Die Welt dreht sich im Greis

Vom Buben-Hip-Hop zum Erwachsenen-Pop: Der Berner Rapper Greis hat ein Chanson-Album eingespielt, auf dem er auch Mundartlieder singt. Ein musikalisches Ausrufezeichen.

Greis (rechts) hat seine Musikalität entdeckt, angestachelt wird er vom Gitarristen Benjamin Noti.

Greis (rechts) hat seine Musikalität entdeckt, angestachelt wird er vom Gitarristen Benjamin Noti.

(Bild: zvg)

Ane Hebeisen

Eigentlich hätte er ja schon längst damit beginnen sollen. Und an Anstachelungen hat es weiss Gott nicht gefehlt: In einem Interview mit dem «Bund» meinte er vor vier Jahren auf die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, mal einen neuen musikalischen Ausdruck auszuprobieren, dass ihm die Courage noch fehle, als Sänger und Chansonnier auf die Bühne zu treten: «Im Rappen bin ich besser als viele andere. In der Disziplin des Singens kann ich das nicht behaupten. Ich habe eine gewaltige Ehrfurcht vor dem Songwriting. Beim Gedanken, mich in dieser Welt behaupten zu müssen, rutscht mir jeweils schier das Herz in die Hose.» So tönte das damals.

Heute tönt das so: «Ich sehe mich als Lehrling, der ein Songwriting-Praktikum macht, und ich habe unheimlich viel gelernt. Im Rap gehöre ich zu den Besten, im Chanson bin ich irgendein Anfänger. Aber ich vertraue meinem Geschmack.»

Der Hip-Hop-Schlaukopf

Greis, alias Grégorie Vuilleumier, ist Berns markantester Hip-Hop-Schlaukopf. Kaum ein Schweizer Sprechsänger deutscht sein Leben derart wohlgezielt aus. Bei keinem verquirlen sich Schlauheit, Scharfblick und Wortwitz ähnlich locker zu Poesie. Und er ist einer der wenigen seiner Zunft, die Kontrolle über eine recht wohlklingende Singstimme haben. Doch irgendwie hat sich das Greis-Imperium musikalisch in letzter Zeit ein bisschen im Kreis gedreht. Das lag weniger an Greis selber als an dessen Langzeit-Produzenten Claud, der halt einfach das tat, was in der weiten Hip-Hop-Welt gerade en vogue war. Das tat er beileibe nicht schlecht, aber Greis hörte man nicht wegen seiner nonkonformistischen Beats, sondern fast ausschliesslich wegen der nonkonformistischen Ansichten des vortragenden Sprechsängers.

Rap zu Holzgitarre

Und nun hat er es also doch getan. Hat sich den Gitarristen seiner Live-Band gekrallt, hat Bassdrum und Sequenzer aus dem Produktionsprozess ausgesondert, und hat mit ihm ein – nennen wir es – Chanson-Album zusammengezimmert. Auslöser war die Aufforderung einer Radioredakteurin, er solle doch mal zu einer Holzgitarre rappen. Das hat er getan, es hat sich gut angefühlt, aus dem Rappen wurde immer mehr ein Singen und aus den Essays richtige kleine Lieder. Sechs davon liegen nun auf Tonträger vor.

Noti Wümié nennt sich das Aufeinandertreffen des Gitarristen Benjamin Noti und des Barden Grégorie Vuilleumier, die Stadt ist nach bester Hip-Hop-Guerilla-Promotion-Manier mit entsprechenden Klebern übersät, doch die juvenile Rap-Zielgruppe wird Greis mit diesem Album – trotz dieses Rückgriffs auf alte Popularitätsmehrungs-Strategien – kaum für sich begeistern. Andere werden dahingegen beginnen, sich erstmals ernsthaft für diesen 35-Jährigen zu interessieren.

Chansonnier und Frauenbegreifer

Und? Wie klingt er denn nun, der Greis in der Singer-Songwriter-Positur? Wird er die Troubadoure der Stadt das Fürchten lehren? Kommt ihm womöglich seine leidige Zweisprachigkeit in die Quere? Oder muss seinetwegen die berndeutsche Liedschreiber-Geschichte umgeschrieben werden? Die Antwort lautet: noch nicht. Aber das kann noch werden. Die stärksten Momente des Debüt-Albums von Noti Wümié sind jene, in denen sich die beiden in aller Entspanntheit zum Musizieren treffen und die grossen Liedschreib-Ambitionen aussen vor lassen.

Da ist etwa die wunderhübsche Pop-Miniatur «La Foule», in welcher Greis so manchem französischen Neo-Chansonnier den Rang abläuft. Da ist die Nummer «Temps Passe»: berndeutsche Strophe, französischer Refrain, internationale Klasse. Raffiniert verdrahtete Geschichten-Stränge werden hier zum Klingen gebracht, Greis rappt, doch im melancholisch-akustischen Dekor wirkt sein Sprechgesang eindringlich und grazil. Das Lied dauert fünf Minuten, und es würde auch dann nicht an Kitzel verlieren, wenn es doppelt so lange fortwähren täte.

Und da ist der frankofone Titelsong «Madeleine», ein ungeziertes und doch eingängiges Chanson, welches das Potenzial dieses Duos offenbar werden lässt: Ein derartiger Ohrwurm ist selbst Stephan Eicher schon länger nicht mehr geglückt. Der Gitarrist Benjamin Noti, der zuvor mit der Basler Band Penta-Tonic keine grossen Stricke zerrissen hat, legt hochkomplexe und doch Lied-dienliche Gitarrenspuren aus, ab und an wird ein wenig Perkussion eingesträuselt, alles bleibt geschmackssicher, in den Kitsch kippt das Ganze nur dann, wenn Greis dem Frauenbegreifer in sich allzu viel Freigang gewährt.

«Ich weiss, wo ich hingehöre»

Wie die grossen Meister wählt er gerne die Form des Zwiegesprächs, sei es mit dem Sensemann oder mit einem geschundenen Mädchen. Und die grossen Meister sind denn auch tatsächlich indirekt Pate gestanden: «Gut möglich, dass ich unterbewusst die Zwiegesprächsform mit der Chanson-Form assoziiere», sagt Greis. «Da kommt mir ‹Chanson pour l’ Auvergnat› von Brassens in den Sinn oder ‹Je suis venu te dire que je m’en vais› von Gainsbourg.» Aber auch der Schweizer Ehrenvorsitzende des hintersinnigen Mundartlieds, der wunderbare Manuel Stahlberger, hat Greis offensichtlich den Kopf verdreht. Doch dessen «Marianne» bekommt der ungebrochene Ernst nicht sonderlich gut, den ihr der Berner entgegenbringt. Das Stahlberger-Cover gehört nicht zu den Glanznummern der EP.

Wie es mit dem Projekt Noti Wümié weitergeht, ist nicht ganz klar. Grégorie Vuilleumier darf bald ein halbes Jahr im New Yorker Künstleratelier der Stadt Bern zubringen und will dort an einem neuen Greis-Album arbeiten. «Ich weiss, wo ich hingehöre», sagt der Neo-Chansonnier. «Ich möchte die Erfahrungen von Noti Wümié ins neue Greis-Album einfliessen lassen, freue mich aber auch darauf, neue Noti-Wümié-Songs zu schreiben.» Alle Türen offen, also. Weit offen auch für das beste Greis-Album aller Zeiten.

Reitschule Rössli Mittwoch, 11. Dezember, 20 Uhr.

Der Bund

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