Der Punk der Königin

Der 36-jährige Paradiesvogel Cameron Carpenter beweist am Menuhin Festival, dass man zu Orgelklängen nicht nur singen oder gähnen kann.

Popstar an der Orgel: Spielend überwindet Cameron Carpenter die Image-Probleme seines Lieblingsinstruments.

Popstar an der Orgel: Spielend überwindet Cameron Carpenter die Image-Probleme seines Lieblingsinstruments. Bild: zvg

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«Eine Orgel ist wie ein Mensch. Du musst sie hart trainieren und Bewegung, Atem und Leben in sie reinbringen. Sonst wird sie alt, langsam und fett.» Peng. So direkt hat das noch keiner formuliert. Doch der Organist Cameron Carpenter fordert nicht nur seinem Instrument viel ab, sondern auch sich selber. So gehören auch Yoga und Liegestützen dazu, wenn er sich fit macht für ein Konzert. Wenn man ihn «arbeiten» sieht, versteht man warum. Beim Spiel kommt der Körper von Kopf bis Fuss zum Einsatz. Und er verschmilzt mit seinem Klangkraftwerk.

Dass man die Sinnlichkeit und das verschlingende Feuer einer Orgel ignoriert und die Königin der Instrumente schwerpunktmässig begleitend zum Einsatz bringt, kann Carpenter nicht verstehen. Und weil er es satt hatte, auf fremden «klanglich verklemmten» Orgeln zu spielen, hat er sich 2014 ein digitales Instrument nach eigenen Plänen bauen lassen. Ein millionenteurer Wunderapparat: Carpenter hat darin Klang-Mischungen implementiert, die er an Orgeln weltweit aufgenommen hat.

Es sei ein aufregendes Gefühl, auf einem Instrument zu spielen, das viel mehr könne als er selber, sagt der Organist. 10 Tonnen wiegt seine Königin. Für den Transport bedarf es mehrerer Trucks. Doch die Veranstalter sind erleichtert, wenn der exzentrische Amerikaner mit eigener Orgel anreist. Man liebt seine Virtuosität und fürchtet seine Leidenschaft: Es soll Kirchenorgeln gegeben haben, die Carpenters Temperament und Experimentierfreude nicht standgehalten haben.

Swarovski-Steine am Schuh

Von seinem etwas schrillen Äusseren darf sich der Klassikfreund nicht irritieren lassen. Der 36-Jährige trägt zwar mit Vorliebe grellbunte oder glitzernde Bühnenoutfits. Dazu mit Swarovski-Steinen besetzte Orgelschuhe (selbst designt!). Er mimt den Popstar und wird als Klassiker ernst genommen. Sechs Jahre hat der Echo-Preisträger an der New Yorker Juilliard School studiert. Hier hat er mit Komponieren und Arrangieren begonnen, um zu zeigen, dass man auf der Orgel alles spielen kann. Carpenter spielt nicht bloss Bach (dessen Genie er über alles bewundert), sondern auch Chopin («Revolutionsetüde), Liszt («Mephistowalzer») oder Gustav Mahler (5. Sinfonie).

Wie der Paradiesvogel zur Orgel gekommen ist, ist übrigens eine schillernde Geschichte für sich. Aufgewachsen ist Carpenter als Sohn eines Ofenbauers in Pennsylvania. Mit fünf Jahren begann er zu tanzen und bekam vom Vater eine alte Jazz-Orgel aus den 1930er-Jahren geschenkt. Sie wurde in der Ofenwerkstatt platziert. So übte und experimentierte Klein Cameron zwischen schwitzenden Arbeitern, die rhythmisch auf Metall und Eisen hämmerten. Eine inspirierende Atmosphäre: Hier wurde die Basis für seine aussergewöhnliche Musiker-Karriere gelegt.

In Gstaad wird Carpenter dem Image als furchtloser Meister monumentaler Klangfülle und Farbigkeit und dem Festivalmotto «Pomp in Music» Rechnung tragen. Das Spektrum von Carpenters Programm reicht von Präludien und Fugen Bachs bis zu eigenen Improvisationen. Aber auch den filigranen Klangzauber von Skrjabin wird er ins Festivalzelt zu spinnen wissen – zwischen Louis Viernes «Carillon de Westminster» und der Ouvertüre zu Wagners «Meistersinger». «All you need is an Organ» würde Carpenter wohl sagen, wenn er die sinnliche Vielfalt auf einen Nenner bringen müsste. Was immer der Punk der Königin im Saanenland vorhat, er wird beweisen, dass man zu Orgelklängen nicht nur singen oder gähnen kann.

Festivalzelt Gstaad Fr, 11. 8., 19.30 Uhr (Orgelnacht). – Sa, 12. 8., 19.30 Uhr (Sinfoniekonzert mit Orgel). Es dirigiert Jaap van Zweden. Bustransfer von Bern nach Gstaad und zurück.

www.gstaadmenuhinfestival.ch (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2017, 07:58 Uhr

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