Der Mundart-Laborant

Jeder ahnte, wie das nächste Trummer-Album klingen würde. Das war dem Berner Mundart-Singer-Songwriter zuwider. Für sein neues Werk hat er sich deshalb selber ausgetrickst.

«Ich musste Methoden aushecken, um mich und mein Publikum zu überraschen», sagt Liedermacher Trummer. Dabei ist ihm sein bisher bestes Werk geglückt.

«Ich musste Methoden aushecken, um mich und mein Publikum zu überraschen», sagt Liedermacher Trummer. Dabei ist ihm sein bisher bestes Werk geglückt. Bild: Tabea Hüberli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie ein Laborant sieht er nicht aus, der Christoph Trummer. In seiner Wildlederjacke und dem schwarzen Herrenhut gemahnt er eher an einen oberländischen Old Shatterhand. Doch sein neuestes Projekt veröffentlicht Trummer, aufgewachsen in 3714 Frutigen und seit Jahren wohnhaft in Bern, nicht mehr bloss unter seinem Familiennamen, er nennt es Trummers Labor. Weil da tatsächlich viel laboriert wurde, und auch ein bisschen, weil er nicht mehr mit dem Trauffer verwechselt werden möchte, was in letzter Zeit öfter geschehen sei, wie er mit betroffenem Gesicht ergänzt.

Dass ihm dies nicht behagt, ist verständlich. Trummers Art des Entertainments geht in eine diametral andere Richtung als die musikalischen Hüftschüsse des Après-Ski- und Après-Ratio-Rockers. Bei ihm wird alles hinterfragt, alles ist ausgetüftelt, es ist Musik für Menschen, denen alles ein bisschen schwerer fällt. Und die gute Nachricht: «Amne sichere Ort» ist das musikalisch verlockendste Mundartwerk, das der Berner Singer-Songwriter je verfertigt hat. Nie hat Trummer besser geklungen, spannender komponiert und programmiert, noch nie waren seine Songs so ohrwurmig, zeitgeistig und eigensinnig.

Trummer - Amne sichere Ort / Quelle: Youtube.com

Verschlungen und wendig

Um das zu erreichen, hat er sich im Vorfeld künstlerische Dogmen auferlegt: «Die waren anfänglich relativ streng», erklärt Trummer. «Keine Folk-Gitarren, keine Band, kein Folk-Rock – und das Ganze sollte möglichst leise gehalten werden.» Und so begann er zu tüfteln, erst vor allem am Computer, doch bald merkte er, dass seine Song-Ideen harmonisch zu komplex waren, als dass sie in der Leere einer elektronischen Produktion funktioniert hätten, wie ihm das anfänglich vorschwebte. Also wurden erste Auflagen etwas aufgeweicht, bald kam wieder eine Gitarre zum Einsatz, bald wurden die Synthesizer-Flächen durch echte (und höchst raffinierte) Streicher-Arrangements ersetzt.

Die Lieder wechselten ständig ihre Form und ihren Aggregatzustand und präsentieren sich in der Endfassung dementsprechend verschlungen und wendig. «Kurz: Ich bin an den eigenen Vorgaben gescheitert», sagt Christoph Trummer und schmunzelt. Im Wissen darum, dass dieses Scheitern ein höchst fruchtbares war.

Da ist zum Beispiel der Opener «Amne sichere Ort»: Er beginnt mit einem sonderbar geloopten Piano, dazu gesellen sich Streicher, Oboen und Klarinetten. Es wird eine Gitarre gezupft, alles bleibt zart und luftig, bis auf einmal ein zorniger Synthiebass und ein verzerrter Beat die Anmut zerfetzen. Daneben setzt Trummer zarte Gesangslinien und schreckt auch vor patent-ochsnerschen Chorharmonien nicht zurück.

Solche ästhetischen Brüche sind bezeichnend für dieses Werk. «Ich habe wahnsinnig viel Zeit mit diesem Album verbracht», erzählt Trummer. «Als ich erste Lied-Skizzen anfertigte, war mir bald klar, wie sie in der Endfassung klingen würden, wenn ich so weitergemacht hätte wie bisher. Das fand ich langweilig. Ich musste Methoden aushecken, um mich und mein Publikum zu überraschen. Es sollte nicht einfach ein weiteres Trummer-Album geben.» Dieser Auftrag ist mehr als erfüllt. «Amne sichere Ort» strotzt vor schönen Details, ohne dass diese die Songs unnötig verrammeln würden.

Blumenfelder vor den Gedanken

Ein bisschen komplizierter wird die Betrachtung dieses Albums von der poetischen Warte aus. Man hat Trummer auch schon vorgeworfen, etwas zu unverblümt aus seinem Gedankenschatz zu zitieren. Auf dem neuen Album versperren nun ganze Blumenfelder den Blick auf die Kerngedanken. So weit geht das, dass zuweilen gar nicht mehr richtig auszumachen ist, ob es dem Trummer nun besonders gut oder ausgesprochen schlecht geht, ob er an der Welt verzweifelt oder ob er sie feiert, ob er seine Liebe gefunden hat oder ob er ein Dasein in Kummer und Entbehrung fristet.

Genau dieser Zustand des Ungefähren schwebe ihm vor, erklärt Trummer: Er wolle seinen Hörern «öppis z tüe gäh». «Ich bin nicht an Wahrheiten interessiert, mich reizen Stimmungen, die nicht eindeutig sind, eine Zufriedenheit zum Beispiel, in der doch eine unerklärliche Unruhe schlummert.» Zeitweise gelingen ihm solche Atmosphären in seinen neun neuen Liebesliedern: «Alls wird angers sy / chumm mir zwöi mir blybe glych – zäme», singt er einmal, eine Zeile, die man fast als emotionale Eruption feiern könnte. Öfters wirkt Trummer hingegen wie ein Chronist seiner eigenen Gefühle. «Ich dichte aus der Position des Neugierigen», sagt er. «Vielleicht ist meine emotionale Distanz dadurch zu erklären.»

Diplomat statt Missionar

Trummer ist auf diesem Album ein Grübler – mit der Tendenz, die Themen zu zerreden. Und so wirken gewisse Sprachbilder etwas überfrachtet: «Dr Zwyfel isch e Winde / richtig los wird mä ne nie / D Wahrheit i jedem Zwyfel / isch mindischtens dass es ne git», heisst es zum Beispiel im Eröffnungslied – und es ist nicht die einzige Zeile, deren Entschlüsselung selbst erfahrene Philosophen eine Weile beschäftigen dürfte.

Trotzdem: Die Neugier auf Trummer ist mit diesem Werk wiedererwacht. Sein Laborieren soll in weitere Runden gehen. «Gut möglich, dass ich mein nächstes Album mit drei Jazzmusikern in drei Tagen einspielen werde», sagt er, «gut möglich, dass auch etwas völlig anderes geschehen wird.» Fast genauso viel zu tun wie mit dem Erfinden eines neuen musikalischen Ausdrucks hat Trummer in seinem Nebenamt: Er ist quasi der höchste Musiker dieses Landes. Als Co-Präsident des Vereins Sonart – Musikschaffende Schweiz lobbyiert er für die Interessen der heimischen Tonkünstler, und das tut er mit der Geduld und dem politischen Pragmatismus eines Mannes, der einst von der SVP-Hochburg Frutigen in die Rot-Grün-Hauptstadt Bern gezogen ist.

«Es ist mir auch schon vorgeworfen worden, ich hätte zu viel Verständnis für die politischen Gegner», sagt er. «Doch ich habe schon bei meinem Antritt gesagt, dass ich eher der Diplomat als der Missionar bin.» Sagts und erkennt im selben Moment: «Lustig, das gleiche trifft wohl auch auf meine Art zu, Songs zu schreiben.»

Dampfzentrale Samstag, 17. Februar, 21 Uhr (CD-Taufe). Freitag, 9. März: Mokka Thun. Das Album: Trummer: «Amne sichere Ort» (Tourbo Music). (Der Bund)

Erstellt: 15.02.2018, 06:46 Uhr

Artikel zum Thema

Cornells letzter Song erscheint auf Cash-Album

Der Soundgarden-Sänger Chris Cornell vertonte vor seinem Tod einen Text von Johnny Cash. Mehr...

Wo sind die Frauen?

Das Schweizer Popestablishment feiert sich am Freitag an den Swiss Music Awards selbst. Künstler und Künstlerinnen abseits des Mainstreams gehen dabei fast vergessen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...