«Die Musik aus Theresienstadt hat grosse emotionale Kraft»

Der Berner Stephan Grögler bringt mit den I Salonisti im Stück «als ob...» Geschichten und Musik aus dem Konzentrationslager Theresienstadt auf die Bühne.

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Der Name des Salonisti-Programms «als ob» ist nicht selbsterklärend: Was steckt dahinter?
In seinem Gedicht «als ob» beschreibt der Kabarettist Leo Straus, der 1942 mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert wurde, das Konzentrationslager so, als wäre es eine ganz normale Stadt gewesen, mit Kaffeehäusern und Musikbegleitung. Der Name «als ob» drückt den Zynismus um Theresienstadt treffend aus.

Antisemitische Angriffe haben in den letzten Jahren zugenommen. Gleichzeitig wird die Erinnerung an die von den Nazis verfolgten Musiker und an die KZ-Greuel wachgehalten. Zufall oder zwei Seiten ein und derselben Medaille?
Leider ist es heute wieder besonders wichtig, über dieses Thema zu sprechen. Ich habe mehrfach Werke aus der oder über die Nazizeit inszeniert, so «Der Kaiser von Atlantis» von Viktor Ullmann. Udo Zimmermanns Oper «Die weisse Rose» über die Geschwister Scholl haben wir im berüchtigten Gestapo-Keller in Lyon gezeigt. In Hamburg konnte ich gerade ein Projekt mit sephardischer Musik betreuen; spannend, wie diese im Kontakt mit anderen Kulturen von Land zu Land weiterentwickelt worden ist.

«Als ob» geht auf den Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron zurück, dem Charles Lewinsky im Roman «Gerron» ein Denkmal gesetzt hat. Haben Sie einen besonderen Bezug zur zeitgenössischen Schweizer Literatur?
«Gerron» hat den Salonisti-Geiger und «als ob»-Initiator Lorenz Hasler und mich gleichermassen begeistert. Es geht darin auch um Grundsätzliches: Hätte Gerron seinen Film über Theresienstadt drehen sollen oder nicht? Als Regisseur stellen sich mir ähnliche Fragen, aber natürlich nicht im gleichen Kontext. Charles Lewinsky hat ohne zu zögern einen Beitrag zum Programmheft verfasst.

Im Roman sagt Gerron auf die Frage nach seinem grössten Fehler, er habe an «die Inszenierbarkeit der Welt» geglaubt. Glauben Sie an die Inszenierbarkeit des Grauens?
Eine zentrale Frage. Uns ging es nicht um das historische Auflebenlassen von Theresienstadt. Man kann sich das ja auch gar nicht vorstellen; hier wäre ein Dokumentarfilm geeigneter als das Theater. Wir wollen keine spektakuläre Opernvorstellung, sondern auf möglichst direkte Weise eigene Bilder und Erinnerungen entstehen lassen. Die Musiker bewegen sich, spielen – wie in Theresienstadt – mal auf einem Dachboden, mal im Keller, alles ist sehr nahe, ja eng. Auch die Materialien Holz, Filzmatten, Stäbe und Lampen erzeugen eine Gefängnisatmosphäre. Es geht auch nicht um eine Anklage. Das Ganze darf einfach nicht zu einer trockenen Seite im Geschichtsbuch verkommen. Die Musik aus Theresienstadt mit Klassik, Jazz und volkstümlichen Elementen hat eine grosse emotionale Kraft. Über sie kann das Bewusstsein für das Geschehene wieder lebendig werden. Mit eingeblendeten Interviews erinnern wir aber auch daran, dass es eben keine Fiktion ist, sondern Geschichte.

Warum bespielen Sie die Aula des Progr und keinen konventionellen Theaterraum?
Die Frage nach dem Raum hat uns intensiv beschäftigt. Mir liegt viel daran, die Publikumsgewohnheit beim Sehen und Hören aufzubrechen. Der Einbezug des Publikums und spezielle Räume machen das Erlebnis intensiver, es ist ein Schritt in Richtung Gesamtkunstwerk.

Der Bund

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