Der Diener eines Wüstlings

Michele Govi ist ein brillanter Komödiant. Vor der Premiere als Leporello in Mozarts Oper «Don Giovanni» verrät der Bariton, was man mit verirrten Mücken macht.

Führt über die Schäferstündchen seines Bosses Buch: Publikumsliebling Michele Govi nach der Probe.

Führt über die Schäferstündchen seines Bosses Buch: Publikumsliebling Michele Govi nach der Probe. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das wird ein Kavaliersstart: Michele Govi wird der Erste sein, der singt, nachdem das Berner Symphonieorchester die Ouvertüre fertig gespielt hat und der Vorhang im Stadttheater aufgeht. Der Bassbariton ist Leporello in Mozarts Oper «Don Giovanni». Was könnte einem Publikum Besseres passieren: Govi, der Publikumsliebling, als Diener eines Wüstlings!

Im Moment, wo dieser Italiener den Mund aufmacht und die ersten Takte der «Oper aller Opern» über den Bühnenrand schmettert, wird sich eine Schleuse öffnen. Für alles, was ihm auf der Seele liegt. Ärger, Ekel, Widerwillen. «Tag und Nacht nur Schinderei, für einen, ders nicht zu schätzen weiss! Ich will selbst ein Herr und nicht mehr Diener sein!»

So wird Leporello lamentieren (auf Italienisch natürlich und mit deutschen Übertiteln). Seine Wut ist verständlich: Als Aufpasser vom Dienst gehört es zu seinem Job, über die Schäferstündchen seines Bosses Buch zu führen. Zudem muss er Schmiere stehen, um zu verhindern, dass jemand von den Eskapaden seines Arbeitgebers erfährt. Er hat das so was von satt! Doch Leporello lässt sich immer wieder von seinem Chef einspannen. Und bevor nach knapp drei Stunden der Vorhang über dieses Dramma Giocoso in zwei Akten fällt, wird Leporello wieder trotzig maulen: «Ich geh jetzt in die Taverne und finde mir einen bessern Herrn!»

Michele Govi hat den Leporello intus. Die Traumrolle hat er vor sechs Jahren auch am Theater Biel-Solothurn gespielt. Das sei eine ganz konventionelle Inszenierung gewesen. Und jetzt bei Konzert Theater Bern? Viel möchte Govi nicht verraten. Nur das: Regisseur Matthew Wild siedle die Oper in Las Vegas an. «Leporello wird in einem Spielcasino als Croupier tätig sein.» Govi überzeugt die Idee, weil die Handlung durch das Setting neue Lesarten zulasse. Den Terroranschlag in der Spielerstadt bedauert er, aber deswegen lasse sich eine so aufwendige Inszenierung nicht neu erfinden. «Die Bühnenbilder stehen.»

Für die Ambivalenz des Leporello, seinen Chef zu bewundern und gleichzeitig zu verachten, hat Govi eine schlüssige Erklärung. Für Leporello zähle das Geld. «Wenn der Boss zahlt, wird er sanft wie ein Lamm. Seine Wut verfliegt. Jedenfalls für einen Moment.»

Innerer Kippschalter

Michele sitzt am Holztisch vor den Probebühnen in der Felsenau, blinzelt in die Nachmittagssonne. Von der Spannung vor der baldigen Premiere am Stadttheater ist ihm nichts anzumerken. Er wirkt ruhig, zurückhaltend. Fast etwas scheu. Völlig anders jedenfalls, als man ihn von der Bühne her kennt, wo er nicht nur mit seiner expressiven Stimme, sondern auch durch sein quirlig-buffoneskes Temperament begeistert.

«Ich mag es ruhig. Viel Action, viel reden, das ist nicht meine Art.»Michele Govi

Privat sei er eher ein schüchterner Typ. «Ich mag es ruhig. Viel Action, viel reden, das ist nicht meine Art.» Auf der Bühne aber könne er einen Schalter umkippen. «Da fallen mir Emotionen leicht.» Er liebe alles Komödiantische, sagt er und greift sich ans rasierte Kinn. Seinen Schnauz und den sexy Kinnbart habe er für die Rolle einer Nonne geopfert. Auch andere Opfer habe er schon erbracht, als er Frauen spielte, sagt Govi. In «Viva la mamma» zum Beispiel habe er sich einen Muskelkater eingefangen, weil er auf der Bühne als Travestit auf Highheels herumstöckeln musste. «Wie man das als Frau kann, jahrein, jahraus! Das konnte ich mir bis dahin nicht vorstellen. Und danach erst recht nicht.»

Govi hat aber auch schon Situationen erlebt, wo er nicht mit einem Muskelkater davonkam. In Rossinis «L’italiana in Algeri» in Biel erlebte er als Mustafa einen Horrormoment: Während des Singens flog ihm eine Mücke in den offenen Mund. «Ich musste aufhören, hinter die Bühne verschwinden und mit einem Glas Wasser spülen. Danach habe ich weitergesungen.» Dass der Sänger neben einem geheimen Kippschalter auch über Nerven wie Stahlseile verfügt, ist wirklich eine Entdeckung.

Doch es gibt noch eine andere Überraschung: Er habe nie ein Musikinstrument gespielt. Und erst mit achtzehn sei er ans Konservatorium in Bari, seiner Heimatstadt, gegangen, um Gesang zu studieren. Dabei ist der heute 51-Jährige in einem musikalischen Umfeld aufgewachsen. «Die Oper gehörte zum Alltag», sagt er. «Tags gingen die Männer handwerklichen Berufen nach. Am Feierabend zogen sie die Überhose aus und eilten im Frack, der darunter hervorkam, in die Oper.» Nicht als Besucher, präzisiert Govi, sondern zum Singen. Schon als Vierjähriger hat er seinen Vater begleitet. «Ich fühlte mich in der Oper zu Hause, bevor ich wusste, dass ich Sänger werden will.»

Die wichtigsten Impulse als Sänger habe er aber nach dem Studium bekommen. Von Lehrern wie Gianni Raimondi, einem Tenor, der in den 1960er-Jahren an der Seite von Maria Callas an der Mailänder Scala aufgetreten ist. Einem Maestro über die Schulter zu schauen, sei aber keine Garantie für den eigenen Fortschritt, sagt er. «Man muss lernen, was man übernehmen kann und soll. Denn eine Koryphäe zu kopieren, führt künstlerisch in die Sackgasse.»

Govi, der Italiener, ist mit Verdi, Rossini, Donizetti oder Puccini im Ohr aufgewachsen. Doch eine Karriere in Italien hat er nie angestrebt. Warum? Dort sei die Oper zu sehr mit den Interessen von Lobbyisten verknüpft. «Das Klima ist angespannt. Viele Theater leiden unter finanziellen Problemen.» Dass ein Sänger fünf, sechs Monate auf seinen Lohn wartet, sei keine Seltenheit. Und was hält er von Open-Air-Auftritten? Zum Beispiel in Lucca oder Verona? Govi winkt ab. Das sei nichts für ihn. «Eine Oper gehört in ein Haus, sonst ist sie kein Genuss.»

Freiheit statt Sicherheit

Obwohl der Sänger die letzten dreizehn Jahre am Theater Biel-Solothurn und vereinzelt am Berner Stadttheater gebucht war, hat er nie fest zu einem Ensemble gehört. Er sei «un cavallo», ein Springer, der sich seine Engagements von Saison zu Saison aussuche. So könne er sich künstlerisch weiterentwickeln. Allerdings biete die Freiheit auch Gefahren: «Man muss Nein sagen können. Sechs, sieben Programme pro Jahr sind genug. Sonst leidet die Qualität. Oder die Gesundheit.»

Übermorgen ist Premiere. Leporello alias Michele Govi ist parat. Er fühle sich in den Startlöchern wie ein Rennpferd, bevor der Holmen hochgezogen wird und das Tier endlich lossprinten kann. Doch vorher holt er sich noch Kraft. Er fährt nach Cremona, nach Hause. Nur zwei Tage. Hier lebt er mit seiner Frau und der zwölfjährigen Tochter, wenn er nicht in einem Projekt unterwegs ist.

Auf die Frage, ob auch sie einen Bezug zum Opernfach habe, strahlt er und zückt das Smartphone. Seine Frau habe wie er eine Sängerausbildung. Doch heute arbeitet sie mehrheitlich als Dramaturgin – und Rapperin. Er drückt auf den Button: Aus dem Smartphone klingt ein heller Sopran, der wenig später in einen herben Sprechgesang kippt. Govi ist amüsiert. «R. I. P. Callas» heisst die experimentierfreudige Hommage an die Operndiva. Es ist die Stimme seiner Frau.

Premiere im Stadttheater: diesen Samstag, 19.30 Uhr. Musikalische Leitung: Kevin John Edusei Regie: Matthew Wild www.konzerttheaterbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 12.10.2017, 06:50 Uhr

Artikel zum Thema

Eine Tragödie wird zur lustigen Revue

Kurzweilig, schrill und überfrachtet sind «Die Clowns – Pagliacci» im Kubus. Als Opera povera vermag die Inszenierung nur teilweise zu überzeugen. Mehr...

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Tingler Psychotricks im Ausverkauf

Von Kopf bis Fuss Füdliwerbung