Die Götter kommen

Konzert Theater Bern

Gut gewappnet für den Umbaustress, die neue Spielzeit und noch mehr Publikum: Das Programm der Saison 2014/15 von Direktor Stephan Märki und seinem Team punktet mit spartenübergreifenden Produktionen – auch ausser Haus.

Einmal im Jahr stehen Stadttheater-Direktor Stephan Märki (Mitte) und seine Crew selber im Rampenlicht.

Einmal im Jahr stehen Stadttheater-Direktor Stephan Märki (Mitte) und seine Crew selber im Rampenlicht.

(Bild: Adrian Moser)

«Was auf uns zukommt, ist eine gigantische Herausforderung», sagt Stephan Märki im Hinblick auf die kommenden drei Jahre, in denen Konzert Theater Bern (KTB) seinen Spielplan rund um die Renovation des Stadttheaters am Kornhausplatz planen muss. Die Sanierung beginnt bereits in diesem Sommer. «Die Herausforderung nehmen wir gerne an. Wir alle im Team haben immer noch grossen Spass an unserer Arbeit», so der KTB-Direktor.

Und man glaubt ihm und seiner Crew, die gestern den Spielplan ihrer dritten gemeinsamen Saison vorgestellt haben. Die neue Organisation KTB ist auf Kurs, die Zuschauerzahlen nehmen kontinuierlich zu, und die Buchhaltung schreibt dank grosser Budgetdisziplin schwarze Zahlen. Die durch den Umbau verkürzte Spielzeit bedingt vor allem im Grossen Haus, das nur beschränkt zu Verfügung stehen wird, eine ausgeklügelte Disposition. Auch während des Umbaus sollen dort möglichst viele Vorstellungen stattfinden können – werden doch 87 Prozent der Einnahmen am Kornhausplatz eingespielt.

Rückeroberung geht weiter

Auch deshalb will Märki im Grossen Haus wieder vermehrt Schauspiel, das unter dem früheren Schauspielchef Erich Sidler fast nur in den Vidmarhallen im Liebefeld stattgefunden hat. Prägte das Thema Macht die letzte Saison, so sind es diesmal die Götter und ihr Wirken – samt Fragen zum Glauben und den dazugehörigen Zweifeln.

Von Goethes «Faust» über Homers «Ilias» und Lot Vekemans’ «Judas» bis zu Tankred Dorsts «Merlin oder das wüste Land» und Rodrigo Garcias «Picknick auf Golgatha» werden Wunder, Versagen und Enttäuschungen der Unsterblichen beleuchtet. Auf Kontinuität setzt Schauspielchefin Iris Laufenberg bei der Wahl der Regisseure: Mathias Schönsee, Claudia Bauer, Jean-Christoph Gockel, Claudia Meyer, Volker Hesse, Markus Bothe und Nina Gühlstorff – sie alle werden in der nächsten Spielzeit wieder in Bern inszenieren. Der Schwerpunkt im Schauspiel liegt – wie bereits in den beiden Spielzeiten zuvor – mit fünf Schweizer Erstaufführungen und zwei Uraufführungen ganz auf der Gegenwartsdramatik.

So hat der Bündner Autor Arno Camenisch mit «Fred und Franz» extra für Bern ein Stück geschrieben, und die Zürcher Journalistin und Kolumnistin Michèle Roten, die bis anhin mit Theater nichts am Hut hatte, ist nun für ein Jahr als Hausautorin engagiert. Sie wird mit «Wir sind selig» ihr erstes Theaterstück und zudem Predigten für Schauspieler verfassen. «Bern ist offen für Neues», konstatiert Märki mit Genugtuung die Erfahrungen der letzten Saison. Es ist eine Offenheit, die sich auch in den andern Sparten zeigt.

Fauré, Giacometti, Frankenstein

Zum Beispiel im Tanz. Wer Nanine Linnings Erfolgsstück «Zero» zum Auftakt der diesjährigen Tanzsaison bei Konzert Theater Bern gesehen hat, darf sich freuen: Berns Tanzdirektorin Estefania Miranda holt den holländischen Shootingstar für die Eröffnung der Tanzsparte wieder ans Haus. Und versteht man die Ankündigung richtig, dann dürfte Linnings Produktion diesmal noch spektakulärer werden: Ihr «Requiem» verspricht ein Gesamtkunstwerk für 20 Tänzer, an dem das Berner Symphonieorchester (BSO) und der Chor mitwirken werden. Der Zuschauer soll im ersten Teil durch ein begehbares Kabinett mit surrealen Figuren geführt werden. Erst danach, im zweiten Teil, wird er die Tanzvorstellung zu Gabriel Faurés Requiem erleben. Ein Werk, das sich von andern Totenmessen unterscheidet. Hier steht nicht der «Dies irae» im Zentrum, sondern die Kraft und die Schönheit des Lebens.

Im Rahmen der Produktion «Giacometti», die in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Bern konzipiert ist, rückt der menschliche Körper ins Blickfeld. Der Gewinner des neu geschaffenen Berner Tanzpreises 2014 wird seine preisgekrönte Arbeit vorstellen, in der er in Text, Video und Musik dem Genius Giacomettis und dem Geist einer ganzen Epoche nachspüren wird.

Nach ihrer ersten Choreografie «Othello» in der aktuellen Saison macht sich Berns Tanzdirektorin Estefania Miranda in ihrer zweiten Berner Arbeit auf die Suche nach dem Frankenstein-Mythos und hinterfragt des Menschen Begehren nach gottähnlicher Schöpferkraft. Im spartenübergreifenden Projekt «Dancing Bach» wird der belgische Choreograf Koen Augustijnen erkunden, wie gut die lebendige Rhythmik des Barock zum zeitgenössischen Tanzgeschehen passt, auch da ist das BSO live dabei.

Beethoven@Bern und in London

Das Orchester wird auch sonst viel zu tun haben. Reichhaltig präsentiert sich die Konzertsaison, die in einem eigenen Programmheft auf 110 Seiten gebündelt ist. Chefdirigent Mario Venzago, der seit fünf Jahren in Bern für die Geschicke des Orchesters verantwortlich zeichnet, bezeichnet das BSO als «sein grosses Glück». Wenn er über seine Visionen und das im vergangenen Jahr bereits Erreichte spricht, spürt man die Leidenschaft des Gärtners, der alles investiert, auf dass aus dem musikalischen Saatgut Zukunft gedeihe und ein neues Klassikpublikum heranwachse.

Venzago wird zehn der über zwei Dutzend Konzerte selbst dirigieren, darunter als Fortsetzung des Bruckner-Zyklus dessen zweite und achte Symphonie. Venzago sieht die einzelnen Konzertprogramme als Moleküle, die er im Laufe der Spielzeit zu einem lebendigen musikalischen Organismus verbinden möchte. Neue Schwerpunkte sind für ihn Beethoven und Brahms, und mit Werken von Schoeck und dem Russlandschweizer Paul Juon pflegt er nicht nur das zeitgenössische Fach, sondern setzt auch Akzente mit Schweizer Komponisten: So wird das BSO vom Berner Komponisten Jean-Luc Darbellay «Verzerrte» aufführen, ein symphonisches Werk mit Bernbezug, in dem Lenin, Klee, Einstein und Walser eine Rolle spielen, prominente Köpfe, die alle zur gleichen Zeit in Bern Asyl gefunden, sich aber nie getroffen haben.

Im April 2015 wird das BSO zudem in London gastieren. Begleitet wird es vom Schweizer Pianisten Oliver Schnyder, dem ersten «Artiste Etoile» in der Geschichte des BSO. Am neuen Festival «Beethoven@Bern» gibt es zudem alle Beethoven-Klavierkonzerte zu hören.

Baustelle Personal

Unter den Höhepunkten im Musiktheater erwähnt Musikdirektor Xavier Zuber nicht nur die in Zusammenarbeit mit der Münchener Biennale geschaffene Plattform für neues Musiktheater, sondern auch die Spielzeiteröffnung mit Christoph Willibald Glucks «Armide». Daneben darf man sich auf Mozarts «Zauberflöte» (auch in einer Eigenproduktion für Kinder), Monteverdis «L’Orfeo» mit der Camerata Bern, Bartoks «Herzog Blaubarts Burg» in der Reitschule und – nach vielen Jahren – Richard Strauss’ «Salome» freuen.

Die Aufführung wird von Kevin John Edusei, dem ersten Gastdirigenten bei Konzert Theater Bern, geleitet werden. Neben der Sanierungs-Baustelle ist auch dies eine «Baustelle» am Theater: Für die junge Kapellmeisterin Mirga Gražinyte-Tyla, die diese Spielzeit erst in Bern angefangen hatte und bereits wieder gegangen ist, um die Stelle einer Musikdirektorin am Salzburger Landestheater anzunehmen, wird man in der kommenden Spielzeit eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger finden müssen.

Das vollständige Programm: www.konzerttheaterbern.ch

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