Der einsame französische Wolf

Johnny Hallyday lehrte den Franzosen den Rock ’n’ Roll – er war der Elvis der Grande Nation. Nun ist die nationale Ikone im Alter von 74 Jahren gestorben.

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Eine Brasilianerin erreicht Paris, die Stadt ihrer Träume. «Und das Erste, was sie im Fernsehen gesehen hat, war Johnny Hallyday, da hat sie eingesehen, dass es eine Menge geben würde, was ihr unverständlich bleibt.» So wie dieser Figur aus Virginie Despentes Generationenroman «Das Leben des Vernon Su­bu­tex» ging es vielen mit dem französischen Elvis. Auch Nachgeborene und Nichtfranzosen fragten sich: War da mehr als nur dieses zerfurchte Seniorengesicht, das die eine oder andere Schönheitsoperation und Botox-Kur nicht mehr verbergen kann? Mehr als nur die Klatschheftexistenz, die er durch seine Exzesse und Scheidungen an den Kioskaushängen ein Leben lang lebte? Mehr als der Rock ’n’ Roll, den der Star in seiner Rolle als Alt-Rocker auf seinen Stadiontourneen pathetisch aufgeblasen hat?

Lungenkrebs: Frankreich trauert um Musikikone. Video: Tamedia/AFP

Natürlich war da mehr, viel mehr. Denn als sich Jean-Philippe Smet daran machte, dem Rock ’n’ Roll in Frankreich zur Explosion zu verhelfen, war er ein Rebell. Einer, der nicht weniger als die Welt der Chansons sprengen wollte. Ohne Tolle zwar, aber mit dem Hüftschwung, den er beherrschte. Fast so wie dessen Erfinder Elvis Presley, von dem er sich dieses Show-Element abgeschaut hatte. Erstmals hat er den King 1957 im Kinofilm «Lovin’ You» erlebt. Von da an war für Smet klar, was er werden wollte: ein Rock-’n’-Roll-Star. Ein König, der begann, sich seinen eigenen Mythos als Johnny Hallyday zu zimmern. So schrieb er sich eine Biografie zurecht: Die kaputte Familie, in die er 1943 hineingeboren wurde, wurde in diesem Mythos zur französischsprachigen Cowboyfamilie, die in Oklahoma gelebt hatte. Prima passte auch, dass er als neunjähriger Knabe an der Seite seiner Tante, bei der er aufgewachsen war, schon mal als Cowboy auftrat.

Gewinnen oder verrecken

Doch ein blosser Kopist der neuesten US-Moden war Hallyday nicht: Mit seinem Gespür für seine persönlichen Stärken, für seine Limiten auch, übersetzte er den Rock ’n’ Roll aus Übersee in eine französische Spielart. 1960 erschien seine erste Single «Itsy Bitsy Petit Bikini» – eine Coverversion des so harmlosen wie freizügigen Hits «Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini». 1961 wurde es deftiger: Hallyday, der damals 18-jährig war, spielte im Pariser Olympia auf und brachte den Saal zur Raserei. Was folgte, waren die ersten Rock-’n’-Roll-Krawalle auf französischem Boden. Die Bilanz: fünf verletzte Polizisten, 85 verhaftete Fans. Der Rebell Hallyday trug diesen Kampf freilich nicht auf der Strasse aus, aber in seiner Rolle als Rock-’n’-Roll-Star. Viel später sollte er sagen: «Grosse Sänger sind wie Boxer: Du gewinnst den Kampf, oder du verreckst.»

Kämpfe hatte Johnny Hallyday immer wieder auszutragen. Beispielsweise gegen die Popwelle, ausgelöst durch die Beatles, die ihn beinahe wegspülten und auf die er nur mit dem Song «Cheveux longs et idées courtes» antworten konnte. Er trug Fehden aus, noch im hohen Alter, mit französischen Stars wie Michel Sardou, den er in seiner Autobiografie «Dans mes yeux» als «altes reaktionäres Arschloch» betitelte. Vor allem aber auch mit sich selber: Als 1966 seine Frau Sylvie Vartan die Scheidung einreichte, versuchte er, sich mit Tabletten und Rasierklingen das Leben zu ­nehmen.

Kämpfe hatte Johnny Hallyday immer wieder auszutragen. Etwa gegen die Popwelle, ausgelöst durch die Beatles.

Im Rebell lebte eben auch ein melodramatischer Schmachtfetzen, eine geschundene Seele, die 1969 einen Song wie «Que je t’aime» so heulend sang, dass es die Herzen seiner Fans zerbrechen konnte. Überhaupt das Heulen, die Darstellung als einsamer Wolf: Es war der Ton, den er am besten beherrschte, zumal dann, wenn er auf der Bühne den Song «Je suis seul» anstimmte: In einem Livemitschnitt von 1967 ist zu sehen, wie das Rock-’n’-Roll-Animal, das Johnny Hallyday in jenen Tagen war, nach Liebe schreit, gebändigt erscheint und längst auf den Knien ist, ehe es sich wieder aufrichtet, und weitersingt. Auch wenn es schmerzt.

Als er zum ersten Mal Elvis im Kino sah, war für ihn klar, was er werden wollte: Johnny Hallyday 1960. Foto: Gamma-Rapho, Getty Images

Johnny Halliday wurde auch durch dieses zelebrierte Leiden zum Star, der in Frankreich mehr als 60 Millionen Platten verkaufte. Nicht nur wegen dieser unglaublich anmutenden Zahl sagte Mick Jagger einst, dass Halliday in Frankreich «unerreichbar» sei. Hallyday wurde zum Massenprodukt, zum schauspielernden Rockstar und zur Ikone in Lederjacke, zu deren Freundeskreis Präsidenten wie Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy zählten. Ein Massenprodukt, das doch nie ganz entrückt schien von seinem Volk, das in die grössten Stadien des Landes pilgerte.

Ins Wanken geriet Johnny als nationales Monument nur dann, als er für die Schweiz so nahe war wie noch nie. 2006 war das, als er verkündete, dass sein Lebensmittelpunkt künftig in Gstaad liege. Hallyday kaufte sich zu diesem Zweck das Chalet Jade, das von der Immobilienfirma als «Juwel mitten im Grünen» angepriesen wurde. Sein Bekenntnis zur Schweiz löste in seinem Heimatland eine Debatte aus. War Johnny Hallyday nicht einfach ein Steuerflüchtling? Zumal er nur wenig später die belgische Staatsbürgerschaft beantragte, damit er, so wurde gemunkelt, in Monaco Steuerfreiheit geniessen könne. Diese Pläne verflüchtigten sich: Hallyday wurde im Kanton Bern pauschalbesteuert, bis er 2013 wieder wegzog und seine Villa für 10 Millionen Franken verkaufte.

Sein Leben, das immer auch ein öffentliches war, spielte sich fortan in Los Angeles und wieder in Paris ab. Dort, wo er geliebt wurde. Dort, wo er in der Nacht auf den Mittwoch 74-jährig an Lungenkrebs gestorben ist. Wer in diesen Tagen nach Frankreich reisen sollte, der wird die nationale Trauer um Johnny Hallyday vielleicht nicht verstehen. Kalt lassen wird sie aber keinen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 17:45 Uhr

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