«Das übersteigt die Fähigkeiten der Fussballer»

Tenor und Schauspieler Christian Jott Jenny über die Vorschläge für eine neue Nationalhymne.

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Philippe Zweifel@delabass

Wie gefallen Ihnen die Vorschläge musikalisch? Bei Vorschlag D gefällt mir die Melodik. Die Hymne hat eine klare Form und überzeugt durch Einfachheit. Bei Vorschlag E wiederum ist die Rhythmik interessant. Aber in ihrer Forschheit fast schon so gewagt wie die italienische Hymne – da kommen Herr und Frau Müller wohl nicht mehr nach. Und sie übersteigt die gesangstechnischen Fähigkeiten der Fussballspieler.

Was ist textlich von den Vorschlägen zu halten? Wagnis wurde von der Jury offenbar nicht belohnt, die Texte sind sehr allgemein gehalten. Das ist verständlich. Eine Hymne darf weder zynisch noch satirisch sein, es ist also eine gewisse Humorlosigkeit gefragt. Trotzdem: Je weiter man vom alten Text wegkommt, desto besser – bei diesem wähnt man sich ja in der geistigen Landesverteidigung.

Welches ist Ihr Favorit? Mir gefällt Vorschlag D nicht schlecht. Zwar kommt am Schluss wieder wie in fast allen Vorschlägen der Allmächtige vor, aber sonst dünkt mich der Text «Wohl unserem Land» dank seiner Schlichtheit am erträglichsten.

Die Texte der neuen Nationalhymne basieren auf der Präambel der Bundesverfassung. Diese enthält zentrale Werte wie Demokratie, Vielfalt, Freiheit, Frieden und Solidarität. Eine gute Vorlage? Zum einen sind diese Werte zwar gewichtig und erwähnenswert. Gleichzeitig machen sie die Sache auch austauschbar. Welches westliche Land würde diese Werte nicht auch unterschreiben? Also wäre «Heimweh» von Plüsch vielleicht die eigenständigere Hymne.

In Russland hat Präsident Putin zwei neu Hymnen bestellt. Eine poppige fürs Stadion und eine heroische für Staatsempfänge. Bravo, das ist schön helvetisch angepasst! Im Ernst: Man muss sich tatsächlich fragen, in welchen Situationen die Landeshymne gebraucht wird. Das ist der 1. August und an Sportanlässen – wo ja eklatant zum Ausdruck kommt, dass niemand mitsingen kann. Deshalb glaube ich, dass Einfachheit das oberste Gebot ist.

Wie «God Save the Queen». Genau. «God Save the Queen», das ist ja ein Slogan. Da müsste man sich fragen: Welcher Slogan passt für die Schweiz? Sicher nicht «Trittst im Morgenrot daher». «Neutralität und Opportunismus» wäre zwar meiner Ansicht nach recht passend. Aber da müsste man wohl mit etwas Widerstand gewisser Kreise rechnen.

Brauchen wir überhaupt eine neue Hymne? Das ist ja stets die Frage: Wann soll man Altes durch Neues ersetzen? Nach so vielen Jahren darf man aber schon mal an der Hymne rütteln. Wobei ich vor allem den Text der aktuellen Hymne für erneuerbar halte. Die Melodie, auch wenn sie von einem alten Kirchenlied gestohlen ist, gefällt mir eigentlich ganz gut.

Unten die Vorschläge:

Vorschlag A:

Vorschlag B:

Vorschlag C:

Vorschlag D:

Vorschlag E:

Vorschlag F:

Die Texte zu den Hymnen finden Sie hier.

Falls Sie noch Lust zum Raten haben: Nachfolgend das Quiz zu den Nationalhymnen anderer Länder.

DerBund.ch/Newsnet

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