Der Albtraum wird warm

Hochtrabendes Understatement: Milena Patagônia tauft in der Dampfzentrale «MP EP», die Veredelung ihres Bastel-Rythm-’n’-Blues auf Berndeutsch.

Alles bleibt in Arbeit: Milena Patagônia.

Alles bleibt in Arbeit: Milena Patagônia. Bild: zvg/Marco Raho

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Sie hat es nicht im Griff. Sie hat es im Blut. Ihre Musik glitscht durch die Finger, verflüchtigt sich und nimmt Reissaus vor der Vollendung. Nach Feuerland oder zum Rio Chubut – nach Patagonien also, in die Region, von der niemand weiss, wo sie endet, auch wenn Leute versuchten, es mit dem Lineal zu definieren. Milena Patagônia sind Grenzen schon allein dem Namen nach egal, und das Unabgeschlossene und das Nicht-im-Griff-Haben, das begreift sie dann wiederum extrafein.

Keines der Stücke auf der frisch getauften «MP EP» scheint Song sein zu wollen. Die Elemente basteln sich zusammen, zerfallen und legen Atempausen ein, nur ein seidenes Berndeutsch ist Unterlage für quecksilberne Perkussion und zeitdehnende Tiefklänge. Alles bleibt in Arbeit. Wie geht das live, alleine?

Andere hätten sich das leicht gemacht und alles durchproduziert. Aber Milena Patagônia tritt in der Dampfzentrale an ihre Handvoll Geräte und riskiert den offenen Ausgang. Dabei hilft ihr, wie schon in ihrer früheren Phase als Seelenchronistin Langenthals, dieses hybride, hochtrabende Understatement: «Normalerweise bin ich cool. Heute nicht.» Diese unverfrorene Genügsamkeit also, die wahrscheinlich Helge Schneider am besten beschrieben hat, als er meinte, er sei einfach sein eigener grösster Kritiker. Und grösster Fan.

Rückwärts durch die Walachei

Immer in Reichweite ist das Herzstück, die Loopstation, und kurze sowie lange Samples liegen darauf griffbereit, ob als eingestreuter Backgroundgesang oder als tragender Gesamtklang über viele Takte. Es bimmelt, zupft und schreddert, neuerdings und über diese Anlage klingt das aber ultradicht, bisweilen umwerfend mächtig.

Offener Ausgang: Milena Patagônia live in der Dampfzentrale. Bild: zvg/John Ruetti

Markus Mezenen und Stefan Schischkanov haben als Produzenten die EP ganz schön aufgebrezelt, ohne dabei den patagonischen Lo-Fi-Charakter zu tilgen. So entpuppt sich immer noch manch merkwürdiger Sound als verfremdete Stimme; die besagte Loopstation dient schliesslich nicht nur auf der Bühne, sondern im ganzen Schaffensprozess als zentrales Werkzeug. Sie beherrscht dieses Instrument, krempelt die Stimme auf rückwärts und vertont so die Walachei, «wo susch niemerd isch». Darin schwelgt sie tanzend noch im Rückwärtslaufen.

Zwischen allem Abgründigen und Druidischen, was die Kulturjournalistin (und «Bund»-Autorin) Milena Krstic da besingt, spriesst immer auch ein einladendes Behagen. «Wir haben uns hier versammelt», begrüsst sie das Publikum und verspricht sich später vieldeutig, wenn ihr «Albtraum warm geworden ist».

Nichts, auch kein Computerabsturz, bringt sie aus der Ruhe. Nach ihrem hymnischen Abgesang auf Langenthal, wo sie ihren aktuellen Stil und den Mundart-R-’n’-B für sich entdeckte, musiziert sie nun «für die ganze Welt», und das Synthie-Arpeggio, das bei «Nimmi» plötzlich losbricht, scheint sich mindestens so weit zu erstrecken. Zwischen dem Sich-Verkriechen, dem Loslassen und dem «Hoffen auf den Schmetterlingseffekt» tauchen quere Sprachbilder auf, deren Romantik immer bedroht scheint von Zwängen und Synthetischem.

Da wird auf zehn gezählt, und genauso vergehen die stillen Sekunden, die Atempausen vor dem nächsten Loop, und verschaffen diesem kurzen Set ganz viel Luft.

Buddha auf Designerdrogen

Daran knüpft an diesem Abend die Genferin Aisha Devi an: Weniger Lo-Fi ist ihr Set, gefühlte tausend Grad kälter, einladen muss man sich dazu selbst. Und die Stimme ist nur noch sirenenhaftes Hauchen, wortlos und artifiziell. Jede Romantik ist überwunden, und die Videoprojektion ist zwar fesselnd wie der Sound, spart aber kein spirituelles Symbol aus, um collagiert und überkoloriert zur Überforderung zu werden. So ist in der zweiten allein bestrittenen Klangorgie alles überwunden, was sich bei Milena Patagônia noch im Zustand des Zerfalls beobachten lässt. Es ist ein Sprung vom Reizvollen in die Überreizung, beides kann einen packen, ist aber nicht gleich interessant. (Der Bund)

Erstellt: 04.02.2018, 18:02 Uhr

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