Zum Hauptinhalt springen

Die New Yorker Stadtmusikanten der Superlative

Bitte anschnallen! Der phänomenale Turbo-Saxofonist Chris Potter katapultiert das Jazzfestival Bern mit seinem erstklassigen Quartett in die Moderne.

Als Saxofonist kennt Chris Potter keine technischen Limiten.
Als Saxofonist kennt Chris Potter keine technischen Limiten.
Archiv

Um die Jahrtausendwende leitete Chris Potter ein modernes Jazz-Quartett der Superlative. Später gründete er mit Underground eine progressive Crossover-Combo der Superlative. Und nun vereint der Saxofonist der Superlative in seinem aktuellen Quartett divergierende ästhetische Aspekte dieser Gruppen auf gleichermassen meisterhafte und spektakuläre Weise. Potter bewegt sich vorwärts, indem er sich auf vergangene Errungenschaften besinnt.

Am Jazzfestival Bern wird der zeitgenössische Jazz aus New York nach wie vor stiefmütterlich behandelt. Das Gastspiel von Potters Quartett ist heuer die fulminante Ausnahme, die die Regel bestätigt. Tatsächlich hat noch kein Musiker dieser Formation das 50. Lebensjahr überschritten – am ältesten ist der Bassist Joe Martin mit Jahrgang 1970, Potter und der Schlagzeuger Nasheet Waits kamen beide 1971 auf die Welt, der Pianist David Virelles ist mit Jahrgang 1983 im Vergleich zu seinen Kollegen geradezu ein Jungspund.

Innovative Tradition

Nun sagt das Alter noch nichts über die musikalische Orientierung aus, doch bei diesen vier Musikern handelt es sich tatsächlich um hellwache Zeitgenossen, die sich am Puls der Zeit bewegen und die gleichzeitig derart gut mit der innovativen Jazztradition vertraut sind, dass sie nicht dem Zeitgeist auf den Leim kriechen.

So hört man im strahlenden und selbstsicheren Spiel Potters unter anderem Anklänge an John Coltrane, Wayne Shorter und Michael Brecker. Und Virelles bewegt sich ganz klar in einer Linie, die sich auf den widerspenstigen Surrealisten Andrew Hill zurückführen lässt: Zuweilen verwirbelt und zerfasert er die Linien oder er kontrastiert wilde Kaskaden mit dichten dissonanten Clustern – dabei wogt sein Spiel mächtig auf und ab.

Ist Potter ganz klar das auftrumpfende Zugpferd der vielschichtigen Band, so kommt Virelles eher eine subversive Rolle zu. Der Schlagzeuger Waits ist ein nimmermüdes Energiebündel und ein hinterlistiger Agent Provocateur: Kaum ein Zweiter balanciert derart souverän auf dem schmalen Grat zwischen Entfesselung und Kontrolle, Chaos und Ordnung wie dieser Wirbelwind, der als Sprössling von Freddie Waits das Faible für mitreissende Grooves sozusagen in die Wiege gelegt bekommen hat (Papa Waits spielte u. a. mit Andrew Hill, McCoy Tyner, Richard Groove Holmes, Lee Morgan und Freddie Hubbard). Bei Joe Martin laufen die Fäden zusammen, und er verknüpft sie so, dass ein zugleich festes und flexibles Gewebe ensteht.

Als Saxofonist kennt Potter kaum technische Limiten – dort, wo andere Saxofonisten längst an ihre Grenzen stossen, kommt für ihn der Zeitpunkt, den Turbo zu zünden. Potter geht es allerdings nicht um blosse Kraftmeierei, vielmehr setzt er seine atemberaubende Fulminanz als Gestaltungsmittel innerhalb dynamisch weit gespannter Bögen ein. Als Komponist ist Potter in den letzten Jahren stark gereift. Viele seiner Stücke zeichnen sich durch eine Verbindung von elegischer Schwermut mit rhythmischer Euphorie (inklusive Einflüsse aus Afrika und Indien) aus, wobei sich introspektive Abstraktion und expressive Action die Waage halten.

Beim Auftaktkonzert in Bern gab es neben Stücken von der CD «The Dreamer is the Dream» (ECM) auch neue Stücke zu hören, die noch keine Titel haben. Potter befindet sich als Komponist in einer sehr ergiebigen Phase – er sagt, viele seiner neuen Stücke enstünden in einer Art Traumzustand im Modus der freien Assoziation. Nicht zuletzt im volksliedhaft-hymnischen Titelstück der CD meint man den Einfluss von Paul Motian zu hören, mit dem Potter ja über viele Jahre zusammengearbeitet hat. Auf der CD spielt Potter das Thema dieses Stücks mit der Bassklarinette, im Konzert griff er dagegen zum Sopransaxofon und bewegte sich damit in viel höheren Tonregionen: Dies ist ein besonders prägnantes Beispiel dafür, dass Potter seine Stücke als formbare Materie versteht.

Weitere Konzerte bis Samstag, 29. April, in Marians Jazzroom.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch