen zielgenau auf das Gesicht eines Mannes, der dort schlafend im Bett liegt. Langsam öffnet sich eines seiner Augen. Dann das zweite. Sie gehören dem Zürcher Dancehall-Sänger und -Produzenten Silvio Brunner alias Stereo Luchs. Hier, in einem der Hardau-Türme, im wahrscheinlich höchstgelegenen Single-Haushalt der Stadt, ist sein neues Album «Lince» entstanden.

Und mit genau dieser Stimmung setzt es ein, mit dem Song «Sunne gaht uf» und zuversichtlichen, fröhlichen, chromatisch ab- und wieder aufsteigenden Synthie-Klängen, die alsbald durch einen sanft getakteten Offbeat und ­unendlich flächige Basstöne ergänzt werden.

Bei so ziemlich jedem anderen männlichen Künstler aus der Ecke der urbanen Musik würde dieser Einstieg wohl kitschig und platt wirken. Ein Song, der eigentlich nur die «Neuer Tag, neues Glück»-Metaphorik transportiert, hätte wohl kaum genug Kraft, ein Album zu eröffnen. Nicht so bei Stereo Luchs.

Der Song bildet die sanfte Einleitung zu einer Neupositionierung als Künstler. Statt wie auf dem Vorgänger «Stepp usem Reservat» von 2013 mit eher klassischem Reggae und forschem Dancehall empfängt er seine Zuhörer auf dem neuen Album mit einer frisch angerührten Soundmixtur. «Lince», italienisch für Luchs, klingt im besten Sinn nach 2017.

Mal nah am Rap, mal am Reggae

In der Musik treffen sich Dancehall, R&B, Hip-Hop, Trap, Afrobeat und Pop. Der Gesang, mal nah am Rap, mal nah am Reggae, ist mit dem Autotune-Effekt belegt. Nicht ganz zufällig klingt Verwandtschaft zu deutschen Produktionen der letzten Jahre an. Zu Raf Camora und Bonez MC und vor allem zu Trettmann und KitschKrieg. Letztere haben das Album mitproduziert.

«Ich habe mich lange gefragt, wie es musikalisch weitergehen soll bei mir», sagt Brunner, während er am Fruchtsaft nippt. Sich als 36-jähriger Schweizer im Dancehall weiterzuentwickeln, sei eine relativ schwierige Aufgabe. «In Jamaika lebt diese Kultur extrem von der Spontaneität. Jede Woche kommen Dutzende neuer Songs raus. Es sind superschnell produzierte Partysongs. Dafür habe ich in den letzten zwei, drei Jahren das falsche Leben gelebt.»

Die zwölf Songs stellen die Antwort auf die Frage dar, wie man als Architekt in den Mittdreissigern – Silvio Brunner arbeitet Teilzeit bei der Zürcher Bau­direktion – spannende, altersgemässe Songs macht und gleichzeitig seiner musikalischen Herkunft aus dem Reggae treu bleibt. Gleichzeitig ist es auch der finale Versuch des Künstlers, sich eine musikalische Plattform zu schaffen, die tragfähig genug ist für eine wirtschaftliche Existenz.

«Lince» erscheint beim Majorlabel Universal. Mit der Veröffentlichung des Albums will Brunner alles auf eine Karte setzen. Neben eigenem Output als Stereo Luchs sollen dann auch vermehrt Produktionen für andere entstehen. «Mal schauen, ob es klappt. Vielleicht versumpfe ich dann auch jeden Abend in einer Bar und bringe nichts zustande», sagt Brunner scherzend, während ihn vor dem Café Bebek die Herbstsonne im Gesicht kitzelt. Sie scheint den Luchs, der dem Unterholz entkommen ist, wirklich zu mögen.

Entstanden ist «Lince» vorerst im Alleingang. Am Laptop in seiner Wohnung produzierte er Beatskizzen und schrieb Textentwürfe. Finalisiert wurden die Songs schliesslich mit dem Produzentenduo KitschKrieg. In deren Berliner Wohnung wurde aller unnötige Ballast abgeworfen, eine klangliche Einheit geformt und alles so abgemischt, dass es kristallklar aus den Boxen perlt. Eine Bezeichnung für das zu finden, was sich musikalisch auf dem Album genau tut, fällt ihm schwer. «Ich finde das Bild mit den Postkarten sehr schön: Neben jenen von Zürich, London und Kingston liegen jetzt noch die von Atlanta, von Lagos oder eben Berlin-Kreuzberg mit auf dem Tisch.» Urbane Musik im Jahr 2017 ist ein wolkiges Gemisch von vielen Einflüssen.

Den Höhepunkt findet das Album ganz zum Schluss: «Ziitreis» heisst der Song, der so klingt, wie man es sich seit Jahren von urbaner Mundartmusik erhofft hatte. Ein Song, der noch weiter vordringt als «Monbijou» oder «Schall und Rauch» von Manillio – vielleicht weil er die Schnittstelle zu Pop nicht bewusst sucht, sondern sie ganz natürlich findet. Es ist ein Radiosong, der zugleich alle Qualitäten der Kunst in sich trägt.

Dass seine Mundart gelenkig ist und er damit Szenen und Bilder im Nu einfangen kann, hat er bereits in der Vergangenheit bewiesen. Nun zeigt er auch noch, dass er damit das Gefühl einer Lebensphase in wenigen Zeilen perfekt einfangen kann. «D Summer werdet chürzer und d Kater hebed länger ane./D Jungs mached Nachwuchs, studiered Babyname.//Schiebed Chinderwage, anderi ladet Tinder abe./Ich mach mis Ding, hol es Guinness us em Inderlade», singsangt er in «Ziitreis», dem zwölften Stück des Albums.

«Ich bin in einem Alter, in dem plötzlich recht oft von früher geredet wird. Mich nervt das immer ein wenig. Das klingt für mich dann immer so, als wäre das Leben schon abgeschlossen.» Der Song schliesst eine Platte ab, die genau von diesem «Jetzt oder nie»-Spirit geprägt ist. Und die sich, nach einigen ­trotzigen Momenten wie «Träne uf em Dancefloor», die Zuversicht durch und durch bewahrt.

Selbstanalyse des Sängers

Mit Stücken wie «Bellevue», das mithilfe der Stimme des jamaikanischen Sängers Natel einer eigentlichen Dancehall-Hymne gleichkommt, oder dem Liebeslied «Sie seit», das, statt romantische Floskeln zu wiederholen, eher in eine Selbstanalyse des Sängers kippt, stehen auch weitere Songs mit Breitenwirkung bereit.

Zugleich ist «Lince» voller Wagnisse: eine neue musikalische Ausrichtung, ausschliesslich Autotune-Gesang, zwischendrin ein Solostück des Solothurner Jungtalents Pronto, der sich so intensiv an den kapverdischen Afrobeat kuschelt, dass man meinen könnte, es handle sich um sein Album. Und dann noch die gemeinsame erste Single namens «Ufe», die sich auch mit viel Geschick in keine Schublade zwängen lässt. Musik mit gummigen Trap-Synthies, gepaart mit dubbigem Offbeat. Der Text dazu ist ein reines Suhlen im aktuellen Hochgefühl, reine Stimmungsmusik, ganz «State of the Art». Ein Stück, das auch die Hörerschaft unter zwanzig versteht.

Doch wird dies alles reichen, um aus Silvio Brunner endlich den Popstar Stereo Luchs zu machen? Wohl nicht. «Am liebsten sitze ich auch heute noch vor dem Laptop und mache einen Beat», sagt Brunner und hebt fast entschuldigend die Schultern. «Wenn ich nur das machen könnte, wäre ich der glücklichste Mensch.» Um seine Nase ständig ins künstliche Sonnenlicht zu halten, ist er auch heute noch viel zu grüblerisch und scheu. Das Luchs-Wesen kommt der Star-Werdung in die Quere.

Stereo Luchs’ «Lince» (Island Records/Universal) erscheint heute, 10. November. Plattentaufe am 1. Dezember im Club Exil in Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2017, 18:52 Uhr

Artikel zum Thema

Do The Reggay!

Toots Hibbert gilt als Erfinder der Genrebezeichnung Reggae. Nun tritt er am zweitägigen ETD-Reggae-­Festival auf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Mutter Erde …

KulturStattBern «Wie ist das jetzt mit diesem Programm?»

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...