Botswanarrrrrgh!!

Die Death-Metal-Band Overthrust ist auf Triumphzug durch Europa. Am Freitag stoppt sie in Zürich.

Von Poltergeisten und Leichenhallen: Das neue Overthrust-Album.

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

«Hierzulande ist es sehr heiss, manchmal wird es 39 Grad», belehrt der junge Mann im rosa Hemd die Metaller. «Da muss man nicht solche Kleider tragen, Lederhosen und so.» Eine junge Passantin sagt: «Es ist einfach gruselig.»

Die Szenen des Dokfilms über die Metal-Szene in Botswana zeigen: Lederkluft und Grunzgesang, wuchtige Riffs und prügelnde Drums irritieren im fernen südafrikanischen Binnenland. Während die Anhänger in den Pubs die Zeigefinger und kleinen Finger zur Mano cornuta spreizen, herrscht auf den Strassen doch recht viel Unverständnis. Frömmler verdächtigen die Metaller des Satanismus. Es sind Konfrontationen, die an die hiesigen 60er und die Feindschaft zwischen Bürgertum und Beatmusik erinnern.

Overthrust sind die bekanntesten Köpfe der Szene. Die erste Europa-Tournee ist ein Triumphzug; letztes Wochenende wurden sie auf dem Metal-Olymp, dem Wacken-Open-Air, von Tausenden gefeiert. Die «Bild» und das Deutschlandradio berichteten. Ein überwältigendes Erlebnis sei Wacken gewesen, sagt Sänger und Bassist Tshomarelo Mosaka am Telefon. Die Band, im Bus unterwegs, stoppte eben an einer Autobahnraststätte. Heute Freitag ist sie unterwegs nach Zürich, am Abend spielt sie im kleinen Club Ebrietas.

Overthrust sind konservative Metaller – «wir spielen Old-School-Death-Metal. Wir wollen der Tradition treu bleiben» (Mosaka) – in einem ungewöhnlichen Umfeld. Neben ideologischen Widerständen haben die Musiker sehr konkrete Probleme, etwa: Woher die Instrumente nehmen? So gibts zwar zwei Gitarrenläden in Botswana, aber deren Ware ist so teuer, dass sie sich kaum einer leisten kann. Mosaka spielt einen Occasionsbass, den ihm eine südafrikanische Musikerin vor zwei Jahren geschenkt hat. Nur wenig Geld kann die Gruppe für neues Equipment zurücklegen; Overthrust ist eine Hobbyband und besteht aus einem Informatiker, zwei Architekten und zwei Polizisten (Mosaka ist einer davon).

Auf verschlungenen Wegen kam Mosaka auch zur Musik: «Mit 14 hörte ich erstmals Death Metal bei meinem Onkel. Er spielte mir eine Kassette von Cannibal Corpse vor. Es ergab überhaupt keinen Sinn, ich verstand kein Wort – und es packte mich trotzdem sofort.»

Obwohl im afrikanischen Kontext gut gestellt, ist Botswana ein hartes Land. Hunderttausende sind mit HIV infiziert, Homosexualität ist verboten. Da bekommt der Metal mit seiner modischen und musikalischen Fantasie-Härte eine neue, existenzielle Attraktivität. Dass Lemmy Kilmister, der jüngst verstorbene Motörhead-Sänger, in Botswana heftig verehrt werde, habe nicht in erster Linie mit der Musik zu tun, erklärt Mosaka. «Seine Attitüde des ‹Mir kann keiner was und ich fürchte mich vor gar nichts› gefällt.»

Ihre fulminante Europa-Tour beschert Overthrust nun auch zu Hause Akzeptanz und Prestige. Bereits wird Death Metal als neues Exportgut betrachtet. Wenn Mosaka auf der Bühne über Poltergeister und Leichenhallen grunzt, hängt mittlerweile eine Landesflagge über die Rampe – ausgehändigt vom stolzen Kulturminister persönlich.

DerBund.ch/Newsnet

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