«Da stimmt was nicht mit diesem Mann»

Kürzlich ist er 70 Jahre alt geworden – und brennt immer noch. Der Liedermacher Konstantin Wecker nahm das Publikum in Bern auf eine autobiografische Reise mit.

Konstantin Wecker, Musiker, Liedermacher, Texter und Schriftsteller.

Konstantin Wecker, Musiker, Liedermacher, Texter und Schriftsteller. Bild: Valérie Chételat (Archiv)

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Die Standing Ovation gibt es bereits vor Beginn des Konzertes. Kleine Zettelchen auf den Stühlen im Berner Kursaal hatten das Vorhaben angekündigt. Eine «Fangemeinde» regte an, dass «bei seinem ersten Erscheinen» alle aufstehen und Konstantin Wecker mit einem Geburtstagsständchen willkommen heissen.

Und so geschieht es: Während die Mitmusiker auf der Bühne bereits ihre Plätze eingenommen haben, schreitet Wecker von links kommend auf die Bühne zu und lässt sich mit einem «Happy Birthday» feiern. Gerührt wirkt er, wie er dasteht, ein «Silberrücken», der auch als dynamischer «Golden Ager» durchgehen könnte. Überhaupt sollte dieses Publikum, in seiner Mehrheit unübersehbar Ü-50, an diesem Abend eine fast ausgelassene Feierlaune an den Tag legen und den Münchner Barden mit Zuneigung, ja mit Liebesbezeugungen reichlich eindecken.

«Lästige Gockeleien»

Das Geburtstagskind bedankt sich und kommt gleich ins Sinnieren. In seiner Jugend sei ihm, gesteht Wecker, die Vorstellung, eines Tages 70 Jahre alt zu werden, schlicht absurd vorgekommen: «Das war etwas für bestimmte Schildkrötenarten oder einbalsamierte Pharaonen, aber nicht für mich.» Aber es gebe auch Gutes zu berichten, «doch, doch». Die «lästigen Gockeleien» würden im Alter allmählich verschwinden.

Auf diese «saudummen Rollenspiele» blickt er altersmilde zurück. An die Zeiten damals, als er, der «alte Anarcho», den diversen K-Gruppen suspekt war, weil er etwa mit einem bodenlangen Nerzmantel in München den Zuhälter markierte. «Da stimmt was nicht mit diesem Mann», zitiert er seine Kritiker von damals, «seine Lieder und sein Leben sind nicht kongruent.» Wecker setzt dem eines seiner ersten Lieder entgegen, das er als noch nicht 20-Jähriger schrieb: «Ich singe, weil ich ein Lied hab.» Politisch instrumentalisieren liess er sich nie.

Hommage an den Vater

Altersmilde mag Wecker geworden sein, aber altersschwach ist er beileibe nicht. Nach diesem Präludium nehmen er und seine famose, zuweilen fast sinfonische Klangteppiche ausrollende Band (mit seinem kongenialen «Kapellmeister» Jo Barnikel, der Cellistin Fany Kammerladner, den Multiinstrumentalisten Wolfgang Gleixner, Jens Fischer und Severin Trogbacher) das Publikum mit auf eine autobiografische Reise.

In seinem Ende Mai veröffentlichten Doppelalbum «Poesie und Widerstand» hat Wecker neben sechs neuen Songs auch einen Rückblick auf fünf Jahrzehnte seines Schaffens geworfen, einige seiner bekanntesten Songs neu arrangiert und zuweilen bei der Gesangslinie überraschend leise Akzente gesetzt.

In Bern pendelt er vom Piano über den Barhocker bis zum Bistrotischchen, dann wieder ist er ruhelos unterwegs mit dem Mikrofon an der Hand, der singende Wanderprediger. Wecker erhebt seine Stimme noch immer für die Schwachen und Gestrandeten, gegen Rechtsextremismus und Populismus (bei «Sage nein!» nimmt er ein Bad in der Menge und vergisst auch nicht, dem Mann am Mischpult freundschaftlich auf die Schultern zu klopfen), er hört nicht auf zu träumen von der «herrschaftsfreien Welt».

Aber da gibt es auch die fast privaten, fast intimen Momente: Er erinnert sich liebevoll an seinen Vater, einen Opernsänger und Maler, der äusserlich «erfolglos» gewesen sei und vielleicht gerade deshalb habe weise werden können. Die Kehrseite der Weisheit ist der Spieltrieb. Wenn Wecker zusammen mit Jo Barnikel bei einer der zahlreichen Zugaben wie zwei fröhlich ausser Rand und Band geratene Barpianisten den Klassiker «Wenn der Sommer nicht mehr weit ist» mit musikalischen Exkursen zu Chopin, Clayderman und Sirtaki umgarnt, dann quietscht und prustet das Publikum vor Vergnügen. Da ist noch eine ganze Menge Leben in diesem bayrischen Mannsbild. (Der Bund)

Erstellt: 07.06.2017, 07:08 Uhr

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