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Das Amen des Rock ’n’ Roll

Als der grosse, schwarze Mann noch einmal die Bar betrat: Heute erscheint das neue und letzte Album von Chuck Berry, der im März gestorben ist.

Bis zuletzt ein stilsicherer Sänger: Chuck Berry in einem Konzert 2008.
Bis zuletzt ein stilsicherer Sänger: Chuck Berry in einem Konzert 2008.
Santiago Ferrero, Reuters
Showman und Gitarrenpionier: Chuck Berry 1986.
Showman und Gitarrenpionier: Chuck Berry 1986.
James A. Finley, Keystone
In den vergangenen Jahren stand die Musik-Legende immer seltener auf der Bühne. Berry starb im Alter von 90 Jahren in seinem Haus in St. Charles County im US-Bundesstaat Missouri. (15. April 2013)
In den vergangenen Jahren stand die Musik-Legende immer seltener auf der Bühne. Berry starb im Alter von 90 Jahren in seinem Haus in St. Charles County im US-Bundesstaat Missouri. (15. April 2013)
Pablo Porciuncula, AFP
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Kurz bevor Chuck Berry im März mit 90 Jahren starb, kündigte er ein neues Album an. Das war eine ziemliche Sensation, denn seit 1979 hatte dieser Pionier des Rock ’n’ Roll keine Platte und auch keine Single mehr veröffentlicht. Jetzt ist «Chuck» da, mit acht neuen, von Berry selbst geschriebenen Songs und zwei Covers. Und es ist eine gute, an vielen Stellen überraschende und mitreissende, da und dort sogar brillante Platte geworden.

Aufgenommen hat Chuck Berry sie zu weiten Teilen in seinem eigenen Studio in St. Louis, seiner Heimatstadt. Hier spielte er bis 2014 auch noch jeden Monat ein Konzert im «Blueberry Hill», und seine Begleitband aus dem Club ist nun auch auf «Chuck» zu hören, an der Seite von mehreren Kindern und Kindeskindern.

Wie fast jedes Alterswerk der Rockmusik kreisen auch diese zehn Songs immer wieder um den Tod, verbunden mit Erinnerungen an die jungen Jahre des Coming-of-Age und der ersten, dann der grossen Erfolge. Auch die besten Momente von «Chuck» sind geprägt vom ahnungsvollen Bilanzieren eines unsteten Lebens. Aber daneben setzt die Platte oft auf ziemlich komische oder düstere Storysongs, die nochmals das ganze musikalische Repertoire dieses Musikers auffächern. Doch hören wir uns das Album an, Stück für Stück:

1. Wonderful Woman: Chuck Berry hat seine letzte Platte seiner Frau Themetta Berry gewidmet, mit der er 68 Jahre verheiratet war, als er am 18. März starb. Man darf darum schon annehmen, dass dieser erste Song ihr gilt, auch wenn die Liebesgeschichte, die hier erzählt wird, nicht gut ausgeht. «Wonderful Woman» ist eine klassische Rock-’n’-Roll-Nummer im mittleren Tempo über die Frau, die er eines Abends in der zweiten Publikumsreihe erspähte, tanzend: «You was rocking me baby with your rhythm in the second row.» Anhimmelung und sexuelle Anspielungen wechseln sich ab, eingebettet ist der Song aber in eine geradezu idyllische Familienzusammenkunft: Neben Chuck Berry spielen sein Sohn Charles Berry Jr. und sein Enkel Charles Berry III die funkelnden Gitarrenlicks, und seine Tochter Ingrid Berry spielt die Bluesmaulorgel. Der Patron selbst war bei den Aufnahmen nicht mehr besonders kräftig bei Stimme, sein Timing war aber immer noch phänomenal: Lässig rhythmisierend, erzählt er die Geschichte zum unpressanten, aber unbedingt mitreissenden Groove der Band (Keith Robinson, Schlagzeug; Jimmy Marsala, Bass; Robert Lohr, Piano). Dieser Einstieg in die Platte ist, alles in allem, genau das, was man von einem neuen Chuck-Berry-Song erwarten konnte, nur viel besser.

2. Big Boys: Wer beim ersten Song den Stempel des Chefs vermisst hat, nämlich dieses berühmte Gitarrenintro, das 1958 schon «Johnny B. Goode» angetrieben hatte: Hier ist es, in der ersten Single von Chuck Berry seit 40 Jahren. Vater und Sohn Berry teilen sich hier die Gitarrenarbeit mit Tom Morello (von Rage Against the Machine), und heraus kommt ein treibender Rock-’n’-Roll-Song, der an die Schuljahre des Musikers erinnert, als er Party feiern und Mädchen treffen wollte wie die «Big Boys». Die Raffinesse liegt in der ersten Zeile, in der Chuck Berry die jungen Musikfans von heute anspricht: «When I was just a little boy like you.» Das ist sein Vermächtnis: Lass dich von den grossen Jungs nicht unterkriegen, brich nicht gleich in tränen aus – und dann geh feiern bis zum Tagesanbruch.

3. You Go to My Head: Gemeinsam mit seiner Tochter Ingrid singt Chuck Berry diese alte Jazznummer von J. Fred Coots und Haven Gillespie. Der Gesang bleibt distingué und jazzig, wird aber über einen schweren Bluesgroove gelegt, was dem Song einen eigentümlichen Reiz verleiht, eine lässige Laszivität. Und die passt perfekt zum Text dieses Songs über den Anblick einer Frau, der dem Sänger in den Kopf perlt wie Champagner. Bob Dylan könnte sich hier noch abschauen, wie man sich als alter Mann über alte Jazzpartituren beugt, ohne gleich sentimental zu werden.

4. 3/4 Time (Enchiladas): Seine Liebe zur Countrymusik brachte Chuck Berry in dieser Liveversion eines Songs von Tony Joe White zum Ausdruck: Den gemütlichen Walzertakt kontrastiert er mit kernigem Sprechgesang – doch bleibt der Song auf diesem Album eher Anekdote. Oder Hommage: Chuck Berry hielt White, den Singer-Songwriter aus New Orleans, für «massiv unterbewertet».

5. Darlin’: Nach zwei Covers folgt wieder ein neuer Song, und es ist die Glanznummer dieses Albums. Zu einem langsamen Countryswing lässt Chuck Berry das Boogiepiano klimpern, und das schafft genau die richtige Stimmung für diesen Abgesang auf ein Leben und eine Karriere, die viel zu schnell vergangen sind: Mit stoischer Alterseleganz richtet sich der Sänger an seine Tochter – die praktischerweise wiederum mitsingt – und fasst in drei knappen, brillanten Zeilen seine Karriere, deren Höhepunkte und den langen Abstieg zusammen: «Darlin’, since you were just sweet sixteen / I have played these same songs of yesterday / Oh my.» Früher, da gab es Ruhm und Erfolg, aber jetzt wird der Papa von Jahr zu Jahr nur noch älter. Doch wieder steckt keine Sentimentalität in dem Bedauern, vielmehr die Gewissheit, dass schon bald der Gospelchor anheben wird, um dieses Leben in den Himmel zu heben: «Life can pass so fast away», heisst es zuletzt, und die New Respects sind tirilierend zur Stelle.

6. Lady B. Goode: Und gleich folgt der zweite Klassiker, der von diesem Album bleiben wird. «Lady B. Goode» ist eine ziemlich exakte Kopie und damit gewissermassen die Kehrseite von Chuck Berrys berühmtestem Song «Johnny B. Goode». Hier widerfährt dem Mädchen (der «little teen queen»), das jener «little colored boy» einst zurückliess und das im Ruhm vergessen ging, späte Gerechtigkeit. Man darf davon ausgehen, dass auch dieser Song ein Tribut ist, den Chuck Berry an seine Frau richtet, und wiederum spielt dazu der Familienverbund.

7. She Still Loves You: Wer weiss, ob der alte Chuck Berry gelegentlich noch dem Marihuana zusprach, dieser Song jedenfalls klingt, als habe er das getan. Ein verpeilter Sänger, ein schleppender Blues, eine unerreichte Frau. Die seltsamen Songs, die Berry im Verlauf seiner Karriere aufgenommen hat, bilden sozusagen ein eigenes Genre. Hier wird es – ziemlich hinreissend sehr wohl – weitergeführt.

8. Jamaica Moon: Und die süssen Schwaden duften bis in den nächsten Song hinüber, in diese lange, leichte, leicht weggetretene Calypsonummer voller Rum und Verlangen. Chuck Berry singt mit karibischem Patois, aber auch das mit verblüffender Stilsicherheit.

9. Dutchman: Und auch dieser nächste Song zeigt, wie weit sich Chuck Berry von den Rock-’n’-Roll-Formeln entfernen konnte, auf die er immer mal wieder reduziert worden ist. «Dutchman» ist ein düsterer Talking Blues, der an Tom Waits oder Bob Dylan denken lässt, ein surreales Bluesmannsgarn um einen Typen, der eine Kneipe betritt, um seine fatale Liebesgeschichte zu erzählen (und sich damit einen Drink zu erschnorren). Der langsame, knochentrockene Funkgroove lädt die Geschichte mit elektrischer Spannung auf, und wie Berry en passant die Rassenfrage in die Erzählung flicht, als er den «huge, tall, dark dude» in der Tür zur Bar auftreten lässt und damit den Thrill steigert: Das ist grossartig gemacht.

10. Eyes of Man: Leider schliesst das Album mit einem unfertig wirkenden Bluesgerüst, in das Chuck Berry eine Bilanz über das menschliche Wirken spricht, eine mit biblischen Bildern aufgeladene Predigt, in der alles, was der Mensch so ist und tut, zuletzt zu Staub zerfällt. Ein Gitarrensolo gibt es nicht mehr. Amen.

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