«Das Gefühl latenter Überforderung ist mein Antrieb»

Nach Jazz und Klassik nun Rihanna: King Pepe hat kurzerhand «Diamonds» gecovert. Kommt nun das R-’n’-B-Album? Nicht ganz. Die Mundart-Revolution plant er trotzdem.

Er ist nach eigenen Angaben berühmter als Elvis und singt besser als Rihanna: King Pepe, hier beim Zähneputzen auf der Tea-Room-Toilette.

Er ist nach eigenen Angaben berühmter als Elvis und singt besser als Rihanna: King Pepe, hier beim Zähneputzen auf der Tea-Room-Toilette.

(Bild: Adrian Moser)

Hanna Jordi

King Pepe, Sie haben kürzlich die Liedermacher-Gefilde verlassen und Ihre Version von «Diamonds» präsentiert, einer Hochleistungsballade des amerikanischen Pop-Superstars Rihanna. Auf Ihrer Facebookseite schreiben Sie dazu: «Aber sonst geht es mir gut.» Ist wirklich alles in Ordnung bei Ihnen?
Aber absolut, danke. Es liegt halt nur nicht grad auf der Hand, dass ich Rihanna covere. Ich war für einen Auftritt im Naturhistorischen Museum aufgefordert, Lieder über Diamanten zu singen. Plötzlich hat mich das Ergebnis wider Erwarten so berührt, dass ich beschlossen habe, es nicht einfach versanden zu lassen. Und habe es mit einem fix zusammengeschusterten Videoclip für die Nachwelt erhalten.

Welche Kniffe waren nötig, um aus dem überdrehten Hitparadensong ein dämmriges Liebeslied zu machen?
Ich habe ganz viele Akkorde dazuerfunden und vor allem den Singrhythmus angepasst. Es muss mal gesagt sein: Rihanna singt ja im Grunde nicht gut. Sie macht völlig unangebrachte Falschbetonungen. Bei «you and I» ist zum Beispiel «I» betont. Was sagt das aus? Und das «Shine-bright-like-a-diamond» am Anfang: So redet ja kein Mensch. Vokaldehnungen machen mir auch Mühe: Bei der «Veeee-nus vo Bümpliz» zum Beispiel. Ich mag es, wenn es nach gesprochener Sprache klingt.

Aus dem Rock-’n’-Roll-Klassiker «Leave my Kitten alone» haben Sie 2010 den Song «Büssi» fabriziert. Warum haben Sie «Diamonds» nicht übersetzt?
Ich habe die erste Zeile auf Berndeutsch gesungen und die Idee schnell verworfen. «Funkle häu wie ne Diamant» klingt eher bescheuert.

Fehlt Berndeutsch die Sexiness, die es brauchte, um Unterbauchmusik wie R’n’B zu vertonen?
Gar nicht. So etwas wie mangelnde Sexiness in einer Sprache gibt es nicht. Es sind nur Hörgewohn- und -faulheiten, die dazu verleiten, einem Dialekt gewisse Eigenschaften zu- oder abzusprechen. Aus dem Berndeutschen etwas Bestimmtes herauszukitzeln, ist nicht schwerer als in anderen Sprachen. Man muss es halt tun. Der Nachteil des Berndeutsch-Singens liegt anderswo.

Nämlich?
Berndeutsch rückt den Text ins Zentrum. Nach Konzerten kommen manchmal Leute und sagen: «Ich stehe nicht so auf Mundart, aber ich finde gut, was du machst.» Als wäre Mundart ein Genre und nicht unsere Muttersprache. Mundart signalisiert: Hier gehts vorab um den Text. Das war in den Mani-Matter-Anfängen vielleicht so. Ich dagegen möchte auch mal ein paar Wörter hinwerfen, ohne dass sie auf die Goldwaage gelegt werden. Rihanna macht das ja auch. Ich will auch mal eine englische Liedzeile einflechten, wenn mir danach ist, halbreimend, klanglich interessant, aber inhaltlich nicht zwingend.

«70 Prozänt Wasser, dr Räschte n isch gloub Stoub / We all go to Heaven in a little Row boat»: In Sachen Reimhygiene haben Sie sich von der Mani-Matter-Liedermache längst distanziert. Arbeiten Sie im Geheimen an der Reformation Berndeutscher Musik?
Ja. Aber das kann man nicht allein tun. Es muss eine Bewegung werden. Bands wie Jeans for Jesus machen mir Hoffnung. Es muss nicht immer ein roter Faden her, manchmal darf es auch einfach ein starker Halbsatz sein, der dann einfach ein bisschen für sich allein wirkt. Es wäre doch schön, wenn Berndeutsch gesungene Musik auch einfach Musik ist, nicht «Mundart-Musik».

Sie haben sich auf dem Album «Pepe Jazz» bereits dem Jazz der 20er- und 30er-Jahre angenommen. Ist Rihanna ein Zeichen, dass jetzt die King-Pepe-R-’n’-B-Platte ansteht?
Nein. Rihanna ist eine von vielen Fingerübungen. Mein nächstes Album wird ein elektronisches Album. Eine Dance-Platte. Ich werde versuchen, eine euphorische Note anzuschlagen, vielleicht kontraintuitiv.

Im musikalischen Sinn sind Sie wandlungsfähig, im esoterischen würde man wohl von Seelenwanderung sprechen: Sie spielen in diversen Bands, in diversen Stilen, in diversen musikalischen Epochen. Warten Sie auf den Moment, in dem Sie sagen können: «Hier ist mir wohl»?
Damit rechne ich nicht. Neuerfindungen sind für mich eine Strategie, lebendig zu bleiben. Ich stelle mir möglichst Fallen, gehe an Dinge heran, die ich nicht kann. Wie Jazz singen etwa oder jetzt die elektronische Musik – das kann ich auch nicht. Ich glaube, das Gefühl latenter Überforderung ist mein Antrieb.

Das birgt auch Risiken. Braucht es die Figur King Pepe als Puffer zwischen dem Musiker Simon Hari und dem potenziellen Scheitern?
Das war zumindest am Anfang die Idee. Jetzt wäre der Puffer vielleicht nicht mehr nötig. Mir ist in Abgrundnähe wohl, auch wenn es von der Verwertungsseite immer bemängelt wurde. Nach dem Album «Tierpark» hätten die Plattenlabel den Pop-Rock-Troubadour in mir gern weiterentwickelt. Doch ich wusste, dass mir das auf Dauer langweilig werden würde.

Wie würden Sie die «W.Nuss vo Bümpliz» covern?
In sich als Hymne ist das Lied perfekt, ich kann mir fast nicht vorstellen, wie man das aufgreifen könnte, ohne lächerlich zu sein.

DerBund.ch/Newsnet

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