Das Heulen der Blueswinde

Wo Brandy Butler draufstand, war bislang smoother Soul, Jazz oder Afrobeat drin. Auf «The Inventory of Goodbye», dem aktuellen Album, ist das anders – grandios anders.

Mal melancholisch, mal keck: Die «neue» Brandy Butler.

Mal melancholisch, mal keck: Die «neue» Brandy Butler. Bild: zvg

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Es ist eine alte Frage, ob ein Künstler im (rein bildlich gesprochen) waidwunden Zustand Faszinierenderes zu leisten imstande ist, als wenn sein Herz vor Wärme und Wonne überquillt. Doch obwohl die Frage alt ist, eine verlässliche Antwort haben die Experten bisher nicht geben können; das sei von Fall zu Fall zu beurteilen, lautet die gängige Antwort.

Aufgrund der vorhandenen Indizien scheint Brandy Butlers Fall klar. Erstens: Sie hat ihre neue Band, bestehend aus Gitarrist Robin Girod, Bassist Rodrigo Avarena und dem Berner Drummer Domi Chansorm, auf The Brokenhearted getauft. Zweitens: Sie hat jeden der zwölf neuen Songs nach einer Station auf der wohlbekannten Trennungsachterbahnfahrt benannt – von «Let You Go» über «Spell», «Crying» und «Sex» bis zu «CU». Drittens: Mit diesen emotionsgeladenen Ingredienzen hat sie das Album «The Inventory of Goodbye» (das Inventar des Abschieds) kreiert – eine brillante Platte, eine extreme Platte, vor allem aber eine Platte, die man von der Wahlzürcherin nicht erwartet, die man ihr womöglich gar nicht zugetraut hätte.

Brandy Butler - Spell Quelle: Youtube.com

Und nun heulen die Blueswinde

Seit die ausgebildete Jazzsängerin nämlich vor 14 Jahren von Philadelphia in die Schweiz übersiedelte – ursprünglich, um als Au-pair zu wirken, wobei ihre Backgroundvocals rasch mehr gefragt waren als ihre Kinderhüterei –, sind ihre musikalischen Engagements und Projekte vorab in der lokalen oder bisweilen auch nationalen Black-Music-Szene angesiedelt: Die Bands und Musiker hiessen und heissen Seven, Chamber Soul, King Kora, Erika Stucky, Dee Day Dub, Steff La Cheffe oder Phenomden, die Genres und Stile Soul (groovy bis samtig), Jazz (in all seinen Variationen), Afrobeat, Hip-Hop oder Reggae.

Weil Brandy Butler auf «The Inventory of Goodbye» laut der Plattenfirma «die wahre Geschichte einer gescheiterten Liebe erzählt», brauchte sie, brauchten ihre Gefühle und ihre Stimme, eine andere Musik. Sie klingt rau und roh, ist aber sensibel und sinnlich; sie wirkt intim, und verblüfft doch mit direkten, aufmüpfigen Songzeilen. Und klar, das gibt Reverenzen und Verneigungen.

Wer will, kann aus dem Song «Love Mantra No. 1» problemlos Bon-Iver-artigen Nu Folk heraushören. Durch viele Ecken und Enden heulen die knochentrockenen Blueswinde, wie sie Jim White nur allzu gern in seine düsteren Arrangements einarbeitet. Auch der zeitgeistige Downbeat in der trippigen Machart eines Bonobo ist vorhanden. Und einmal, beim Stück «Sex», wirds dann gar echt cosy und lüstern, und zum heftig intonierten Refrain «Do anything that you want with me» knistert das Riff wie stürmisches Kaminfeuer.

Besonders eindrücklich – ja, dies ist das wahrhaftig Grossartige an dieser Platte – ist Brandy Butlers gesangliches Spektrum: Sie schafft die melancholische Stimmung genauso glaubwürdig wie die kecke Laszivität, man spürt ihr gebrochenes Herz, aber nicht weniger den ungebrochenen Stolz; ihre alte Welt bebt, und ihre neue Welt lebt.

Café Kairo Freitag, 14. April, 21 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 13.04.2017, 07:15 Uhr

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