Der Schlagzeugstock wird zum Zepter

Am Zürcher Unerhört-Festival triumphierten die Schlagzeuger. Die Drummer übernehmen neue musikalische Funktionen und rollen den Jazz von hinten auf.

Wenn er trommelt, klingt es manchmal wie ein Kribbeln: Der Deutsche Christian Lillinger. Foto: Frank Schindelbeck

Wenn er trommelt, klingt es manchmal wie ein Kribbeln: Der Deutsche Christian Lillinger. Foto: Frank Schindelbeck

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Man muss das Genre der Musikerwitze neu denken. Denn bei diesen Witzen kommen die Schlagzeuger meist schlecht weg. Da sind sie die, die nicht Noten lesen können. Die, die wie ein Orang-Utan dasitzen und mit dem bisschen Hirn, das sie besitzen, dumpf den Beat halten. Doch eben: Solche Witze sind überholt, waren eigentlich schon immer falsch. Nichts hätte dies besser belegen können als das diesjährige Unerhört-Jazzfestival Zürich, das am Sonntag zu Ende ging.

Schlagzeuger prägten hier das Geschehen stark mit und offenbarten die ganze Intelligenz, die in ihnen stecken kann. So konnte man den 1984 geborenen deutschen Schlagzeuger Christian Lillinger erleben, er trat zur Eröffnung des Festivals auf im Trio mit Pianistin Kaja Draksler und Kontrabassist Petter Eldh. Er stand beim Festival exemplarisch dafür, wie man heute frisch und findig Schlagzeug spielen kann innerhalb eines Bandkontextes.

Etliche Trio-Stücke stammten aus Lillingers Feder, sie atmeten in ihrer Komplexität den Geist zeitgenössischer Klassik. Gerade von hier hat Lillinger viele Inspirationen auch für sein Schlagzeugspiel bezogen. Zeitgenössische Pianisten, die mit der linken und rechten Hand ganz unabhängige Dinge spielen, sieht er als Vorbild. «Wenn man ganz verschiedene, komplexe Schlagzeugphrasen über- oder untereinanderlaufen lässt, dann wird das zu einer Art Sound», erklärt er im Gespräch.

Tatsächlich spielt Lillinger im Trio kaum je plakative Pattern-Grooves. Oft ist ein dichtes, fast kribbelig anmutendes Geflecht aus Rhythmen und Sounds zu vernehmen. Lillinger spielt dabei mit ganz dünnen Schlagzeugstöcken: Noch das fulminanteste Furioso bekommt so etwas Filigranes, Feinsinniges. Und die Klänge Lillingers verschmelzen aufs Wunderbarste mit den oft Cecil-Taylor-haft anmutenden Klavierkaskaden Kaja Drakslers. Lillinger sagt dazu: «Das ist das Paradox eines emanzipierten und zugleich eines sich einordnenden Schlagzeugs.»  

Die Perkussionsgöttin

An einem andern Festivalabend dann folgten der New Yorker Drummer Joey Baron und die Perkussionsgöttin der Neuen Musik, Robyn Schulkowsky. Im Duo führten sie ein Spiel vor, bei dem die Perkussion sich selbst genügt und sich nicht einzufügen hat in eine Band. Hier liess sich lernen, dass man mit Schlagwerk – bei Baron und Schulkowsky war alles versammelt vom Riesengong über die Kesselpauke bis zum kleinen Klangstein – auch Melodien entfalten kann. Es waren dabei wohlbedachte Sounds, die immer so etwas wie eine schlüssige Struktur ergaben.

Da konnten die Klänge dumpf, erdhaft klingen und behäbig rhythmisch daherstapfen, wenn beide Spieler ihr Gerät mit den blossen Händen oder grossen Filzschlägeln behandelten. In der nächsten Nummer hörte man Schwel- und Dauerklänge in allen Lagen, einen Perkussions-Mystizismus. Dann wieder eine völlig andere Klanglichkeit, Joey Baron traktierte mit hartem Schlag das jetzt schrill klingende Drumkit, Schulkowsky geisselte ihre Glocken und Zimbeln, eine gewaltige Maschinerie kam in Fahrt. Insgesamt ging es hier weniger um Rhythmen – es war ein Fest des Klanglichen.

Ganz anders wiederum Günter Baby Sommer, das deutsche Freejazz-Urgestein, eben 75-jährig geworden. Er spielte beim Festival gleich zweimal. Zuerst im Duo mit dem deutschen Schriftsteller Christoph Hein, der aus seinem jüngsten Buch «Verwirrnis» vorlas – das Schlagzeug in Kombination mit dem Wort. Hein, Chronist der deutschen Geschichte, erzählt in «Verwirrnis» die Geschichte einer homosexuellen Liebe in Deutschland in den 50er-Jahren und darüberhinaus, vertäute die individuelle Ebene einer sozusagen verbotenen Liebe mit einer gesamtgesellschaftlichen, die der Liebe entgegensteht. Manchmal war das inhaltlich voller Schwere. Schwere?

Eigentlich dann doch wieder nicht, wenn man hörte, wie der Text zu Musik wurde und damit auch zu einem Stück Leichtigkeit. Sommer spielte sein Schlagzeug oft sehr dezent und fast im Hintergrund, liess dem Wort allen Raum, zertrommelte es nie. Und doch machte er aus reinen Buch-Worten eben andere Worte durch seine Musik. Sommer setzte sich mit seinen Sounds zwischen die Zeilen von Hein, schuf so fast eine Art Interpretationsrahmen. Das Schwere bekam etwas Spielerisches, das Tragische der «Verwirrnis» erschien als Teil einer übergeordneten Comédie humaine.

Die Saftwurzel

Am letzten Tag des Festivals, am Sonntag im Zürcher Alterszentrum Bürgerasyl-Pfrundhaus, war Günter Baby Sommer nochmals zu hören im Duo mit dem Berliner Trompetenstar Till Brönner. Sommer war hier nicht mehr ans Wort eines Schriftstellers gebunden, sondern dialogisierte gleichberechtigt mit der nicht selten fanfarenhaften Trompete Brönners. Oft trat nun die Saftwurzel hervor, die Baby Sommer auch ist, seine Begabung für die spontan sich ergebende Interaktion und fürs freie Spiel.

Mit vielen Zusatzgeräten hatte Sommer sein Schlagzeugset erweitert, in mehreren kurzen Miniaturen mit Brönner kamen diese Geräte besonders schön zur Geltung. Da klang es einmal Marimba-artig. Da hörte man ein andermal nur eine Art Schürfgeräusche auf Metallkörpern (das Stück hiess «Goldschürfen»). Dann spielte Sommer einen Rhythmus auf einer Maultrommel. Alles auf der Scheide zwischen Rhythmus und Klang – auch das eines der vielen Gesichter des Schlagzeugs an diesem Festival.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.12.2018, 19:08 Uhr

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