«Die Jazzszene ist träge geworden»

Jazz-Kenner und Dozent Wolf Kampmann sagt, gute Musik reiche nicht mehr, um die Hörer zu erreichen. Es gehe auch darum, gesellschaftliche Themen aufzugreifen.

«Mythen erzählen gute Geschichten. Aber sie verstellen oft auch den Blick darauf, wie es wirklich war», sagt Wolf Kampmann: Don Cheadle als Miles Davis im Film «Miles Ahead». Foto: Brian Douglas (Sony Pictures Classics, AP, Keystone)

«Mythen erzählen gute Geschichten. Aber sie verstellen oft auch den Blick darauf, wie es wirklich war», sagt Wolf Kampmann: Don Cheadle als Miles Davis im Film «Miles Ahead». Foto: Brian Douglas (Sony Pictures Classics, AP, Keystone)

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Ihr neues Buch beschreibt Jazz auch als politische Musik. Wie hat die Szene auf Trump reagiert? Was haben Sie festgestellt?
Überhaupt gar nichts.

Gar nichts?
Nein. Was mich nicht überrascht. Die Jazzszene ist sehr träge geworden. Es geht im Jazz nur noch selten um politische oder soziale Themen. Insofern war es eher überraschend, dass die Ereignisse in Ferguson 2014 so viel Aufmerksamkeit erregten. Und dass damals sogar so sanfte Leute wie der Trompeter Terence Blanchard sagten: Jetzt ist Schluss mit lustig! Im Moment aber nehme ich im Jazz keine Reaktion wahr, während die Rock- und die Hip-Hop-Szene sofort auf die aktuellen politischen Vorkommnisse reagiert haben.

Interessieren sich die Jazzer nur für ihre Musik?
In der Fusion-Ära der 70er-Jahre setzte im Jazz eine starke Tendenz zum Unpolitischen ein, in Amerika wie in Europa. Jazz ist heute kein sozialer Kommentator mehr. Das haben andere Musikformen übernommen.

Wird die Regierung Trump mit den angestrebten Kulturkürzungen schwerwiegende Folgen haben für den amerikanischen Jazz ?
Das glaube ich nicht. Der Jazz in Amerika lebt nicht von staatlichen Mitteln, wenn schon, tragen ihn eher Stiftungen. Ich denke: Schlechte Politik bringt gute Kunst hervor. Ich hoffe, dass die Regierung Trump dazu führt, dass sich die Jazzer wieder mehr hinterfragen und über kurz oder lang mehr Statements liefern, in denen es um Inhalte geht und nicht nur um Akkordfolgen.

«New York hat sich sehr verändert. Heute können normale Leute nicht mehr nach New York, um dort zu leben und Kunst zu machen.»

Politik kann grosse Auswirkungen auf Jazz haben: So beschreiben Sie es in Ihrem Buch auch für die Zeit nach den Terroranschlägen von 9/11.
Ja. Damals geschah aber nicht das, was ich mir gewünscht hätte. Es kam zu einer Stagnation. Die Musiker waren ­zunächst sehr vorsichtig, sie sagten: Wir müssen erst mal gucken, wie es weitergeht. Manche suchten sogar die Nähe zu George W. Bush, die Jazzszene wurde konservativer. Und damit meine ich nicht unbedingt das Klangliche, sondern die Frage: Wofür steht der Jazz, welche Themen spricht er an? Die Stagnation des New Yorker Jazz geht übrigens auch nicht allein auf 9/11 zurück. New York hat sich sehr verändert. Heute können normale Leute nicht mehr nach New York, um dort zu leben und Kunst zu machen. Wenn ich am New Yorker Tompkins Square einen Anschlag sehe für eine 3-Zimmer-Wohnung, 60 Quadratmeter, die 4000 Dollar monatlich kostet, dann frage ich mich: Welcher Künstler soll das erwirtschaften?

Seit 2001 gab es auch Aufschwünge im amerikanischen Jazz.
Der amerikanische Jazz hatte immer eine grosse Fähigkeit zur Selbsterneuerung. Seit 2001 zeugen Free-Jazz-Leute aus New York oder Chicago davon, ein William Parker oder ein Ken Vandermark. Auch die Durchmischung von Jazz mit Techno, mit Hip-Hop oder mit Death-Metal steht dafür – Dinge, die in Europa nur teilweise wahrgenommen wurden.

Wenn man dem Jazz nicht mehr anhört, dass er Jazz ist – ist das denn positiv?
Ich sehe Jazz auch dort, wo nicht das grosse J draufgestempelt ist. Für den einen ist Jazz eine Laptop-Improvisation von Nerds; für den anderen ist es eine Dixielandkapelle auf einem Flussdampfer. Jazz ist schon lange ein Sammelsurium von Sozialisationen und Idiomen. Den Jazz gibt es nicht mehr. Fred Anderson sagte den wunderbaren Satz: Jazz ist «Contribution».

Braucht es neben dieser Teilhabe aber nicht auch eine Art Kern-Jazz, damit Jazz nicht beliebig wird? So wie Religionen heilige Texte kennen, von denen alles ausgehen soll?
Dem möchte ich vehement widersprechen. Ich glaube nicht, dass der Jazz in New York etwa um Wynton Marsalis eine soziale Bewegung der Gegenwart ist. Marsalis konserviert eine Musik, die aus einer Zeit vor einem halben Jahrhundert stammt. Aber das mit der Religion finde ich interessant: Es gibt einen totalen Heiligenkult im Jazz. Wenn zwei Leute sagen, sie glaubten an Gott, dann können sie sich das gegenseitig bestätigen. Sobald sie sich aber fragen, wer Gott genau sei, schlagen sie sich gegenseitig die Köpfe ein. Genauso ist es im Jazz. Auch darum brauchen wir keine Definition eines Kern-Jazz. Fred Andersons Satz ist darum so schön, weil so viel Unterschiedliches zum Jazz gehören kann.

«Weil Charlie Parker so ein Mythos ist, übersieht man, dass er nur vier kreative Jahre hatte. Vor 1944 kriegte er wenig auf die Reihe, nach 1948 sagte er nichts Wesentliches mehr.»

Braucht der Jazz für seine Zugkraft nicht wenigstens Mythen? US-Jazzmusiker wie Joe Lovano sprechen, wenn sie in Europa Masterclasses abhalten, oft von Helden wie Parker, Monk oder Coltrane.
Das ist gerade das Problem. Weil Charlie Parker so ein Mythos ist, übersieht man, dass er nur vier kreative Jahre hatte. Vor 1944 kriegte er wenig auf die Reihe, nach 1948 sagte er nichts Wesentliches mehr. Bei Wayne Shorter ist das ähnlich: Ich habe von ihm seit Jahrzehnten kein ­gutes Konzert mehr gesehen. Aber er wird immer noch bejubelt, weil er als Mythos gilt. Mythen erzählen gute Geschichten. Aber sie verstellen oft auch den Blick darauf, wie es wirklich war.

Der Jazz braucht also keine Mythen, weil er vom akustischen Material her genügend interessant ist?
Jeder darf Jazz wahrnehmen, wie er will. Es gibt ja keine Höranleitung. Wir müssen uns aber fragen, warum der Altersdurchschnitt von Jazzhörern immer steigt. Dann zeigt sich, dass der musikalische Aspekt nicht reicht. Relevante Kunst fängt die Lebenswirklichkeit seiner Rezipienten ein und teilt sie mit. Warum hat Dave Brubeck ein Zehnfaches verkauft von dem, was andere Jazzmusiker verkauften? Er sagte: Ich gehe dahin, wo die Leute sind, an die Colleges. Er versuchte, in seine Musik das hineinzutragen, was die Leute bewegt. Bei Coltrane war das nicht anders. Solche Musiker teilten mit ihren Hörern den sozialen Raum – physisch wie spirituell.

In Ihrem Buch erwähnen Sie etwa Kamasi Washington oder Robert Glasper: Das seien Musiker, die dem Jazz wieder den «Vibe» gäben.
Unbedingt. Kamasi Washington ist nicht den üblichen Weg gegangen. Durch seine Verbindung mit dem Rapper Kendrick Lamar und dem Label von Flying Lotus sicherte er sich von vornherein ein ganz anderes Publikum – was er nicht aus Kalkül machte, wie ihm vorgeworfen worden ist. Vielmehr konnte er so die Musik machen, die er machen wollte. Vor zwei Jahren war ich am Berliner Jazzfest: Die Musiker werden da ­immer jünger, das Publikum immer älter. Die Leute klatschten zu allem, was passierte, weil es in ihrem Kulturkalender angekreuzt war. Ich hatte plötzlich die Nase voll und ging zu Kamasi Washington, er spielte anderswo in Berlin. Da war das Publikum zwanzig Jahre jünger. Washingtons Musik ist gar nicht mal so anders. Aber er hat Ausstrahlung und eine innere Dringlichkeit. Kunst ist eben mehr als Handwerk.

Sie stellen auch fest, dass sich die europäische Jazzszene immer mehr von der amerikanischen abkoppelt.
Ja, speziell in Deutschland. Das hat viele Ursachen. Es ist für Jazzfestivals ungleich billiger, einheimische Künstler einzukaufen. Dann gibt es die Präsenz deutscher Labels wie Act. Bei jedem zweiten Jazzmagazin zieren europäische Act-Künstler die Titelseite – früher waren es die Amerikaner. Das suggeriert eine stärker gewordene deutsche oder auch europäische Szene. Aber es gibt nach wie vor genauso viele gute amerikanische Musik. Dave Douglas etwa war bei europäischen Labels, bis er seine eigene Plattenfirma in den USA gründete. Seither ist es in Europa so, als gäbe es ihn überhaupt nicht mehr. Von all den amerikanischen Musikern, die überhaupt nie einen Vertrieb hier hatten, wollen wir gar nicht reden. Ich diskreditiere nicht, was in Deutschland und Europa passiert. Ich will nur die Verhältnisse ein bisschen geraderücken.

In Berlin, wo Sie leben, arbeiten viele Schweizer Musiker. Ist die grosse Zeit Berlins nicht vorbei?
In Berlin gab es vor rund zwölf Jahren einen Aufbruch. Man hatte das Gefühl, es gebe wieder eine zusammenhängende Berliner Jazzszene. Zu der Zeit war die Stadt ein sehr billiger Ort zum Leben, es war total easy, Proberäume zu finden und ein Leben zu führen ohne wirtschaftliche Anfechtungen. Das gab es wohl auf der ganzen Welt nirgends so wie in Berlin. Das alles veränderte sich dann um 2010 herum, und es verändert sich noch. Ich denke, dass sich der kreative Fokus des Jazz stark in den Osten verlegen wird, vielleicht bis nach Kiew.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2017, 19:22 Uhr

Wolf Kampmann

Geboren 1962, lehrt er Jazz- und Popgeschichte in Berlin. Zuletzt erschien sein Buch «Jazz. Eine Geschichte von 1900 bis übermorgen» (Reclam).

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