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Befreier der Rhythmus-Knechte

Wie der Schweizer Perkussionist Pierre Favre – eben 80 geworden – unsere Wahrnehmung der Musik und des Schlagzeugs verändert hat.

Lässt das Schlagzeug murmeln und sirren: Drummer Pierre Favre. Foto: Doris Fanconi
Lässt das Schlagzeug murmeln und sirren: Drummer Pierre Favre. Foto: Doris Fanconi

Wer sich mit Pierre Favre unterhält, dem weltbekannten Perkussionisten, findet sich schnell in einer Art Philosophiestunde wieder. Ein Gespräch mit ihm startet vielleicht bei der Musik, führt aber schnell zu anderen, oft existenziellen Themen. Und dann geht man nachher nach Hause, und im Kopf dreht sich eine starke Wahrnehmung oder ein stark formulierter Satz Favres weiter.

Pierre Favre, 1937 in Le Locle ge­boren, seit vielen Jahren in Uster wohnhaft, verfügt nicht nur über viel Witz, sondern auch über eine sehr individuelle Weltsicht. Gerade als ein heiterer Nonkonformist hat er viele Dinge im ­Musikleben verschoben – nur schon durch seine Lehrtätigkeit: Zahllose Schlagzeuger hierzulande hat er unterrichtet, diese dabei immer auch mit ­seinem Geist gefangen. Vielleicht hat er diesen Eleven zuallererst Selbstbewusstsein gegeben. Nicht lange ist es ja her, da galt das Schlagzeug im abendländischen Raum noch als Schmuddelkind der ­Musik. Man verband es mit niederen ­Instinkten.

Dann kam der Free Jazz der Sechziger. Der blies alle Konventionen hinweg, erlaubte auch Selbstfindungen.

Noch vor 1970 begann Pierre Favre, was damals eine Pioniertat war, auf dem Schlagzeug Solokonzerte zu spielen. Heute nun boomen in der Schweiz Solo-Schlagzeug-Performances geradezu: von Fritz Hauser bis Fredy Studer, von Christian Wolfarth bis Julian Sartorius, von Samuel Rohrer bis Peter Conradin Zumthor – sie alle geben Solokonzerte. Ergänzen dabei ihr Drumset mit Klang­körpern vom Schrottplatz; verfremden es elektronisch; spielen es zenmässig in äusserster Reduziertheit nur mit Snaredrum und Becken. So selbstverständlich wird heute das Schlagzeug in aufgeklärteren Kreisen als ein vollwertiges Instrument angesehen, dass man kaum mehr bemerkt, welch eminenter Mentalitätswandel dem vorausging. Favre ist entscheidend verantwortlich für diesen Wandel – seine frühen Soloalben wie etwa «Drum Conversation» (1970) oder «Abanaba» (1972) nannte der berühmte Musikkritiker Bert Noglik «revolutionär» und sah sie an als funkelnde Bausteine in der europäischen Jazzgeschichte.

Sie riefen «We love you!»

In seinen Anfängen nun hatte Favre sein Schlagzeug keineswegs anders verstanden als Jazzschlagzeuger damals. Er gab in Big Bands den Rhythmus-Knecht und Time-Keeper. Doch dann kam der Free Jazz der Sechziger. Der blies alle Konventionen hinweg, erlaubte auch Selbstfindungen. Pierre Favre sieht den Free Jazz für sich vor allem als eine psychologische Revolution. Sein erstes Solokonzert spielte Favre im Jahr 1969. Es war eine Selbstbefreiung. Denkwürdig vor allem sein berühmter Soloauftritt an den Berliner Jazztagen 1972: Vor dem Konzert verspürte Favre Angst. Tatsächlich lachte das Publikum laut auf, als er, der klein gewachsene Mann, für seinen Auftritt allein auf die grosse Bühne kam und sich an sein Riesenschlagzeug setzte. Doch am Ende des Konzerts rief das Publikum «We love you!».

Aus seinem Schlagzeug hatte Pierre Favre durch zahllose Zusatz-Perkussions-Instrumente eine organisch atmende Tinguely-Apparatur voller Wundersounds gemacht. Sein Perkussions­gerät hatte er dabei in der ganzen Welt gesammelt – das Schlagzeug wurde bei ihm gleichsam zu einem weltmusikalischen Klangkörper. Und Favres Instrumentarium steht bis heute auch für ein neuartiges Verständnis des Schlagzeugs hinsichtlich dynamischer Fragen. Schon auf «Drum Conversation» erzeugte Favre eine Intensität und eine Dringlichkeit nicht dadurch, dass er auf sein Instrument einprügelte. Im Gegenteil, er streichelte das Schlagzeug, liess es flüstern, murmeln, zischen, sirren. In Stücken wie «Swiss Sunday» zeigte Pierre Favre sich als musikalischer Poet: Da ist eine Atmosphäre spürbar über die einzelnen Aktionen hinaus – ganz langsam sich vollziehende Klangprozesse sind zu hören. Oder nehmen wir «Rainbow» auf demselben Album – feine Sounds auf Gongs und Klangstäben, ganz so wirkend wie ein flimmernder Regenbogen, der sich vielleicht gleich auflösen wird.

Faszinierend nun auch: Bei Favre verwischen sich die Grenzen zwischen Rhythmus und Klang. Das Klavier, sagt man, sei mit seinen Hämmerchen im Grunde ein Schlagzeug mit 88 gestimmten Trommeln – das könnte man umgekehrt auf Favre anwenden: Sein Perkussionsgerät war ihm immer auch eine ­Klaviatur für Klänge und gar Melodien.

Favres Klänge sind dabei immer rein akustisch. Dies ist eine weitere wichtige Botschaft des Schlagzeugers im Zeitalter elektronisch produzierter Musik. Pierre Favre hat stets die Fahnen eines rein akustischen Musizierens auf seinem Schlagzeug hochgehalten und konnte mit Electronics nie viel anfangen.

Akustische Klänge, aus der Tiefe ­kommend und archaisch wirkend, die hört man nun gerade auch in Ensemblestücken, die Pierre Favre in jüngeren Jahren geschrieben hat. Man höre die willentlich unausgegorene zarte Chaos-Klangballung zu Beginn seines Albums «Saxophones» (2003) mit dem Basler ­Arte-Saxofonquartett, lauter magische Gongs und Zimbals, und darin eingelassen der dunkle Klang eines hölzernen Serpents, eines uralten Blasinstruments. Und manchmal streift das Archaische auch ganz zwanglos zeitgenössische ­E-Musik: In Favres Sichtung des alten Schweizerliedes «Vreneli ab em Guggisberg» (auf dem Album «Le Voyage» von 2011) lassen sich die zerklüfteten ­Geräuschhaftigkeiten zu Beginn wahlweise als urtümlich oder als zeitgenössisch deuten.

Das Animalische annehmen

Immer aber gilt: Favre glaubt an den handgemachten, an den geblasenen, an den gesungenen Klang. Er hält ein Humanum aufrecht in der Musik, die für ihn nicht zur Maschinenmusik werden soll. Er verbindet damit auch ein Menschenbild: Der Mensch soll seiner Meinung nach nicht abgespalten sein von der animalischen Welt. Favre ging so schon immer gern auch in den Zoo zum Studium der Tiere. In seinen Augen übertreffen die Bewegungstechniken von Wildtieren alles, was man vom Menschen kennt: Bei Tieren könne man nur lernen, äussert er gerne.

Favre lehrt, dass Musik mehr ist als Klingeling.

Auch mit seinen Schlagzeugschülern konnte Favre, der Lernaufträge an den Musikhochschulen Stuttgart und Luzern innehatte, öfter in den Zoo gehen. So grundsätzlich gestaltet sich also der Schlagzeugunterricht bei ihm – da geht es weniger um diesen oder jenen Paradiddle, um diese oder jene Technik. Alle ehemaligen Schüler Favres erzählen ­dasselbe: Der Causeur und Geschichtenerzähler Favre verstehe Musik breit, tief – alles habe bei ihm immer sehr ­direkt mit dem Leben zu tun.

Favre redet mit seinen Schülern, ist auch einfach mit ihnen zusammen. Er lehrt, dass Musik mehr ist als Klingeling. Dass Musik und Perkussion – in aller Tiefe verstanden – ins Herzen der Welt und des Selbst hineinführen.

Würdigung Favres zum Achtzigsten: Mythos Trommel – eine Klang- und Welt-Chronik von Armin Brunner. Dienstag, 20. Juni, 20 Uhr im Zürcher Theater Rigiblick.

Hörtipps: Pierre Favre – Drums and Dreams (2012); 3 CDs mit den frühen Soloaufnahmen Favres um 1970. / Saxophones (2004). / Pierre Favre Ensemble: Le Voyage (Intakt 2011). Alle CDs erschienen bei Intakt Records.

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