Dann ist er nicht der Lo, zum Glück

Wozu braucht einer, der «079» auf dem Konto hat, noch einen Bürojob? Lorenz Häberli von Lo & Leduc erklärt den Stoff, aus dem er Musik macht. Sowie PR für ein Unternehmen.

So ein Musikerdasein scheint ins Chaotische zu tendieren, aber um seine Songs zu schreiben, braucht er Ordnung: Lorenz Häberli.

So ein Musikerdasein scheint ins Chaotische zu tendieren, aber um seine Songs zu schreiben, braucht er Ordnung: Lorenz Häberli. Bild: Adrian Moser

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Wie ist das mit der Berühmtheit, mit dem Weg zu ihr – gibt es den Punkt, an dem man merkt, dass man sie erreicht hat? Bierhübeli, 23. Dezember 2011, Plattentaufe von «Update 3.0», er stand ganz vorn am Rand der Bühne. «Jemand aus dem Publikum hat mich angefasst, am Bein. Da war mir klar, dass ich zu einer Projektionsfläche geworden war.»

Fläche?

Er sitzt hier am Beizentisch, Café crème und Mineralwasser, alles dreidimensional. Auch die Sonnenbrille. Die hat er dabei, weil er Sonnenbrillen mag. Und nicht, um auf der Strasse inkognito zu bleiben. «Da würde die Brille sowieso wenig nützen.»

Lo also, Lo von Lo & Leduc. Also ­Lorenz Häberli. Ein junger Mann, der in geraden, überlegten Sätzen spricht. Manchmal hebt er, bevor er spricht, den Blick geradewegs nach oben in den Himmel. Als ob er von dort, wenn sie ihm ausnahmsweise fehlen, diese geraden, überlegten Sätze holen würde. Als Antwort etwa auf die Frage, was Berühmtsein in jenen Momenten heisst, da man nicht auf einer Bühne steht.

Blick nach oben, Denkpause.

Dann senkt Häberli den Kopf wieder in die Horizontale. «Auf der Strasse haben Leute, die ich nicht kenne, das Gefühl, sie kennen mich. Sie erwarten Nähe, doch diese Nähe hat nichts mit mir zu tun.» Häberli meint das entschuldigend. Es geht um das «Ungleichgewicht» in der Beziehung zwischen Star (er sagt lieber «Musiker») und Fan. Und um das schlechte Gefühl, das er deshalb hat. Klar freut er sich über die Aufmerksamkeit. «Aber man wird ihr nicht gerecht. Man hat pro Tag ein bestimmtes Mass an sozialer Energie, das ist irgendwann erschöpft. Dann wird man einsilbig.»

Oder man fällt einen Entscheid. Luc Oggier ist bei Lo & Leduc der Kom­pa­gnon von Häberli, und im «Magazin» hat er erklärt, wie er es machen musste – als Lehrer mit Halbwüchsigen, von denen viele seine Fans und nicht nur seine Schüler sind. Erste Regel für den Unterricht: «Herr Oggier», nicht «Leduc». Zweite: keine Lo-&-Leduc-Songs im Klassenzimmer. Also nicht «079». Nicht «Jung verdammt» und «Blaui Peperoni». Und auch nicht «All die Büecher».

Häberli blieb so ein Entscheid erspart. Er hat einen Bürojob, und dort kommt er sich nicht selber als Prominenter in die Quere. Dort ist er nicht der Lo, sondern «der Lorenz, der hier arbeitet», und das ist ihm recht. In der Regel, sagt Häberli, funktioniere sie «erstaunlich gut», die Trennung zwischen beiden Welten. Telefonate aus seinem Musikerleben nimmt er im Büro möglichst nicht entgegen. Wenn er es um 18 Uhr verlässt, an einem normalen Tag, dann ruft ihn sein Manager an. Auf dem Heimweg erledigt er Pendenzen, beantwortet Fanpost oder Medienanfragen, hört sich Songskizzen an, und damit geht es daheim weiter. «So ist man zur Effizienz gezwungen», sagt Häberli. Auch das ist ihm recht.

Unterwegs zur Ohrwurmbombe

Ein Prinzip hat er allerdings, darum fällt auch der Besuch am Arbeitsplatz an dieser Stelle aus: Häberli sagt nicht, wer sein Arbeitgeber ist. Er macht für ihn PR, also Unternehmenskommunikation; er redigiert Communiqués, betreut Websites, schreibt Blogbeiträge, «alles branchenspezifisch». Die Branche sind die Medien. Und der Grund für die Diskretion: Der Lo soll den Lorenz weiter unbehelligt lassen. So wie Häberli in der Pause im Büro auch nicht ständig über seine Musik und seine Karriere reden will.

Und eine Karriere, eine Erfolgsgeschichte ist sie mittlerweile. Sie begann vor etwas mehr als zehn Jahren, und zwar mit einer Maturandenband. Dann kam der Mundart-Rap. Und die entscheidende Idee, dem Rap noch etwas beizubringen: eine wachsende Musikalität nach karibischer, afrikanischer und südamerikanischer Art. Damit stiessen Lo & Leduc immer weiter ins Radio-Pop-Universum vor. Und zündeten dort dann dieses Jahr ihre Ohrwurmbombe: «079», den womöglich erfolgreichsten Schweizer Popsong aller Zeiten.

Der Pop ist ein launisches Geschäft. Doch heute können Häberli & Oggier von Lo & Leduc leben. «Sehr gut sogar.» Im Büro verdient Häberli mit seinem 70-Prozent-Pensum rund viertausend Franken monatlich. «Das reicht für alles, was ich alleine brauche.»

Dreieinhalb fixe Tage also im Büro, und ab Mitte Woche gehört der Rest der Woche der Musik. Macht nochmals dreieinhalb Tage inklusive Wochenende, und alles, was sie abwerfen, kommt als weiteres Einkommen obendrauf. «Das ist schon sehr cool.»

Häberli hat seine Zeit am Existenzminimum gehabt. Das war zwischen 20 und 28, als Student, er machte Jobs an Tankstellen und in Kleiderläden, gab Aushilfsunterricht, die Eltern zahlten ihm die Krankenkasse. Ein «spesen­deckendes Sackgeld» (Häberli) brachten zwar auch die Auftritte in jener Ära ein, als Lo & Leduc ihre ersten drei ­Alben in Küchentischmanier produzierten und als Gratisdownload unter die Leute brachten, jedes Jahr ein neues. «Aber richtige Gagen können wir uns und der Band erst seit drei, vier Jahren zahlen. Nun stehen Arbeit und Geld in einem realistischen Verhältnis zueinander.» Heisst: «Es rentiert.»

Häberli nennt das ein Privileg. Es hat nicht nur seinen Kontostand verändert, sondern auch sein Selbstverständnis. «Solange die Musik ein Hobby war und noch kein Job, kam es nicht drauf an, wenn ich eine halbe Stunde zu spät zum Proben kam.» Häberli und Oggier sind keine Arbeitgeber; die acht Musiker ihrer Band sind freischaffend tätig. «Aber wir haben mittlerweile eine gewisse Verantwortung füreinander.»

Fragt sich nur, wozu er seinen Büro­job eigentlich noch hat.

Kein Blick zum Himmel, kein Gedankenflug. Sondern gleich mehrere Antworten. «Luc und ich haben vor Jahren schon entschieden, dass wir neben der Musik immer auch eine andere Arbeit machen werden.» Häberli wird 32. Aber er will nicht mit 50 noch auf Festivalbühnen stehen müssen, obwohl er dann vielleicht einen bösen Rücken hat. Oder keine Ideen mehr für neue Songs.

Dazu kommt die Ordnung, die das Büro in sein Leben bringt. Auch in das als Musiker. «Wenn schon ein guter Teil der Woche strukturiert ist, dann kann ich auch den Rest leichter strukturieren.» So ein Musikerdasein scheint, als schöpferische Tätigkeit, ins Chaotische zu tendieren. Aber um seine Songs zu schreiben, braucht Häberli die Routine, den Rhythmus und die Konzentration, die sich aus der begrenzten Zeit ergibt. Das Büro ist die Leitplanke, die ihn als Musiker in der Spur hält.

Es geht um Sprache

Und schliesslich arbeitet er mit ein und demselben Stoff, ob er Pop macht oder PR. Es geht um Sprache. Also darum, «warum ich was wie sage». Tatsächlich sind Häberli und Oggier bei Lo & ­Leduc vor allem zuständig für die Texte, während die Musik vom Produzenten kommt. Man muss «079» ja auch nicht lieben, um zu merken, mit wie viel erzählerischem Geschick hier eine Geschichte vermittelt wird. Musik, sagt Häberli, interessiere ihn vor allem als Möglichkeit, mit Sprache zu arbeiten. Als eine unter anderen.

Das musste er vor anderthalb Jahren auch dem Mann erklären, der kurz dar­auf sein Chef wurde. Es war die Bewerbung für die Stelle in der Unternehmenskommunikation des Medienunternehmens, und der Chef sah zuerst einen dieser Künstler vor sich, die bloss einen Brotjob suchen. (Der Bund)

Erstellt: 04.08.2018, 08:10 Uhr

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