Brennende Menschen im Sturzregen

Es gibt viel Wiederkehrendes am Greenfield Festival in Interlaken. Neben den immergleichen Bands gehören auch die legendären Wolkenbrüche dazu. Am Eröffnungsabend der 9. Austragung war wieder einmal alles im Angebot.

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Ane Hebeisen

Landläufig verbreitet ist die These, dass ein Mensch zu zirka 80 Prozent aus Wasser besteht. Sieht man sich Till Lindemann von der Gruppe Rammstein so an, kommen Zweifel auf, ob dem wirklich so ist. Nach Wasser sieht das nicht aus, was in diesem Körper steckt, eher nach Testosteron, aufgetürmtem Muskelfleisch und ziemlich viel Furor. Und der Mann ist angereist, um diesen Furor in teutonisches Pathos zu transformieren, um aus Interlaken eineinhalb Stunden lang ein Little Bayreuth für den Stromgitarrenfreund zu machen. Neben seiner Band unterstützt ihn eine mitgereiste Hundertschaft an Hilfskräften bei dem Unterfangen. Berichte aus dem Hinterbühnenbereich lassen vermuten, dass in diesem Umfeld an ein unbeschwertes Schaffen kaum mehr zu denken gewesen ist.

Um 23.45 Uhr steht die Hauptbühne des Greenfield Festivals in Flammen. Und es wird nicht das einzige Feuer sein, das hier gezündet wird. Im weiteren Verlauf des Auftritts wird auch noch der Keyboarder brennen, es wird ein vermummter Stuntman in Flammen aufgehen, ja eigentlich brennt so ziemlich überall etwas, auf der 1500 Quadratmeter grossen Bühne. Und auf praktisch jeden Gitarrenakzent fliegt ein Feature aus der rammsteinschen Pyro-Kiste in den Interlakener Luftraum. Ein Feuern, Explodieren und Rauchen ist das, dass bald nicht mehr ganz nachzuvollziehen ist, wo Rammstein aufhört und wo das Oberländer Wolkenwetter beginnt.

Keine Kontroversen mehr

In diesem Setting tut Till Lindemann, was er stets tut; er vermengt im Brustton des Helden-Baritons wuchtigen Deutschrock mit dürrer Poesie. Hier ein bisschen narbige SM-Erotik, da ein wenig verbale Kraftmeierei in einfachstem Versmass. Es gab eine Zeit, in der diese zur Comichaftigkeit aufgeblasene Industrial-Revue noch so etwas wie Kontroversen auslöste: Wie martialisch darf deutsche Rockmusik sein, ohne dass sie ungute geschichtliche Andenken heraufbeschwört? Und wie ungeniert, darf ein deutscher Sänger das R rollen, ohne dass ihm faschistoide Hintergedanken unterstellt werden?

Zugegeben, so richtig bedeutungsschwer waren diese Kontroversen damals nicht, doch heute sind Rammstein nur noch gute Unterhaltung. Anstatt deutsche Identitäts- und Nationalitätsdebatten anzufachen, lässt sich die Band in öffentliche Scharmützel mit dem bejahrten Volksmusikanten Heino verstricken, weil dieser ihren Hit «Sonne» etwas ungünstig nachempfunden hat. Wenn in der Musik von Rammstein schon kein Zündstoff mehr steckt, so doch eine zünftige Vehemenz. Um der Konzentration auf die Physis Nachdruck zu verleihen, wird jedes Gitarrenriff von einem Bass unterlegt, der auf die tiefstmögliche Oktave heruntertransponiert ist, die Pauke ähnelt einem Donnerschlag und die deutsche Gründlichkeit dieser Kraft-Musik lässt das Bödeli mehrmals erzittern. «Metropolis»-Gigantismus mit einem Schuss «Alarm für Cobra 11»: Interlaken gefällts.

Meteorologische Exzesse

Und Interlaken gefällt vieles, am Eröffnungsabend des einzigen Schweizer Spartenfestivals für den Gitarrenfreund. Im Kleinen wird am Greenfield Festival nachgestellt, was im weiten Feld der harten Rockmusik Sache ist: Das Publikum gehört zum loyalsten der ganzen Musikindustrie. Egal, wenn hier die Headliner im Dreijahres-Turnus wiederkehren, egal, wenn da ein Déja-Vu aufs andere folgt, egal, wenn praktisch jede Band aus dem gleichen Kerbholz geschnitzt ist: die Metal-Fans halten die Treue. Heuer haben geschätzte 30'000 den Dreitagespass gelöst und trotzen gut gelaunt den meteorologischen Exzessen im Bergkessel.

Es ist, wie so oft am Greenfield Festival, nicht mehr exakt zurückzuverfolgen, wer diesmal das obligate Tiefdruckgebiet heraufbeschworen hat. Die Gruppe Converge aus Boston hat jedenfalls schon am frühen Abend ein erstes Mal die Sonne versenkt, mit ihrem präzisen, zornigen und doch von inbrünstiger Schönheit verzierten Punk-Metal. Graveyard aus Göteborg haben kraft ihres von technischen Problemen leicht irritierten Sets, Blues, Hippie-Power und aufbrausende Schwermut zwischen die Seen gefächelt (sie sind die heimlichen Helden des ersten Tages).

Doch für die ersten gefährlichen Fallwinde müssen die diesjährigen Repräsentanten des Airbrush-Metal – die Gruppe Within Temptation – verantwortlich gemacht werden. In der «Middle of the Night», hat die Sängerin im weissen Rüschenrock einen ihrer Schlager zwar noch angesiedelt und doch gleisst dieser desolate Musical-Rock stets im grellsten Weisslicht. Beleidigend schlecht ist das.

Kolossale Musik

Und so kommt es, wie es kommen muss. Die Queens Of The Stone Age – die zweiten nominellen Helden des Tages – müssen ihr Konzert unter brenzligem Wolkengehänge und bei ruppigem Wind aus den diversen Seitentälern in Angriff nehmen. Das geht anfangs noch ganz gut. QOTSA deuten an, welch grosse kolossale Musik möglich ist, wenn man obskure Leidenschaft mit harsch vertrackten Gitarren und ein bisschen schmierigem Balladentum paart. Doch entweder ist das Publikum gedanklich schon beim Wiederaufbau der windversehrten Iglu-Zelte oder das Song-Material des neuesten Albums «…Like Clockwork» ist noch nicht nach Interlaken vorgedrungen; jedenfalls will das heute nicht so recht klappen, zwischen den Günstlingen des klugen Gitarrenrocks und dem Greenfield-Publikum.

Wie immer, wenn es in Interlaken windet, klingt das Gebotene aus der Hauptbühnen-Anlage mieser als eine Musikkonserve aus dem Kassettenzeitalter. Der finale Sturzregen macht die Sache dann endgültig hoffnungslos. Immerhin erhärtet sich hier die These, dass der Mensch tatsächlich zu 80 Prozent aus Wasser besteht. Zu einem grossen Teil aus Regenwasser.

Der Bund

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