Der perfekte Rockstar

Chris Cornell von Soundgarden ist tot. Er war ein Sänger mit gewaltigem Ikonenpotenzial. Ein Nachruf.

Verstarb mit 52 in Detroit: Chris Cornell mit Soundgarden 2014 am Lollapalooza-Festival in Sao Paulo. (Video: Tamedia/AFP)

Es ist eine traurige Gewissheit: Der letzte Song, den Chris Cornell jemals auf der Bühne gesungen hat, ist «Slaves & Bulldozers», eine jener brachialen Noise-Hardrock-Dampframmen, mit denen Cornell und seiner Band Soundgarden zu Beginn der Neunzigerjahre der Durchbruch gelungen war. Nun befanden sich Soundgarden auf einer Tournee durch die USA, in deren Rahmen sie an diesem Mittwoch in Detroit auftraten. Auf Twitter hatte Cornell sich auf das Konzert gefreut: «Finally back to Rock City!!! #nomorebullshit», lautet sein letzter Tweet.

Für die Vorfreude gab es einen guten Grund: Das Konzert im Fox Theatre war ausverkauft und als Soundgarden den 20. und letzten Song des Abends, eben «Slaves & Bulldozers», anstimmten, sang das Publikum laut mit. Es war - man kann das auf zahlreichen Wackelvideos im Netz verfolgen - eine ordentliche, routinierte Rockshow mit einem vital wirkenden Chris Cornell. Doch am Ende des Konzerts passierte etwas Unerwartetes: Soundgarden hatten den ohnehin nervenaufreibenden Song bereits in die Unendlichkeit gedehnt, als Cornell plötzlich ein ganz anderes Lied anstimmte: «In my time of dying, I want nobody to mourn», sang er. «All I want for you to do is take my body home.» Die Zeilen aus dem klassischen Gospel «In My Time Of Dying» wären unter normalen Umständen lediglich als eine Referenz an Led Zeppelin im Gedächtnis geblieben, die den Song unter anderem popularisierten. Nun aber bieten sie Raum für Spekulationen, denn Chris Cornell ist in der Nacht zu Donnerstag überraschend in seinem Hotel in Detroit gestorben.

Soundgarden waren die erste grosse Seattle-Band

Selbstmordgerüchte schossen ins Kraut, doch die Todesumstände sind bislang ungeklärt und Soundgarden hatten die Led-Zeppelin-Referenz bereits häufiger eingewoben. Kein Wunder: Der typische Soundgarden-Sound war ebenso stark von Led Zeppelin geprägt wie von Black Sabbath. Damit gelang es der Band aus Seattle einen Mix zu popularisieren, der in den Folgejahren die Welt erobern sollte. Den Nihilismus und die Energie des Punk kombinierten sie und andere Grunge-Bands mit der wuchtigen Kraft des Hardrock der Siebzigerjahre. Soundgarden waren die erste grosse Seattle-Band auf Sub Pop, die erste mit einem grossen Plattenvertrag und später auch die erste, die über eingeweihte Kreise hinaus für Aufmerksamkeit sorgte. Der Megaerfolg von Pearl Jam und Nirvana blieb ihnen verwehrt, aber mit dem Album «Superunknown» erreichten sie 1994 Platz 1 der US-Billboard-Charts, «Black Hole Sun» und zahlreiche andere Soundgarden-Hits waren für die Neunzigerjahre prägend.

Das lag vor allem an Chris Cornell, der auch stilistisch ein Trendsetter war. Der Sänger hatte ein gewaltiges Ikonenpotenzial, nicht nur wegen der biblischen Motive in einigen seiner Songs: gross, schlank, beinahe unverschämt gutaussehend, war er der perfekte Rockstar. Mit seinen Doc Martens, halblangen Cargo-Hosen, wallenden Haaren und dem Ziegenbart prägte er die Uniform einer ganzen Generation. Cornell spielte nicht nur sämtliche Instrumente, er beherrschte sie mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. In seinen besten Tagen hatte er eine Vier-Oktaven-Stimme, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Hinzu kam eine den Sänger und seine Musik stets begleitende Schwermut, die besten Cornell-Songs waren immer auch Depressionshymnen. Das liess die Musik von Soundgarden zu gleichen Teilen faszinierend und bedrohlich wirken - der Stoff, aus dem gute Rock'n'Roll-Geschichten sind.

Soundgarden - Black Hole Sun (Quelle: Youtube/SoundgardenVevo )

Nachdem die Gruppe sich zerstritten hatte, gelang Cornell 1999 mit «Euphoria Morning» noch ein ziemlich gutes Soloalbum. Danach hatte er nicht immer eine glückliche Hand in künstlerischen Belangen: Mit den verbliebenden Mitgliedern von Rage Against The Machine gründete er die Supergruppe Audioslave, die Schwerelosigkeit durch Muckertum und Melancholie durch Breitbeinigkeit ersetzte. Chris Cornell war nun ein muskelgestähltes Mitglied des Rock-Jetset. Er produzierte ein misslungenes Mainstream-Album mit Timbaland («Scream»), nahm mit «You Know My Name» den Titelsong für den James-Bond-Film «Casino Royale» auf, der bestens zur archaischen Männlichkeit von Daniel Craig passte, und eröffnete ein Restaurant in Paris, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern wohnte.

Die Musik jener Jahre war nicht immer gut, aber der Mann wirkte zum ersten Mal in seinem Leben rundum glücklich. Die Schwermut schien von ihm abgefallen zu sein. Erst in den letzten Jahren wendete Cornell sich wieder seinen Ursprüngen zu: Zunächst trommelte er 2012 Soundgarden wieder zusammen, dann begab er sich im vergangenen Jahr auf eine Tournee mit den alten Freunden von Temple Of The Dog. Das Grunge-Projekt mit späteren Mitgliedern von Pearl Jam war 1990 gegründet worden, um Cornells verstorbenem Mitbewohner, dem Sänger Andrew Wood, zu gedenken. Nun ist Chris Cornell selbst gestorben. Sie werden ihn nach Hause tragen.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt