Der Bahnbrecher aus Addis Abeba

Ende der Sechzigerjahre beschloss der Äthiopier Mulatu Astatke, die Musik seiner Heimat zu revolutionieren. Daran arbeitet er bis heute.

Ein kleiner Mann mit grosser Wirkung: Der Ethio-Jazz-Erfinder Mulatu Astatke.

Ein kleiner Mann mit grosser Wirkung: Der Ethio-Jazz-Erfinder Mulatu Astatke. Bild: zvg

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Wild ging es bekanntlich zu und her in den späten 60ern und den frühen 70ern. Es wurden bewusstseinsmanipulierende Rauschgifte konsumiert, was so einige Musiker dazu anstachelte, ihre Saiteninstrumente auf eine Art und Weise zu traktieren, wie es in keinem Lehrbuch nachzulesen war. Die Musikchronisten schienen der Meinung, dass sich die wildeste Rockmusik dieser Epoche vornehmlich in den USA oder in England abgespielt hat. Was lange nur wunderlichen Musiksammlern und -jägern bekannt war, ist die Tatsache, dass die Psychedelik durchaus auch bis nach Afrika vorgedrungen war.

Zum Beispiel – und ganz besonders – nach Äthiopien. Mittendrin und an vorderster Front dabei war Mulatu Astatke, ein kleiner Mann mit grosser Wirkung sozusagen. Eigentlich war eine etwas andere Karriere geplant, als der wohlhabende Vater den 16-jährigen Mulatu nach Grossbritannien schickte. Berufsziel: Flugzeugingenieur. Doch der Sohn begann zu musizieren. Zunächst klassisch, später verdrehte ihm der Jazz den Kopf. Auch in der Wahl seines Instruments war er etwas flatterhaft, wechselte von der Trompete zum Piano, später zur Klarinette, zu diversen Harmonieinstrumenten, zum Saxofon, zum Vibrafon und zur Perkussion. Später war er der erste Afrikaner, der an der Berklee-Jazz-Schmiede in Boston studierte, wo er sich der Einfachheit halber zum Arrangeur ausbilden liess und damit begann, die äthiopische Populärmusik der Fünfzigerjahre mit expressiver Jazzmusik zu kreuzen.

Das swingende Addis Abeba

An einem Abend des Jahres 1966 kommt es zu einer denkwürdigen Zusammenkunft in New York. Drei afrikanische Musiker treffen sich, kurz bevor sie wieder zurück in ihre Heimatländer fliegen, zum Gedankenaustausch. Alle drei sind aufgewühlt von den Konzerten, die sie hier erlebt hatten, vom Jazz eines Miles Davis, vom Funk eines James Brown. Und alle drei sind von der Idee beseelt, etwas Neues, Bahnbrechendes in ihrer Heimat anzuzetteln. Die Musiker hiessen Fela Kuti, Hugh Masekela und Mulatu Astatke.

Ersterer erfand drei Jahre später den Afrobeat, Letzterer kehrte mit der Absicht nach Addis Abeba zurück, seine Idee des Jazz – er nannte es Ethio-Jazz – unter die Leute zu bringen. Astatkes Konzept war bereits klar umrissen. Er feierte erste Erfolge in den Clubs von New York, kam zu Fernsehauftritten – seine schwerblütigen und doch aufreizenden Kompositionen trafen den Nerv der Zeit. Da wurden Jazz und lateinamerikanische Musik in nordafrikanische Tonalitäten übersetzt, da wurde äthiopische Volksmusik mit Wah-Wah-Gitarren und groovenden Elektrobassläufen unterfüttert. Als Mulatu Astatke Ende der Sechzigerjahre nach Äthiopien zurückkehrte, brachte er eine Musik nach Afrika, die bis heute gleichzeitig exotisch, modern, entfesselt, geschmeidig und abenteuerlich klingt.

Seine Rückkehr fiel in eine Zeit, in der in Addis Abeba der Funk und der Soul bereits ihren Siegeszug angetreten hatten. «Swinging Addis» wird diese wilde Epoche genannt, in der Mulatu Astatke die Stars der Stunde – den äthiopischen James Brown Alemayehu Eshete, den verwegenen Saxofonisten Getachew Mekuria oder den psychedelischen Schmachtsänger Mahmoud Ahmed – im Studio betreute und selber Platten veröffentlichte. Doch während in Mali oder Senegal die Franzosen für die Verbreitung der schwarzen Musikkultur besorgt waren, fand die aufregende Musik aus dem nie kolonialisierten Äthiopien kaum Verbreitung. Nachdem ein Militärputsch der swingenden Ära ein jähes Ende bereitete, wurde es still um Mulatu Astatke und seine Kollegen – eine internationale Karriere war nahezu unmöglich.

Erst die Compilation-Serie «Ethiopiques» des französischen Labels Buda Musique hat der westlichen Welt Ende der Neunzigerjahre Zugang zu dieser Musik verschafft, die das Bild des technologisch rückständigen Afrika zu korrigieren verstand. Und spätestens nachdem der Regisseur Jim Jarmusch 2005 die Musik von Mulatu Astatke in seinem Film «Broken Flowers» zu Ruhm und Ehre brachte, stossen diese aufregenden Klänge auf wachsende Bewunderung. Und Astatke hat keineswegs Lust, seine Musikerfindung ins Museum zu stellen. Zusammen mit den Londoner Jazz-Frischlingen Heliocentrics macht er den Ethio-Jazz für die Neuzeit fit und weitet sie mal in Richtung Elektronik, mal in Richtung freie Improvisation aus.

Fri-Son Freiburg Freitag, 15. 9., 20 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 14.09.2017, 06:53 Uhr

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