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«Die Leute lachen nicht mehr»

Der US-Songwriter Randy Newman spricht über das Leben unter Donald Trump, die Grenzen der Satire und wie schwer es ihm fällt, Texte zu schreiben. Morgen erscheint sein neues Album.

«Das Einzige, das viele Amerikaner disqualifiziert, ist ihr Rassismus» – Randy Newman. Foto: Pamela Springsteen
«Das Einzige, das viele Amerikaner disqualifiziert, ist ihr Rassismus» – Randy Newman. Foto: Pamela Springsteen

Fällt das Singen leichter in unsteten Zeiten?

Nein, schon weil das Publikum die Lieder ernster nimmt.

Welche meinen Sie – Lieder wie «Political Science»? Es hört sich an wie eine Parodie auf Donald Trump, dabei haben Sie den Song vor 45 Jahren veröffentlicht.

Ja, ich spiele ihn immer noch, wenn ich auftrete. Aber die Leute lachen nicht mehr wie früher. Dabei ist der Song eindeutig satirisch gedacht.

Manche Künstler fühlen sich von Politikern, die sie nicht mögen, kreativ herausgefordert. Gilt das auch für Sie?

Nein, Trump macht nicht kreativ, weil das, was er tut, so schlecht ist und dermassen ernsthafte Folgen hat. Es gibt unzählige Witze über ihn, sie mögen unterhaltend und sogar lustig sein. Aber ich halte ihn für wirklich schlimm. Eine Zeitung schrieb vor einem Jahr, Donald Trump sei wie eine Figur aus einem Song von Randy Newman. Das hat etwas. Trotzdem inspiriert es mich nicht, über ihn zu schreiben. Es ist zu einfach.

Wie nehmen Sie Ihr Land nun wahr?

Es ist eine Schande, wie alles kaputtgeht. Ich wünschte mir, die Lage wäre nicht so ernst. Ich wünschte mir, es fänden sich Profis im Weissen Haus, die etwas unternehmen, aber es gibt keine. Wäre das republikanische Krankenversicherungsgesetz durchgekommen, wie Trump es haben wollte, würden Millionen Menschen in den USA sterben. Es war ein brillanter Einfall der Rechten, Barack Obamas Version «Obamacare» zu nennen, weil so viele Amerikaner alles hassten, was von ihm kam.

Sie haben, wenn man so will, Ihr Leben lang über Trump-Wähler gesungen. Heisst das, dass Sie sie verstehen?

Ich denke schon. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die schlichtweg nicht ausstehen können, was in Amerika in den letzten 100 Jahren kulturell passiert ist. Die keine andersartigen Menschen am Fernsehen sehen oder schmutzige Witze hören wollen. Und das ist jetzt die mildestmögliche Art, sie zu beschreiben. In Wirklichkeit geht es darum, dass diese Leute keine Schwarzen mögen. Und es gibt eine Menge von ihnen. Dabei sind es keine schlechten Menschen. Das Einzige, das sie disqualifiziert, ist ihr Rassismus. Da ich selber aus dem Süden komme, kann ich es nachvollziehen, wenn Leute nicht akzeptieren wollen, dass ein Afroamerikaner ihr Land anführt. Und dass sie finden, die Schwarzen seien von den liberalen Eliten und der Regierung während Jahren begünstigt worden. Trotzdem sind nicht alle von diesen Menschen schlecht. Sie könnten neben Ihnen im Flugzeug sitzen, und selbst wenn Sie mit ihnen über Schwarze und Weisse reden würden, würden sie höflich bleiben.

Dieselbe Bevölkerung hat zweimal mehrheitlich für Barack Obama gestimmt. Zu Recht sagte er nach seiner Wahl, dass seine Geschichte in keinem anderen Land der Welt möglich sei.

Natürlich. Dass die Stimmung derart umgeschlagen hat, ist wirtschaftlich bedingt. Es fällt den Leuten schwer, sich an den Umstand zu gewöhnen, dass sie es weniger gut haben als ihre Väter. Es ist auch das erste Mal, dass es mir selber auffällt. In den Sechzigerjahren ver­dienten die Stahlarbeiter 16 Dollar pro Stunde. Diese Fabriken wurden von Supermärkten wie Walmart ersetzt, wo die Angestellten 9 Dollar verdienen. Das ist ein Riesenunterschied.

Auf Ihrem neuen Album, «Dark Matter», gibt es im Stück «The Great Debate» eine Stelle, wo man Sie lachen hört. Und zwar auf eine Weise, die einem Angst macht.

Der Song handelt von der Entwertung und der Verhöhnung der Wissenschaft, und das Lachen signalisiert allen, die sich auf die Wissenschaft beziehen, dass sie Idioten sind. Das macht es möglicherweise unheimlich.

In einem anderen Song mokieren Sie sich über den Putin-Kult. Wie können Sie sich diese kollektive Bewunderung erklären?

Ich kann es nicht. Und es ist einer der eigenartigsten Aspekte von Trumps Präsidentschaft.

An Ihren Konzerten fällt auf, wie sehr das Publikum Sie verehrt. Stört Sie das manchmal?

Nein, ich habe keine Probleme damit.

Wünschten Sie sich denn gar nie, dass einer im Saal aufstehen und sagen würde, Mister Newman, ich bin nicht mit dem einverstanden, was Sie singen, und ich möchte mit Ihnen darüber diskutieren?

(Lacht) Nein! Ich wünsche es mir nie. Ich möchte gewinnen, wie unser Präsident immer sagt. Ich möchte, dass alles gut geht. Ich möchte, dass die Leute meinen Auftritt mögen, dass alles fantastisch wird. Kennen Sie meinen Song «Guilty»?

Ein Lieblingslied.

Es hat die Zeile «Sometimes I just can’t stand myself» – «Manchmal kann ich mich nicht ausstehen.» Ein Teil von mir wartet bis heute darauf, dass einer nach vorne schreit: «We can’t stand you either!»

Der Musikkritiker Greil Marcus hat über die Konzerte von Bruce Springsteen geschrieben, dass ihm niemand im Publikum widerspreche – egal, wie anders seine Meinung sei.

Interessante Beobachtung. Die Figur in «Guilty» sagt ja Nein zu sich selber. Ich werde weiter über solche Leute schreiben, weil sie mir halt in den Sinn kommen, wenn ich Lieder schreibe.

Der Text falle Ihnen viel schwerer als die Musik, haben Sie einmal gesagt, das war vor vielen Jahren. Gilt das immer noch?

Ja, es bleibt im Wesentlichen dasselbe. Die Musik fiel mir immer leicht, aber Worte sind schwer zu finden. In 95 Prozent der Fälle setze ich mich ans Klavier, ohne irgendetwas im Kopf zu haben. Alles, was ich von anderen Songschreibern gehört und gelesen habe, bestätigt diese Erfahrung. Das gilt übrigens auch für junge Songschreiber.

Im Konzert tragen Sie Ihre Songs alleine am Flügel vor, und Sie haben viele noch mal alleine aufgenommen. Macht der Solovortrag deutlicher, was in einem Lied steckt?

Mir gefällt es einfach so am besten. Ich glaube, die Songs sind auf diese Art der Aufführung hin konzipiert. Auf den Platten, auf denen ich sie mit einer Band spiele, klingen sie weniger nach mir. Ausserdem nehme ich, alleine auf der Bühne, das Publikum besser wahr.

Sie sind bekannt für sarkastische, geradezu bösartige Songs, die Sie ohne jede ironische Distanzierung vortragen.

Ja, aber ich möchte schon verstanden werden. Manchmal mag ich es dumpf, auf «Real Emotional Girl» zum Beispiel. Der Song bietet sich als Liebeslied an, aber es ist keines. So sollte niemand über eine Frau reden, wie der Typ es in diesem Lied tut.

Also droht auch das Missverständnis?

Manchmal schon, zum Beispiel bei «Follow the Flag». In diesem Song lasse ich meine Figur den bekannten Satz sagen, man solle an etwas Grösseres glauben als an einen selber. Ich selber denke überhaupt nicht so. Ich finde auch nicht, dass die Menschen Helden haben sollten, schon gar nicht heldenhafte Flaggen. Auch ein Song wie «My Life Is Good» beschreibt jemanden, der überhaupt nicht denkt wie ich, sondern eher wie Donald Trump: unsensibel. Ich schreibe oft über unsensible Menschen, wenn ich mir das recht überlege. Die Leute in meinen Liedern wissen weniger als wir, und sie wissen auch nicht viel über sich selbst. Sie sind nicht besonders intelligent, aber sehr gefährlich.

Das Geheimnis des Schreibens, hat der Kriminalautor Raymond Chandler notiert: Das sei, das Subtile zu schaffen, ohne an Kraft zu verlieren.

Wahrscheinlich. Ich weiss es nicht wirklich. Wissen Sie, ich denke lange über kleine Worte nach, «aber», «und», «der» und «diese», schon das kann einen Unterschied machen. Schreiben ist ein seltsamer Zustand. Und ausgesprochen kompliziert.

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