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Das Strahlen der Maschine

Sein Pop war Design. Doch für sein neues Album wandte sich der Programmierer Christopher Taylor alias Sohn dem Blues und dem Gospel zu – und fand die Tiefe.

Singt über die politische Polarisierung in Europa: Sohn. Foto: Phil Knott
Singt über die politische Polarisierung in Europa: Sohn. Foto: Phil Knott

Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man dem Protestsong einen zarten Aufwärtstrend bescheinigt. Zunächst waren es vor allem schwarze amerikanische Musiker wie Kendrick Lamar oder Beyoncé, die im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung für schwarze Belange und somit vor allem gegen Polizeigewalt und soziale Ungleichheit eintraten – zuletzt richtete sich der gesungene Agitprop in zahlreichen schnell veröffentlichten Songs etwa von Arcade Fire oder Fiona Apple gegen den neuen US-Präsidenten Donald Trump.

Allerdings hat sich mit der ersten Veröffentlichungswelle dieses Jahres auch eine Stimme zur zunehmenden politischen und gesellschaftlichen Spaltung in Europa erhoben, die man eher nicht auf der Rechnung hatte. Es ist die Stimme des Briten Christopher Taylor alias Sohn, dessen Karriere erst spät durch einen Umzug an Fahrt aufgenommen hat.

«Österreich verfügt über eine sehr gute Infrastruktur für aufstrebende Bands.»

Sohn

Taylors Fall ist auch ein Beispiel dafür, wie man der Musikindustrie ein Schnippchen schlägt, indem man einfach den Zahlen folgt. Als sein erstes Soloprojekt «Trouble Over Tokyo» über Jahre in England erfolglos blieb, zog Taylor 2010 nach Österreich. Dort hatte er nach einer Tournee drei Jahre zuvor ein kleines Label gefunden, dessen Veröffentlichungen auch beim Wiener Alternativ-Radiosender FM 4 gespielt werden.

«Wenn du in England nicht sofort Wind unter die Flügel bekommst und zum Hype wirst, kannst du deine Karriere vergessen. Österreich hingegen verfügt über eine sehr gute Infrastruktur für aufstrebende Bands, und man hat dort viel mehr Zeit, sich zu entwickeln», sagte Taylor dem Sender einmal.

Der Klang neuer Schuhe

In Wien fand der Brite am Synthesizer auch zu jenem elektronisch geprägten Indie-R&B-Sound, der 2014 sein Debüt «Tremors» zu einem internationalen Erfolg machte. Zu einem Erfolg, der freilich nicht alle begeisterte. Das wichtigste Onlinemusikmagazin, «Pitchfork», warf ihm vor, eine Musik produziert zu haben, die derart schablonenhaft durchgestylt und gefällig sei, dass sie «keine andere Emotion hervorrufe als eine vage Lust darauf, sich mal wieder ein paar richtig teure Schuhe zu kaufen».

Harsche Worte, die allerdings nicht ganz unberechtigt waren. Denn es fehlte der Musik auf «Tremors» gerade jener Grad an Abstraktion und Unberechenbarkeit, für den die Kritik etwa James Blake seit je rühmt. Das Album verkaufte sich trotzdem – oder vielleicht auch darum – bestens. Taylor tourte mehrmals um die Welt, nahm jeden nur erdenklichen Auftrag an, produzierte junge Musiker wie die Sängerin Banks oder den Londoner Neo-Soul-Artist Kwabs, remixte Lana Del Rey und zog nach all dem Rummel schliesslich von Wien nach Kalifornien, wo er in einer entlegenen Gegend auch sein neues Album «Rennen» aufnahm.

Es gibt kein Zurück

Nun ist die Geschichte, dass ein erfolgreicher Musiker die Abgeschiedenheit sucht, um neue Inspiration zu schöpfen, etwas abgegriffen. Mit Blick auf Taylors Schaffen hat sich der Rückzug allerdings gelohnt. Während sein Songwriting nun auch explizit auf alte Quellen wie den Blues und den Gospel verweist, den er mit dem eröffnenden «Hard Liquor» als strahlende Maschinenmusik zu neuen Horizonten führt, will er den Albumtitel nicht nur auf diverse Formen der Lebensbeschleunigung bezogen wissen. «Rennen», das sei auch als Fluchtbewegung und als Warnung an jene zu verstehen, die sich offenbar in etwas verrannt hätten. In ihre Angst vor dem Fremden zum Beispiel.

«I can feel it coming / We can never go back», singt Taylor in einer Art Mantra im Stück «Conrad», mit dem er sich in Form apokalyptischer Naturszenarien auf die politische Polarisierung und den Rechtsruck in Österreich bezieht, wie sie im Verlauf der zähen Präsidentschaftswahl zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer offenbar wurden. Das mag nach simpel verdichtetem Fatalismus klingen, und doch lädt sich der Satz über die schiere Perfektion des Stücks mit einer Bedeutung auf, die, wenn er schon nicht aufrüttelt, so doch zumindest ernsthaft nachdenklich stimmt. Lust auf neue Schuhe bekommt man dabei jedenfalls nicht.

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