Die Rede zur Lage der Nationen

Kate Tempest aus London rappte sich in Zürich ganz ohne Band durch ihr bravouröses neues Album «Let Them Eat Chaos». Es war ein Wutanfall im dichterischen Urzustand.

Da spricht keine Diseuse, sondern eine Musikerin: Kate Tempest solo auf der Bühne des Mascotte. Foto: Dominique Meienberg

Da spricht keine Diseuse, sondern eine Musikerin: Kate Tempest solo auf der Bühne des Mascotte. Foto: Dominique Meienberg

Christoph Fellmann@tagesanzeiger

Die Lichter blenden auf, als gelte es, eine Band zu beleuchten. Doch zu sehen ist nur das helle Gesicht von Kate Tempest, das sich an ein einzelnes Mikrofon presst, und ein Kranz aus orangeblonden Locken. Es ist Sonntagabend im ausverkauften Mascotte am Bellevue, und die 30-jährige Rapperin ist aus Reykjavik hergeflogen, wo sie in der Nacht zuvor aufgetreten ist. Bloss das ganze Equipment der Band ist nie in Zürich angekommen. «Aber wir haben ja mich ­dabei», sagt Tempest und legt a cappella los. Drei Viertelstunden rappt sie sich wuchtig und präzis auf den imaginären Beat durch ihr neues Album: «Let Them Eat Chaos», das gilt nachgerade für junge Künstlerinnen auf Tournee.

Kate Tempest, eigentlich Kate Esther Calvert, gehört mittlerweile zu den bekanntesten Exponentinnen der jungen Londoner Künstlerszene. Seit 2012 hat sie zwei Gedichtbände, drei Theater­stücke und zwei Rap-Platten herausgebracht, in diesem Jahr folgte mit «The Bricks That Built the Houses» («Worauf du dich verlassen kannst») auch ein erster Roman. Dessen Figuren kehren in den neuen Songs zum Teil wieder. Sie mühen sich durch ein Leben im Süd­osten von London, wo Tempest aufgewachsen ist, kämpfen mit sich und den Folgen der Gentrifizierung, liegen alleine wach in einer Welt, die ächzt unter ihren notorischen Katastrophen. Und in der alle anderen schlafen.

Hinein in die Köpfe

Es ist 4.18 Uhr in den 13 Stücken von «Let Them Eat Chaos», und Kate Tempest zoomt sich aus dem «endlosen, bewegungslosen», aber auch «terror­losen Schwarz» des Alls hinab in die nächtlichen Strassen von London und hinein in die Wohnungen ihrer sieben jungen Protagonisten. Sie tut es als stille, neutrale Beobachterin, sie bemerkt und registriert, beinahe wie eine Google­-Kamera, auch Details wie den kaputten Fiat Punto oder das Abziehbild an einem Fenster: Rapper’s Street View. Tempest schreibt heftig rhythmisierte, am Hip-Hop des Wu-Tang Clan und an der Slam Poetry geschulte Reime.

Wutanfall als Single: «Europe Is Lost».

Doch wie sie das Publikum dann hineinführt in die Köpfe und Gedanken von Gemma, Zoe, Bradley und all ihren anderen Helden, das erinnert vor allem an Dylan Thomas, den walisischen Dichter und Säufer, der 1954 in seinem Radiohörspiel «Under Milk Wood» ein englisches Küstendorf porträtierte. «Schau!» – wie Thomas spricht Tempest ihr Publikum direkt an und nimmt es an der Hand, hin zu den Londoner Zimmer­türen: «Wer ist das? / Heimstolpernd, heimlabernd / (...) / Vollrohr mit sich selber hadernd / Im Fenster eine Grimasse schlagend, sagend: / Werd mal ­erwachsen! / Das ist Pete / Er ist an dieser Strasse aufgewachsen.»

Mit rhythmischem Punch

Auf der Platte unterlegt die Band den Gang der Reime mit zurückhaltenden elektronischen Beats und meist synthetischen Mustern, die sich ständig verändern und so wie mitzufliessen scheinen mit den Szenen, die Kate Tempest am Mikrofon umreisst. Es ist eine kühl pulsierende, oft fast filmische Musik, die der rohen Indie-Ästhetik weit entrückt ist, wie sie vor zwei Jahren das Debüt­album prägte. Natürlich fehlt dieser suggestive Sound im Zürcher Auftritt, doch Tempest macht das wett durch den rhythmischen Punch ihres Vortrags. Sie spricht auf den Beat, lässt ihn für ein paar Zeilen ins Leere fallen, nimmt ihn ansatzlos wieder auf.

Lasst sie Chaos fressen: Kate Tempest und ihre Band spielen das neue Album für die BBC.

Beeindruckend ist weniger die Textmenge, die Tempest an diesem Abend ausspuckt – das können Rapperinnen nun mal. Was das Publikum nach den drei Viertelstunden vielmehr jubeln lässt, das ist der frei variierte, hoch musikalische Flow, den sie dabei aufrechterhält. Wer dabei war, als PJ Harvey kürzlich in Luzern in heiligem Duktus aus ihren Gedichten vortrug, der hörte Texte, die nach strengem Lektorat zu schreien schienen – oder nach jener neunköpfigen, bläserstarken Band, mit der die Rocksängerin wenige Tage später und viel überzeugender in Zürich aufspielte. Für Kate Tempest aber, die jahrelang über Spoken-Word-Bühnen tingelte, ist der Platz am offenen Mikrofon der dichterische Urzustand.

Das ist im Mascotte gut zu hören. Da spricht keine Diseuse, sondern eine Musikerin. Und sitzt sie mit ihrer Sprache nur erst im Kopf ihrer Figuren, wird sie zu deren empathischem Sprachrohr. Wie Pete reibt sie sich auf an dessen Gedanken an ein sinnlos verlebtes Leben, die Laut geben «wie ein Rudel hungernder Hunde». Wie Zoe stellt sie sich über den gepackten Zügelkisten vor, wie es sein wird im neuen, billigeren Viertel, und wie die Alteingesessenen sie sehen und flüstern werden: «Da kommt noch so ein verdammtes Exemplar.»

Sprachflow ohne Band: Kate Tempest performt «Tunnel Vision».

Und wie Esther, der Tempest kaum zufällig ihren zweiten Vornamen geliehen hat, ekelt sie sich in «Europe Is Lost» vor einem selbstbezogenen, in Schichten von Arbeit voranruckelnden Leben, das die Katastrophen da draussen – das Klima, die Kriege, die Kolonnen von Flücht­lingen – nicht einmal bemerkt. «Gut, manche bemerkens / Du siehst es am Emoji / Das sie posten.»

Der Aufstand findet statt

Die Rapperin hat diesen Wutanfall aus 153 Zeilen oder 823 Wörtern schon letzten Dezember veröffentlicht. Auf dem Album geht er nun in ein grösseres ­Generationenporträt ein – mit bitterer Pointe allerdings. Denn der Aufstand, dessen Beginn sie im Song zu spüren vorgibt, hat ja mittlerweile stattgefunden: «Der Brexit ist ein extrem gutes Beispiel für die historische Selbstvergessenheit, in der wir leben», hat Tempest erklärt. Der Aufstand erwies sich als Abwendung von der Welt, als eine Flucht in noch mehr Selbstvergessenheit.

Das ist die Diagnose, die diese Platte stellt: «Let Them Eat Chaos» beschreibt, wie die verdrängte, die kaputte Realität dieser Welt ins Bewusstsein derer zurückrieselt, die manchmal noch wach sind. Und wie es auch sie zerstört: «Schau», rappt Kate Tempest, «wie die Tragödie einer Person, die du nicht mal kennst / In deinen Albtraum dringt.» Da ist zwischen den Songs bereits ein schwerer Sturm aufgezogen und hat die sieben jungen Londoner auf die Strasse getrieben. Dort begegnen sie sich, klatschnass, aber zu einer kleinen, zufälligen Gemeinschaft vereint.

Und die Erzählerin? Die nimmt ihre Faust vom Mikrofon und macht sich auf die Suche nach ihrer Band.

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