«Hooligans haben an der WM keine Chance»

Autor Wladimir Kaminer über Putins WM, Russland als Gastgeber-Land und die miese Nationalmannschaft.

Russische Hooligans während eines «Trainings».

Russische Hooligans während eines «Trainings».

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Ihr bekanntestes Buch heisst «Russendisko». Welcher russische Song passt am besten zur WM?
Für einen Russen ist das eine schwierige Frage, weil jeder Song mit Text als ein Angriff auf das Regime gewertet werden kann. Ich würde deshalb sagen: «Dorogoi dlinnoju» – «Der lange Weg». Kennen Sie das Lied? (beginnt zu singen)

Ah ja.
Die Melodie kennt man in vielen Ländern, die Deutschen zum Beispiel singen das Lied am Karneval. International ist es auch als «Those Were the Days» berühmt. Aber es ist ursprünglich aus Russland, wo es als Volkslied gilt, obwohl es in Wahrheit von zwei schwulen Männern geschrieben wurde, die sehr gelitten haben. Der Titel des Lieds passt gut zur politischen Situation in Russland und zur Frage, was nach Putin sein wird.

Derzeit präsentiert er sich als Gastgeber der WM. Was will er erreichen?
Es ist sein Geschenk an das loyale Volk. Schliesslich müssen alle etwas von seiner ewigen Präsidentschaft haben. Seine Freunde bekommen die Staatskonzerne und die Milliarden, die Verwandten erhalten Immobilien im Ausland. Und das Volk eben die WM. Es gibt ein russisches Sprichwort, das gut zu Putins Regentschaft passt: Fussball für die Männer, Blumen für die Frauen und Eiscreme für die Kinder.

Russendisko von Wladimir Kaminer. Video: Youtube/Mayersche Buchhandlung

Inwiefern betreibt Putin mit der WM Aussenpolitik?
Er will das ramponierte Image des Landes ein Stück weit reparieren. Nach all den Kriegen, die Russland unter seiner Führung geführt hat, nach all den Lügen, die er erzählt hat, nach all der Weltherrschaftsrhetorik ist die WM ein politisches Mittel, um der Welt ein Stück Normalität zu zeigen: Guckt, Russland ist ein Land wie jedes andere auch. Aber natürlich ist es das nicht.

Sollten westliche Politiker die WM in Russland deshalb boykottieren?
Nein, ein Boykott bringt nichts. Es ist zu einfach, zum Nachbarn zu sagen: Ihr seid doof, mit euch reden wir nicht. Man muss im Dialog bleiben, auch wenn das Gespräch nichts bringt. Solange man im Gespräch bleibt, hat man Frieden in Europa. Und die russische Opposition bekommt während der WM vielleicht eine Verschnaufpause. Es werden keine Menschen in den Knast geschickt, während der Ball rollt.

Dafür gleich nach dem Finalspiel.
Aber vielleicht werden vorher ein paar politische Gefangene entlassen, was ich sehr hoffe. Zum Beispiel der ukrainische Filmemacher Oleg Senzow. Wenn nur einer freikommt, hat sich die WM gelohnt. Die Politiker sollen also hinfahren und mit Putin diskutieren.

Es ist wohl eher so, dass die Politiker still neben Putin auf der Tribüne sitzen werden.
Putin sieht sich als europäischen Politiker, sogar als den einzigen europäischen Politiker im Land. Er ist sehr auf sein ­Ansehen im Ausland bedacht. Er will an den grossen Tisch. Er will mit Angela Merkel ein Bier trinken. Russland braucht Europa, das weiss auch Putin. Das Land steht derzeit vollkommen allein. Natürlich wird die WM Russland nicht verändern. Aber ich hoffe, dass sie das Land ein Stück zurück auf den europäischen Weg bringt.

Will Putin das wirklich? Er inszeniert Russland doch gerne als Opfer einer internationalen Verschwörung, vor der nur er das Land beschützen kann.
Das stimmt, und diese Karte würde er wieder spielen, wenn es zu Boykotten käme. Deshalb ist es wichtig, dass die Welt zur WM erscheint und zeigt, dass sie nicht die Russen als Volk anprangert, sondern die Regierungspolitik. Die Russen sind ja keine Nordkoreaner, die komplett gebrainwasht sind. Gerade die junge Generation kann sich durchaus ihre eigene Meinung bilden, auch was Putin angeht. Nochmals: Man darf Putin nicht alleine und in Ruhe lassen. Vielmehr muss man ihm über das Gespräch beharrlich sein kaputtes Weltbild aufzeigen. So, wie es der österreichische Journalist Armin Wolf kürzlich in seinem sensationellen Interview mit Putin gemacht hat.

Wie politisch sollte die Fifa gegenüber Russland auftreten?
Wichtiger als politische Lippenbekenntnisse sind seitens des Weltfussballverbands hohe Anforderungen an die Organisation und die Infrastruktur des Turniers. So sind neue Bahnhöfe, Flughäfen und Strassen entstanden – Projekte, die sich nicht wie sonst in der korrupten ­Bürokratie auflösen.

«In den Austragungsstädten werden viele wegen der Sicherheitsmassnahmen kaum aus ihren Häusern kommen.» Wladimir Kaminer

Fast alle russischen Nationalspieler spielen in russischen Clubs. Das ist ungewöhnlich. Sind das alles Patrioten?
Die sind einfach zu schlecht für ausländische Top-Clubs. Trotzdem glauben 17 Prozent der Russen offenbar, dass sie die WM gewinnen. Die spinnen. Die russische Mannschaft ist so schlecht wie selten. Früher hatten wir gute Nationalmannschaften, aber die besten Spieler kamen oft aus der Ukraine, Georgien oder Armenien. Die stehen uns nicht mehr zur Verfügung. Vielleicht sollte Putin im Tor stehen! Aber tatsächlich: Das könnte eine wertvolle neue Erfahrung für das Land sein – nicht die Besten sein zu müssen, sondern einfach gute Gastgeber. Eine spannende Ausgangslage.

Wie gross ist die Chance auf ein russisches Sommermärchen?
Wie damals in Deutschland? Ich fürchte, dies wird kein Sommermärchen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Russen lieben Fussball. Aber in den Austragungsstädten werden viele wegen der Sicherheitsmassnahmen kaum aus ihren Häusern kommen. Einige Bürgermeister haben gar dazu aufgerufen, mal für ein paar Wochen aus der Stadt zu verreisen. Die Sicherheitsmassnahmen sind enorm, sie erinnern an Kriegszustände.

Der prominente Russland-Erklärer Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er lebt seit 1990 in Berlin und schreibt auf Deutsch, zum Beispiel «Russendisko» oder «Militärmusik». Bild: Keystone

Vor Hooligans braucht man sich also nicht zu fürchten?
Das russische Regime ist auf Sicherheit gebaut. Kein Land hat so viele Sicherheitsdienste und Sicherheitskräfte. Es gab unzählige Sitzungen zur Sicherheit an der WM, an vielen war Putin höchstpersönlich dabei. Wenn ein Fan nur ein bisschen nach Hooligan oder Demonstrant ausschaut, wird er von Ordnungshütern umringt sein.

Welches andere Russenklischee werden wir nach der WM nicht mehr haben?
Dass die Russen wie die Säcke saufen. Denn seit sechs Jahren haben sie eine ­Alkohol-Nulltoleranz im Strassenverkehr. Rund um die Stadien wird es auch Alkoholverbote geben. Es wird eine sehr nüchterne WM sein. Die Rolle der ausgelassenen Russland-Fans werden die russischen Zivilpolizisten übernehmen. Im Ernst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 20:25 Uhr

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Wladimir Kaminer

Der prominente Russland-Erklärer wurde 1967 in Moskau geboren. Er lebt seit 1990 in Berlin und schreibt auf Deutsch, zum Beispiel «Russendisko» oder «Militärmusik».

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