Das gebrochene Herz

Tom Petty, der hoch geschätzte Sänger, Songwriter und Gitarrist aus Florida, starb an Herzversagen. Er war 66 Jahre alt. Ein Nachruf.

Tom Petty ist am Montagabend in Los Angeles im Alter von 66 Jahren an den Folgen eines schweren Herzinfarkts gestorben.

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Der Musiker hatte am Wochenende in seinem Haus in Malibu das Bewusstsein verloren und wurde am Sonntag in ein Spital von Los Angeles überführt, konnte aber nicht wiederbelebt werden. Tom Petty war an Herzversagen gestorben – im Kreis seiner Familie, Freunde und Bandmitglieder. Er war 66 Jahre alt gewesen, der schlanke Mann mit dem schmalen Gesicht und dem charakteristisch langen, blonden Haar.

«Das ist eine schockierende Nachricht», schrieb Bob Dylan der Zeitschrift «Rolling Stone» und sprach wohl für viele, wenn er seinen langjährigen Mitmusiker «als grossartigen Performer voller Licht» bezeichnete, «einen Freund, den ich nie vergessen werde.»

Die Freundschaft zwischen den beiden konnte man in der Schweiz während einer für Dylan besonders schmerzhaften Phase erleben, das war 1987 in der Basler St.-Jakobs-Halle. Tom Petty und seine Heartbreakers hatten ein vorzügliches Set gespielt, als sie sich daran machten, einen deroutierten und sichtlich berauschten Dylan zu begleiten, der sich an keine Abmachung oder Tonart hielt und einen desaströsen Auftritt produzierte. Weder Petty noch seine Band konnten Dylans Absturz verhindern.

Dennoch kamen die beiden Bandleader ein Jahr später wieder zusammen und spielten, zusammen mit Jeff Lynne, George Harrison und Roy Orbison, unter dem Künstlernamen The Traveling Wilburys eine ebenso gelobte wie erfolgreiche Platte ein, die Dylans Karriere neu lancieren sollte.

Ein Songwriter unter Einfluss

Dass man bei Petty so rasch ins Aufzählen seiner Kollegen kommt, hat mehrere Gründe: seine eigene Bescheidenheit, sein Talent zur Kooperation und zur Grosszügigkeit, dann aber auch die direkten Einflüsse auf sein Gitarrenspiel und seinen Gesang. Letzterer war in seiner nasalen Insistenz ebenso stark von John Lennon wie von Bob Dylan geprägt, und auf der Gitarre orientierte er sich am schimmernden Klang von George Harrison und dem Byrds-Sänger Roger McGuinn; er war also ein Songwriter unter Einfluss, ein Vertreter des sogenannten Classic Rock. Schliesslich hatte der Amerikaner Musiker zu werden beschlossen, als er die Beatles zum ersten Mal spielen sah, 1964 in der «Ed Sullivan Show». Tom Petty war, wie alle grossen Musiker, selbst ein Fan.

Dabei hat sich der Südstaatler aus Gainesville im nördlichen Florida auch als Songschreiber und Bandleader durchgesetzt, Mit Songs wie «American Girl», «Refugee», «Breakdown» oder «I Won’t Back Down» hat er eine beachtliche, auch kommerziell erfolgreiche Karriere gestaltet.

Tom Petty arbeitete fünfzig Jahre lang und verkaufte dabei 80 Millionen Platten. Auf ihnen spezialisierte er sich auf harmonisch einfache, orgel- und gitarrengetriebene Songs, die er in den Strophen gelegentlich in einem lasziven Sprechgesang vorantrieb, um den Refrain dann mit souliger Intensität wiederzugeben.

Ein kollegialer Typ

«Damn the Torpedoes», das dritte Album von ihm und seiner Band, geriet zum Millionenhit. Es war eine von mehreren Veröffentlichungen, die zum Erfolg führen sollten. Dazu gehört das – live im Studio aufgenommene – «Let Me up I’ve Had Enough» mit den Heartbreakers oder «Full Moon Fever» von 1989, Pettys erstes Soloalbum und sein erfolgreichstes überhaupt.

Dass er sich trotzdem wieder mit seiner Hausband zusammentat, belegt den partizipativen Charakter eines Musikers, der auch für seinen Humor und sein gesellschaftliches Engagement bekannt war. «Ich habe als Solist nichts zu bieten, das ich mit der Gruppe nicht besser machen könnte», sagte er einmal, «es ist fast peinlich, wie gut wir miteinander auskommen.»

Sucht und Schwermut

Umso verstörter reagierte die Öffentlichkeit, als eine Biografie die massiven psychischen Probleme des Künstlers bekannt machte. In seiner Kindheit war Petty von seinem Vater heftig geschlagen worden, was ihn ein Leben lang verfolgen sollte. Eine traumatische Scheidung trieb ihn in den Neunzigerjahren in eine langjährige Depression, die er mit Kokain und Heroin behandelte, bis er süchtig wurde.

Eine sechsjährige Psychotherapie und eine zweite Ehe halfen ihm über Sucht und Schwermut hinweg. Die Lehrerin Dana York, seine zweite Frau, hatte ihn nach einem seiner Konzerte kennen gelernt. «Die Depression ist eine eigenartige Krankheit», sagte Petty in einem Interview: «Du musst realisieren, dass du nicht verrückt geworden bist, sondern krank.»

Thomas Earl Petty hinterlässt zwei Töchter aus seiner ersten Ehe und einen Stiefsohn aus der zweiten. Mit den Heartbreakers gab er im Hollywood Bowl, Los Angeles, sein letztes Konzert. «Ich jage einem Traum nach», sang er in «Runnin’ Down a Dream», «der niemals zu mir kommen wird.» Es war sein letzter Song vor den Zugaben. Er sang ihn vor einer Woche. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2017, 11:02 Uhr

Tom Petty war, wie alle grossen Musiker, selbst ein Fan: Auftritt am New Orleans Jazz & Heritage Festival 2012. Foto: Chris Granger (The Times-Picayune, Keystone)

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