Die Leiden des jungen Jungstötter

Ein sterbenskranker Balladensänger, eine musikalische Geisterstunde und die Antithese zu Bob Dylan: Das Saint Ghetto Festival hat wieder einmal die Sinne durchgeschüttelt.

Es geht um Verlust, um Verklärung und Verderben: Der Balladensänger Jungstötter in der Dampfzentrale.

Es geht um Verlust, um Verklärung und Verderben: Der Balladensänger Jungstötter in der Dampfzentrale.

(Bild: Barbara Héritier)

Ane Hebeisen

Selten haben innere Bilder und die Wirklichkeit so unpräzise übereinstimmen wollen wie gerade jetzt. Schliesst man die Augen und horcht einzig der Musik, dann erscheint einem ein in sich ruhender Lebemann, ein von den Unvollkommenheiten des Lebens Gezeichneter und trotzdem auf Eleganz beharrender Dandy. Öffnet man die Augen, dann ist da ein junges, dünnes Ihmchen mit Gel in den Haaren, das rastlos über die Bühne tigert wie ein Problemjugendlicher in Untersuchungshaft.

Der Mann, der diese Irritation auslöst, heisst Fabian Altstötter, zählt 27 Jahre, kommt aus dem popmusikalisch bisher eher unauffällig gebliebenen deutschen Städtchen Landau und hat unter dem Decknamen Jungstötter im Januar eines der zartesten, traurigsten und aufwühlendsten Balladenalben des auslaufenden Jahres in die Welt gesetzt. «Love Is» heisst es, und schnell wird klar, dass die Liebe, die da besungen wird, zwar durchaus romantisch besetzt ist, doch es wird keineswegs ausser Acht gelassen, dass diese Liebe auch des Menschen Selbsttötungsursache Nummer eins darstellt. Es geht also um Verlust, um Verklärung und Verderben – und selten wurde dies in derart geschmeidig-schönes Liedgut gepackt wie hier. Nick Cave kommt einem in den Sinn, allerdings mit einem Schmachtbariton gesegnet und ohne raubauzige Postpunk-Vergangenheit.

Erlösende Refrains hat Jungstötter keine im Angebot.

Mit dem Satz «Wir sind Jungstötter und ich bin todsterbenskrank» begrüsst er das Berner Publikum. Gut möglich, dass dies das ohnehin schon allgegenwärtige Leiden noch potenziert. Jedenfalls ist die Konzertstunde mit dem erkälteten Jungstötter nichts für allzu sonnige Gemüter. Seine Lieder bestehen nur aus Strophen, die sich über verschlungene Melodiebögen und reichlich Pathos ins Wohlfühlzentrum schmeicheln. Erlösende Refrains hat er keine im Angebot. Dafür eine Stimme, die mit ihrem linden Vibrato die Erderwärmung weiter vorantreiben dürfte.

Zunächst bringt er seine Lieder in einer Quasi-Jazz-Formation dar, mit Piano, Kontrabass, Schlagzeug und Gitarre. Im Laufe dieses erinnerungswürdigen Konzertes wechseln die Musiker immer öfter zu Laptop und anderem elektronischem Equipment, weshalb die Spannung an dieser Mannschaft und an dieser himmeltraurigen Seelenmusik auch nie abreisst.

Das Konzert von Jungstötter ist der wohl markanteste Glanzpunkt des diesjährigen Saint Ghetto Festival, des jährlich stattfindenden Musikfestivals der Dampfzentrale, das sich darum sorgt, Zusammenhänge zwischen den musikalischen Weichenstellern der Achtzigerjahre und der heutigen Popkultur nachzuzeichnen.

Am Hungertuch nagende Tanzbodenmusik

Und nach 80s klingt es tatsächlich öfter an der zwölften Austragung des Festivals. Zum Beispiel während des Auftritts der Synthiepop-Nostalgiker TR/ST aus Toronto, für deren einziges Schweizer Konzert tatsächlich Fans aus der Ukraine oder Deutschland nach Bern gereist sind. Was sie hören, ist ein in Sachen Sexiness, Originalität und emotionaler Streubreite am Hungertuch nagende Tanzbodenmusik, die irgendwo zwischen Clan of Xymox, Pet Shop Boys oder Placebo umherschwadroniert. Die Basstrommel stampft gerade, die Synthesizer schrecken auch vor Trance-Verzierungen nicht zurück, und der Sänger blökt mit unangenehmer Singstimme dunkle Abstraktheiten ins Geschehen.

Die Waver tanzten lieber in schwarzem Stoff gegen schwarze Wände.

TR/ST erweisen mit ihrer Musik der elektronischen Form des zukunftsskeptischen New Wave eine Reminiszenz, indem sie dessen wehleidig-obskure Romantik auf die Tanzfläche projizieren. Doch der New Wave macht dort keine allzu gute Figur. Er war in den Achtzigern die Antithese zum betrunkenen Partytum des Punks. Anstatt wilde Feste zu feiern, suhlte man sich im Weltschmerz, fand in der Melancholie Trost für die Unbill, welche das selbst gewählte Aussenseitertum so mit sich brachte. Und anstatt sich beim ausgelassenen Pogo-Tanz blaue Flecken zu holen, tanzten die Waver lieber in schwarzem Stoff gegen schwarze Wände. Das alles (aber nicht viel mehr) lassen TR/ST wieder aufleben.

Anlass zum Ausflippen bietet das Trio damit indes nicht. Dafür ist schon viel eher der Auftritt der Gruppe Test Dept geeignet. Auch sie bietet eine Antithese – und zwar zu den Bob Dylans, Bruce Springsteens oder John Lennons dieser Welt. Das Ding der Engländer ist der Protestsong, doch nicht etwa der zarte Holzgitarren-Protestsong, sondern der laute, knallende, zornige. Das hat bereits Anfang der Achtzigerjahre begonnen, als sich die Band gegen das Regiment von Margaret Thatcher auflehnte und mit einem metallperkussiven Donnerwetter gegen den Untergang der britischen Metallindustrie und des sozialen Zusammenhalts anmusizierte. Heute klingt das musikalisch weit ausgefeilter. Zwar wuchtet die Band noch immer tonnenschwere Perkussion ins Auditorium, doch sie nimmt sich auch die Zeit, Spannung zu erzeugen und den Zustand der Welt nicht nur mit Krawall, sondern mit mulmigen Atmosphären zu reflektieren.

Man möchte diese grobschlächtigen Mannen umarmen.

Und Grund zur Unzufriedenheit gibt es offensichtlich zur Genüge: Das Vereinigte Königreich wird schlechter regiert denn je, nicht nur das eigene Land, sondern ganze Kontinente drohen gerade auseinanderzubrechen. Und so flackern über die Grossleinwand die Boris Johnsons und Donald Trumps dieser Welt, und ins Perkussiongewitter säbeln die grünen Laserstrahlen, die im chilenischen Strassenkampf gegen die sogenannten Sicherheitskräfte zum Einsatz gekommen sind. Das mag in Stil und Methode zuweilen etwas plakativ sein, doch es ist in Wirkung und Kraft absolut überwältigend. Diese Protestmusik will nicht versöhnen. Test Dept sind gekommen, um mit aller Vehemenz Anklage gegen die zersetzende Dummheit auf dieser Welt zu erheben. Und man möchte diese grobschlächtigen Mannen dafür umarmen.

Mut zur Schönheit

Umarmen tun sich zum Abschluss ihres Saint-Ghetto-Auftritts auch Rea Dubach und ihr musikalischer Begleiter. Sie haben in einem experimentellen Sitzkissenkonzert am Eröffnungsabend eine hochspannende musikalische Geisterstunde veranstaltet. Dubach experimentiert geschmackssicher und seelenruhig mit ihrem elektronischen Equipment, schafft atmosphärische Verdichtungen, irritierende Klanggrotesken und verblüffende Stimmmanipulationen. Alles prima und im Rahmen dessen, was elektronische Experimentalmusik zu leisten pflegt. Doch Rea Dubach hat zusätzlich etwas im Angebot, was selbst die draufgängerischsten Experimentalkünstler gemeinhin für ein Wagnis halten: schiere Schönheit. Wenn sie mit ihrer facettenreichen Stimme versonnene Melodien anstimmt und sich dabei an den selbst erbauten Geräuschtrümmern reibt, würde man prompt vor Vergnügen ins Schnurren geraten, wären bloss die Sitzkissen eine Nuance bequemer.

Was möglich wäre, verfügte die Stimme von Obaro Ejimiwe über mehr Nuancen, ist schwer abzuschätzen. Reicht ihm doch ein Klangvolumen von einer halben Oktave, um ein Konzert lang unterschwellige Hochspannung zu erzeugen. Ejimiwe ist mit seinem Projekt Ghostpoet nach Bern gereist und zeigt auf, wo im Fachbereich des bewölkten Grossstadt-Souls der Hammer hängt. Der Engländer, der bereits zweimal für den marktmächtigen Mercury-Preis nominiert war, führt mal wie ein Soul-Dandy durch seine Songs, lässt sie schallmächtig anschwellen, dirigiert seine Band mit wilden Gesten oder sprechsingt lässig zu new-waviger Kühlheit über die täglichen Psychodramen des Daseins. Das ist in Stil und Ausdruck absolut umwerfend und schrammt haarscharf an allem Realexistierenden vorbei; am Trip-Hop, am Indierock oder an den diversen Spielarten der Emo-Sprechgesangsmusik.

Dieses Vorpreschen in die Lücken der musikalischen Nischen macht den Ghostpoet zum Modellathleten dieses Festivals, dessen Helden keine güldenen Schallplatten an den Wänden hängen haben, ohne die die heutige Popgegenwart jedoch eine etwas tristere wäre. Auch wenn da längst nicht alles geglückt ist, eine inspirierende Freude war es allemal.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt