Der Jazzer mit dem Tiger im Tank

Ein Treffen mit Walter Schmocker, der die Langnau Jazz Nights seit 25 Jahren mit unverkrampfter Leidenschaft leitet.

Geschätzter Jazz-Wohltäter: Walter Schmocker.

Geschätzter Jazz-Wohltäter: Walter Schmocker.

(Bild: Emanuel Zingg)

Sitzt man ihm vis-à-vis, wirkt Walter Schmocker wie ein fröhlicher und verschmitzter Teddybär im XXL-Format. Doch wer einmal hautnah miterlebt hat, mit welch überbordendem Enthusiasmus er seinen Kontrabass zu traktieren pflegt, weiss, dass Schmocker den Tiger im Tank hat. Es ist nicht zuletzt diese ­Mischung aus Gutmütigkeit und Übermut, die Schmocker, der in der Tiger-Stadt Langnau mit auserlesenen Weinen handelt, zum weitherum geschätzten Jazz-Wohltäter hat werden lassen: Ohne ihn gäbe es die Langnau Jazz Nights nicht – auch wenn er inzwischen auf die Hilfe von über 100 Leuten zählen kann.

Heuer können die Langnau Jazz Nights (LJN) ihren 25. Geburtstag feiern. Der Anlass ist weit mehr als ein 5-tägiges Festival mit Doppel-Konzerten in der Kupferschmiede. Tagsüber gibt es ein reichhaltiges Workshop-Angebot für Anfänger und Fortgeschrittene. Dafür wird jedes Jahr ein renommierter Leiter engagiert, der sein eigenes Team zusammenstellt – heuer ist dies der Bassist Scott Colley, der bisher unter anderen in den Bands von Herbie Hancock und Chris Potter gespielt hat.

Frommer Wunsch

Gegen Abend verwandelt sich der Viehmarktplatz in einen überdachten Multikulti-Gastro-Festplatz mit Live-Musik. Da haben auch Nachwuchsbands aus halb Europa ihren Auftritt. Auf dieses ­Junior Jazz Meeting ist Schmocker besonders stolz, und er hätte nichts dagegen, wenn man ihm mehr mediale Beachtung schenken würde. Das dürfte ­allerdings ein frommer Wunsch bleiben – dafür ist das Hauptprogramm einfach zu attraktiv und zu hochkarätig.

Schmocker sagt: «Es war gar nie mein Ziel, einen derart grossen Anlass zu veranstalten.» Tatsächlich fanden die LJN zu Beginn in einem Kurszentrum auf einem Hoger statt, wo es gar keinen Platz für ein grosses Publikum gab. Früher war Schmocker als Bassist sehr aktiv und trat mit zahlreichen Musikern aus Übersee auf. Besonders intensiv und prägend war für ihn die Zusammenarbeit mit dem Trompeter Hannibal Marvin Peterson, aber auch Begegnungen mit Art Blakey, Chet Baker und Archie Shepp haben sich ins Gedächtnis eingebrannt: «Das war eine wahnsinnige Zeit, ich könnte stundenlang Geschichten erzählen.»

Gesundes Wachstum

Von Jerry Bergonzi und Hal Crook wurde Schmocker in die USA eingeladen. Dort lernte er den Lehrbetrieb am Berklee College of Music kennen: So entstand die Idee, in Langnau Sommer-Workshops durchzuführen. Seither ist viel Wasser die Ilfis hinabgeflossen und die LJN haben sich längst zu einem Jazz-Hotspot mit überregionaler Ausstrahlung gemausert.

Schmocker ist mit der Entwicklung zufrieden: «Der Anlass konnte seinen ­familiären Charakter bewahren. Die Musiker spüren die spezielle Wertschätzung und fühlen sich dementsprechend wohl in Langnau.» Und so schrauben selbst die ganz grossen Jazz-Stars ihre Ansprüche ein bisschen zurück. Nur der im letzten Jahr verstorbene Neurotiker Charlie Haden liess sich 2005 vom Schloss Hünigen in Konofingen nach Bern ins Bellevue Palace chauffieren, weil es unbedingt fünf Sterne sein mussten. Trotzdem zählt Schmocker den Auftritt des von Haden und Carla Bley geleiteten Liberation Music Orchestra zu den unvergesslichen Augenblicken – des Weiteren nennt er Chris Potters Quartett Underground und die Band Prism mit dem Primus inter pares Dave Holland.

Kupferschmiede, Langnau i. E. Di, 21., bis Sa, 25. Juli.

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