Die Neuerfindung des Hasen

Kaum einer spottet so schön über die Welt wie Endo Anaconda. Für das neue Album von Stiller Has hat er sich eine neue Entourage angelächelt und den Blues-Rock über Bord geworfen.

Noch nie war der Has musikalisch so wendig: Endo Anaconda mit seinen Produzenten Mario Batkovic (l.) und Roman Wyss (r.).

Noch nie war der Has musikalisch so wendig: Endo Anaconda mit seinen Produzenten Mario Batkovic (l.) und Roman Wyss (r.). Bild: Michael Schär

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Es ist zunächst wie immer, wenn man mit Endo Anaconda zusammensitzt: Das Gespräch schlenkert munter zwischen Hoffnungslosigkeit und Heiterkeit, zwischen Defätismus und lustvollem Spott auf eine Welt, die gerade mal wieder darum bemüht ist, ihre Unvollkommenheit unter Beweis zu stellen. Alles sympathisch unfokussiert und gedanklich durchaus sprunghaft. Der Mann, der mit Herrenhut und verbeultem Pullover zu Besuch gekommen ist, wirft Filmzitate ein (Endo ist ein Freund herber Westernfilme), es werden Pausen des Nachdenkens einberaumt, und dann schmettert sie wieder los, die kehlige, markerschütternde Sprechstimme des Rustikal-Poeten, als der er in seinem Amt als Obmann von Stiller Has landläufig Ansehen geniesst.

Später, beim Zigarettenrauchen, wird Endo Anaconda indes einen Satz sagen, der in seiner Bedrohlichkeit etwas länger nachhallt: «Ich habe womöglich nicht mehr allzu lange Zeit», sagt er mit ernstem Gesicht, «das Alter, der Lebensstil . . . An meinen inneren Organen wurde herumgeschnippelt, dass ich bald als Hologramm auftreten könnte.»

Die ramponierte Gesundheit im Verbund mit einer Art Nahtoderfahrung haben den stämmigen Mann nachdenklich gemacht und dazu bewogen, nur noch nach dem musikalischen Lustprinzip zu agieren. Im Oktober 2011 sei er mit einer Nierenkolik ins Spital eingeliefert worden. Die Ärzte hätten als lebenserhaltende Massnahme am oberen Ende des Endo Blut reingeschüttet, das am unteren Ende wieder rausgeflossen sei. Knapp seis gewesen. Dennoch war er bald wieder auf Tournee und im Studio, nahm das wankelmütige Album «Böses Alter» auf und tat zunächst so, als sei nichts geschehen. Irgendwann sei jedoch die Erkenntnis gereift, die verbleibende Zeit nicht zu vertun. Endo Anaconda wollte musikalisch Neues ausprobieren, sich nochmals frischen Impulsen aussetzen. Der Has musste einen Haken schlagen, um zu überleben.

Akkordeon und Balladenpiano

Für sein neues Album «Endosaurusrex» hat er also alles über Bord geworfen, was vorher war: Band, Produzenten, Studio, seinen alten Gefährten Schifer Schafer – alles. Und wenn man es sich so anhört, dieses neue Album, dann klingt es zwar nicht etwa frisch – man könnte sogar konstatieren, dass es eher antiquarisch anmutet, mit all seinen Handorgeln, Mandolinen, Banjos und Spaghettiwestern-Gitarren –, doch es ist meist eine ziemlich elegante Form der Gestrigkeit, die da entstanden ist. Jedenfalls hat sich Endo endlich dieser Blues-Rock-Speckledrigkeit entledigt, die sich in den letzten Jahren in die Tonspur zu seiner Poesie eingenistet hatte und ein bisschen absehbar zu werden drohte.

Gleich zwei Produzenten hat sich Endo Anaconda für die Neuerfindung von Stiller Has angelächelt. Der eine ist Mario Batkovic, so etwas wie der Mann der Stunde im Berner Musikzirkus. Der Akkordeonist wird im März ein Soloalbum auf dem Label des Portishead-Oberhaupts Geoff Barrow veröffentlichen, der sich hoffnungslos in den Berner mit dem schnaubenden Instrument und seiner maximal abgedunkelten Minimalmusic verguckt hat. Für Stiller Has hat er einen Sound entwickelt, in dem der balkaneske Blues ebenso zu Hause ist wie der abgetakelte Kleinkunst-Rock. Er beobachte und schätze Batkovic schon seit seiner Zeit bei der Gruppe Kummerbuben, sagt Anaconda. «Ich mag diese Mengung aus musikalischem Genie und Kindskopf.»

Vier der zwölf Lieder gab Endo in die Hände des Musikers und Komponisten Roman Wyss, ein Mann, der bis anhin eher schwer zu deutende Spuren im helvetischen Musical- und Kleinkunst-Milieu hinterlassen hat. Seine Beiträge auf «Endosaurusrex» schwanken zwischen aufwendig arrangiertem Nachtclub-Blues (prima: «Hung») und gefühligem Richard-Clayderman-Geschwurbel (schlimm: «Flieder»). Vor allem dann, wenn er sein Balladenpiano herankarrt, ist meist nichts Gutes zu erwarten. Auch Mario Batkovic hat dem Album die eine oder andere Ballade beigesteuert, doch seine Idee von Gefühligkeit ist irgendwie subversiver als jene von Roman Wyss, sie ist mit Störgeräuschen, Mandolinen und gehörig Jugo-Schmäh unterfüttert.

Vom Poeten zum Sänger

Das neue Album von Stiller Has steht und fällt mit der Form der musikalisch Verantwortlichen. Um das zu verstehen, sei kurz beschrieben, wie dieses Projekt überhaupt funktioniert. Endo Anaconda schreibt seine Texte und Verse zunächst ohne musikalische Begleitung – «allerdings steckt in der Poesie schon eine ganze Menge Musikalität». Doch zu Melodie, Blues und Weltschmerz werden die Texte erst im Verbund mit der Musik, die sich seine Partner dazu ausdenken – so wie auch der Endo erst durch diesen Reiz von aussen vom Sprecher zum Sänger, Schreihals oder Zeterer wird.

Es gibt auf dem neuen Album allerhand Lieder, in denen das vorzüglich klappt. «Zwärg» heisst eines davon – der Song über den enttäuschten Gartenzwerg, dessen sehnliche Liebe zu Schneewittchen verwelkt ist wie der Blumenstrauss, den sie ihm jetzt um die Ohren haut. Batkovic befeuert diese absurde Tragik mit urbanem Country-Chic und lässt den Has klingen wie ein Hybrid aus Mark Lanegan, Joe Cocker und Element of Crime.

In «Witwe» bettelt ein ruheloser Verblichener seine Liebste an, auf seinem Grab zu tanzen, er wolle noch einmal den Himmel sehen, bevor ihn der Teufel hole. Entstanden ist daraus ein herrlich bekneiptes Berner Volkslied mit Oststaaten-Blues-Anleihen. Kurz: Das Klangspektrum ist breit, der Has war noch nie so wendig wie auf diesem Album. Und auch wenn er zuweilen in die Sackgasse hoppelt, scheinen ihn die neuen musikalischen Optionen zu beflügeln.

Doch zurück zum Gespräch. Endo Anaconda ist in Fahrt. «Die Welt gerät aus den Fugen, nur wir Schweizer befinden uns noch immer in der Wellness-Oase und fühlen uns sicher», schimpft er. «Der Krieg ist vor unserer Türe, und unsere einzige Sorge ist es, wann wir endlich unsere Schneekanonen anwerfen dürfen.» Er sehne sich nach Helden, die das Böse aus der Welt schaffen – im High-Noon-Stil. Doch so kämpferisch er sich im Gespräch gibt, so verblümt fallen seine Texte auf «Endosaurusrex» aus. Anaconda ist hier eher der Chronist als der Wetterer, lieber himmelt er an, als dass er anklagt. «Ich kann mir den totalen Pessimismus nicht leisten – ich habe Kinder», sagt er einmal.

Die letzte Frage liegt auf der Hand. Was würde denn verloren gehen, wenn der Endosaurusrex dereinst aussterben würde? Endo überlegt ungewohnt lange. «Einer, der anders Musik macht als jene, die von der Pop-Akademie kommen», ist seine Antwort. Der Lyriker Jürg Halter, der dem CD-Booklet ein kleines Gedicht beigesteuert hat, ist da etwas präziser: Endo sei einer, den die Realität nicht täuschen könne – «einer der letzten seiner Art».

Stiller Has: Endosaurusrex (Sound Service). CD-Taufe: 16. März, Bierhübeli. (Der Bund)

Erstellt: 24.02.2017, 07:28 Uhr

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