Die Wiederholung des Gleichen

Das 29. Gurtenfestival muss sich gegen massig Konkurrenz behaupten: Zeitgleich finden in Europa rund 60 weitere grosse Musik-Happenings statt. Das spüren nicht nur die Veranstalter, sondern auch die Besucher.

Immer weniger Superstars treffen auf immer mehr Sommer-Festivals. Geisterstunde am Exit Festival 2011 in Serbien.

Immer weniger Superstars treffen auf immer mehr Sommer-Festivals. Geisterstunde am Exit Festival 2011 in Serbien.

(Bild: Keystone Balazs Mohai)

Ane Hebeisen

Die Pop-Karawane zieht wieder durch Europa, und sie ähnelt ziemlich exakt jener, die schon die letzten zehn Jahre durch den Kontinent gezogen ist. Die Affichen der grossen Sommer-Festivals unterscheiden sich zuweilen fast nur noch im grafischen Layout voneinander; der Gurten-Headliner Lenny Kravitz zum Beispiel beehrt zwischen Juni und Juli nicht weniger als 14 grosse europäische Open Airs.

Sponsoren holen Superstars in den Osten

Von diesen Open Airs gibt es jedes Jahr mehr. Für das Wochenende, an dem das Gurtenfestival stattfindet, werden in Europa zirka 60 weitere Grossbühnen aufgebaut – Tendenz steigend. Vor allem in Osteuropa ist der Zuwachs beträchtlich, und wo früher in Sachen Budgets noch auf kleinerer Flamme gekocht wurde, werden heute Gagen bezahlt, die mit jenen der grossen und alteingesessenen Festivals in Mitteleuropa mithalten können.

Während andere Musikveranstaltungen natürlich gewachsen sind, wird im Osten der meist langwierige Aufbau von Renommee und Kundenbindung mit dem Geld potenter Sponsoren wettgemacht, die sich auf dem Ost-Markt positionieren wollen. Die Sponsoren zahlen die Gagen der Superstars, die Festivals berücksichtigen als Gegenleistung die Sponsoren bei der Namensgebung.

Steigende Ansprüche

Das Festival Tauron Nowa Muzyka im polnischen Katowice etwa verdankt seinen Namen dem Energielieferanten Tauron. Beim Coke Live Music Festival in Krakau ist der geldgebende Sponsor ebenfalls schnell ausgemacht, ebenso beim Orange Warsaw Festival oder beim Heineken Balaton Sound im ungarischen Sziget. Und in Portugal jagen sich der Bierbrauer Super Bock und der Telekommunikations-Riese Optimo gegenseitig die Musik-Superstars ab.

Dieses Gebaren werde sich in der Schweiz wohl kaum etablieren, sagt Philippe Cornu, Programmleiter des Gurtenfestivals. «Die Sponsoren suchen sich im breiten Schweizer Angebot das Festival aus, das am besten zu ihnen passt, selber etwas auf die Beine zu stellen, macht hier keinen Sinn mehr.» Dass die Ansprüche der Sponsoren stiegen, stelle auch er fest, doch seien die Festivals in der Schweiz noch immer in der günstigen Position, die Sponsoren-Auftritte definieren zu können.

Kein Spielplatz für Sponsoren

«Als ich Mitte der Achtzigerjahre damit begann, im Thuner Schadaupark Konzerte zu organisieren, waren die Sponsoren froh, wenn sie Erwähnung im Programmheft fanden», erzählt Cornu. «Das ist natürlich heute anders, doch den Rahmen stecken immer noch wir ab.» Einen Auftritt, wie ihn die Teemarke Lipton beispielsweise am Interlakener Greenfield Festival hatte – der Sponsor verteilte Wasserpistolen und machte das Festivalgelände zum Kinderspielplatz –, wird es auf dem Gurten nie geben.

Das Problem in der Schweiz sind also nicht die Sponsoren, die mehr Macht begehren, es ist die Entwicklung des gesamten europäischen Festivalmarktes, der den Veranstaltern eines Gurtenfestivals Kummer bereitet. Das Berner Open Air gehört an diesem Wochenende europaweit bloss zu den mittelgrossen Anlässen.

Mit den Zugpferden Lenny Kravitz, Norah Jones, Snow Patrol und The Roots kann es sich im Direktvergleich mit der Konkurrenz in Sachen Glamour einigermassen sehen lassen, und das obwohl Snow Patrol und The Roots vor einigen Jahren noch im Gurten-Nachmittagsprogramm aufgeführt worden wären.

Kein Abstecher auf den Gurten

In den nächsten Jahren wird sich der Kampf um die besten Bands noch verschärfen. Ein Agent, der seine im Pop-Mittelstand angesiedelten Schützlinge an diesem Wochenende in Europa auftreten lassen möchte, hat mittlerweile eine schier unüberschaubare Auswahl an gleichwertigen Adressen. Und wo mehr Anbieter sind, da schiessen auch die Gagen in die Höhe.

«Wir waren beispielsweise an der Gruppe Justice interessiert», erzählt Philippe Cornu. «Die Band sagte ihrem Agenten, dass sie gerne am Melt! Festival in Deutschland auftreten möchte. Dann kam das portugiesische Optimus Alive Festival (das mit dem Telefonanbieter im Rücken) und machte ein Angebot, das so lukrativ war, dass kein anderes Festival mehr mithalten konnte. Nun reist die Band von Portugal nach Deutschland, und für einen Abstecher in die Schweiz reicht die Zeit nicht mehr.»

«Bands sind vermehrt auf Live-Auftritte angewiesen»

Über das aktuelle Gagen-Budget des Gurtenfestivals spricht Philippe Cornu nicht. Doch es ist kein Geheimnis, dass die Veranstalter in dieser Hinsicht klare Grenzen setzen: Ab geschätzten 18'000 Besuchern muss der Festivaltag selbsttragend sein. Vor zwölf Jahren gaben die Festivalmacher an, bei den 150'000-Dollar-Headlinern nicht mehr mitzubieten und lieber in die Breite zu investieren.

Heute ist diese Obergrenze klar in die Höhe gerutscht. «Die Gagenforderungen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen», bestätigt Cornu. «Einerseits, weil die Bands viel stärker auf die Einnahmen von Live-Auftritten angewiesen sind, und andererseits, weil die technischen Ansprüche von Jahr zu Jahr steigen. Eine LED-Wall auf der Bühne gehört schon fast zum unverzichtbaren Muss, ist aber immer noch sehr teuer.»

Keine Expansionsmöglichkeit

Der Gurten hat ein gewaltiges Problem: Das Festival kann diese Mehrkosten nirgendwo aufschlagen. Während andere Festivals das Gelände ein wenig erweitern und auf mehr Besucher hoffen können, ist dies auf dem Gurten aus geografischer Sicht nicht möglich. Eine Ticketpreis-Erhöhung akzeptieren die Besucher nur beschränkt. Also wird eher an der Quantität der Headliner gespart. Das ist einerseits ein Vorsatz, andererseits auch dem musikalischen Angebot geschuldet. Denn während die Zahl der Festivals zunimmt, stagniert das Angebot an Superstars schon seit längerer Zeit.

Die ganz grossen Bands (Muse, Red Hot Chili Peppers, Bruce Springsteen) verdienen sich ihren Sommerbatzen lieber auf eigenen Stadion-Tourneen, als sich an grossen Festivals den Lohn mit vielen anderen Bands zu teilen. Und die serbelnde Musikindustrie schafft es kaum noch, den Musiknachwuchs so zu positionieren, dass er sich für grössere Bühnen zu qualifizieren vermag.

Und so wird sie auch nächstes Jahr verdächtig ähnlich aussehen, die Pop-Karawane, die da durch den europäischen Kontinent ziehen wird.

Der Bund

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