Balladen, Bordelle und Bühnenschlägereien

Gut beraten ist, wer am heurigen Buskers sein Hutgeld-Budget sorgfältig einteilt. Im besten Programm seit Festivalbestehen gibts kaum Durchhänger. Ein Empfehlungsschreiben.

Sämtliche Formen musikalischer Darbringung gibts am Buskers. Sogar im Puppen-Bordell wird gegeigt.

Sämtliche Formen musikalischer Darbringung gibts am Buskers. Sogar im Puppen-Bordell wird gegeigt. Bild: zvg

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Bei den Diskussionen während der Gründung der Gruppe L’Homme Oiseau et Son Chimères Ochestra wäre man gerne anwesend gewesen. «Lass uns einen riesenhaften Vogelmenschen kreieren», muss irgendwann jemand vorgeschlagen haben. «Genau, den lassen wir dann auf der Strasse tanzen», warf ein anderer ein. «Und damit der auch wirklich tanzt», sagte der Nächste, «gründen wir ein Musikorchester, das wiederum um den Vogelmenschen herumtanzt und ein bisschen sonderbar ist.» Und dann alle: «Genau so machen wir das!» Seither spielt und tanzt sich die Gruppe mit ihrer sehr seltsamen Entertainment-Idee durch die Parks und Fussgängerzonen Europas, nervt dabei die Ruhesuchenden und verängstigt des Experimentaltheaters unkundige Kinderchen.

Egal. Am Buskers, Berns Strassenmusikfestival, ist fast alles erlaubt. Und in diesem Jahr scheint diese Losung besonders lustvoll ausgelebt zu werden. Für Menschen mit robustem Nervenkostüm sei beispielsweise die Performance des Messerwerfers Georg Traber empfohlen. Er ist – so die Legende – aus nicht näher beschriebenen Gründen seiner Assistentin verlustig gegangen und hat sich in der Not eine schmucke, aber ziemlich knarzige Messerwerf-Maschine gebaut, was es ihm erlaubt, vom Werfenden zum Beworfenen zu werden.

Sexpuppen und freche Autos

Ob auch der peruanischen Puppen-Kreatorin Ety Fefer ein Partner abhandengekommen ist, ist nicht überliefert. Jedenfalls hat sie sich ein begehbares Puppen-Bordell zusammengezimmert, bevölkert von zwielichtigen Mannsbildern, musikalischen Freudenmädchen und kettenrauchenden Sexpuppen. Die Inspiration für ihre verstörende Installation namens «Los Grumildos» hat sich die Frau im Rotlichtmilieu von Lima geholt. Ein Ort, der von den Bernern nach dem Buskers-Gastspiel wohl eher gemieden werden dürfte.

«Los Grumildos» Quelle: Youtube.com

Auch ganz apart ist der Unterhaltungs-Grundgedanke des niederländischen Kollektivs Electric Circus. Es bietet dem Publikum neue Köpfe an. Für zwei Minuten kann man sich diese Dinger auslehnen, über das eigene Haupt stülpen, um in den Genuss eines ganz neuen Oberstübchen-Innenlebens zu kommen. Und dann werden da noch zwei Automobile durch die Stadt kurven, denen man nicht über den Weg trauen sollte. Das eine flirtet, winkt und erschreckt Hunde, das andere gibt sich als kleinste Radiostation Europas aus, steht auf Vintage-Musik und bringt Hipster zum Tanzen.

«Electric Circus» Quelle: Youtube.com

Zusammengebaut wurden sie vom Kollektiv Exoot, das mit der eigenwilligen Geschäftsidee, mobile Discos und interaktive Objekte anzubieten, erfolgreich geworden ist. Ach ja, die Holländer scheinen ohnehin ein ganz aufgewecktes Völklein zu sein. Ebenfalls aus dem nördlichen Flachland stammt die Idee der Pommes-Kanone. Wer sich am Buskers mit Pommes frites verköstigen möchte, muss zuerst die Kartoffel kraft einer Schiessvorrichtung gegen ein Gitter katapultieren, wo das Nachtschattengewächs in mundgerechte Einzelteile zerlegt wird und umgehend in eine Friteuse plumpst.

Saudade und Smyrnika

Doch kommen wir zum musikalischen Teil der Veranstaltung. Womöglich nicht ganz so schräg wie die Holländer sind die Bewohner der Kapverdischen Inseln drauf. Fast wie uns Schweizern ist ihnen das Taumeln zwischen Fern- und Heimweh bekannt – eine verbreitete Art der kapverdischen Freizeitgestaltung ist es denn auch, diesen Kummer und diese Zerrissenheit in Musik zu kleiden. Kein Wunder, dass daraus keine wirklich fröhlichen, letztlich aber auch keine entschieden hoffnungslosen Lieder entstehen. Ganz genauso ist das auch mit der Musik von Gabriela Mendes, die auf Berns Strassen die afrikanische Sirene geben wird. Eine schwerblütige, aber höchst inbrünstige Musik ist auch von der Griechin Katerina Tsiridou zu erwarten. Sie frönt der Smyrnika. Das ist eine alte südeuropäische Sklavenmusik und ist schon deshalb mit überschaubarem Fröhlichkeitsgehalt gesegnet.

«Gabriela Mendes» Quelle: Youtube.com

Apropos inbrünstige Musik: Wer das mag – und das dürften ungefähr 90 Prozent der Menschheit sein – sollte sich die Gruppe Nobody Reads aus Basel anschauen gehen. Die Leidenschaft wird hier verkörpert von der sagenhaften Sängerin Sarah Reid, die ihre Seelenstimme in den Dienst mal zärtelnder, mal indierockig aufbrausender Musik stellt. Eine Entdeckung.

«Nobody Reads» Quelle: Youtube.com

Trip-Hop und Triangel

Wem es Freude bereitet, wenn hurtige Finger über holzige Saiteninstrumente huschen, der wird am Hot Club of Dublin Freude haben. Er bietet erquickend virtuosen Zigeuner-Jazz – extra fürs Buskers angereichert mit Spurenelementen von Tango. Spurenelemente von Trip-Hop weist dagegen die Musik des Portugiesen Jorge da Rocha auf. Er ist so etwas wie ein portugiesischer Mich Gerber mit Gesangstalent. Er koppelt seinen Kontrabass mit einer Loop-Station und bringt dergestalt die Musik seiner Helden dar – das Spektrum reicht von Björk über Radiohead bis zum portugiesischen Revoluzzer José Afonso.

Mit Fiedel, Gitarre, Flöte und Ukulele gehen Ian Bordley und Ray Coen zu Werke. Der eine aus England, der andere aus Irland stammend, und wie man weiss, endet ein solches Zusammentreffen nicht immer in Eintracht. Da sie meist in bierseligen Pubs des Vereinigten Königreichs auftreten, klappts zwischen den beiden dann doch irgendwie. Die Kooperation nennt sich sonderbarerweise Clouds und spielt Rock, Folk und Punk in traditioneller gemütlicher Kneipen-Manier.

Fast genau so unwahrscheinlich, wie einen Engländer und einen Iren zusammenzubringen, ist es, einen Argentinier und einen Brasilianer zum gemeinsamen Musizieren zu animieren. In der Gruppe Forró Miór findet genau dieser Kulturaustausch statt – mit dazu gesellt sich eine Deutsche, ein Angolaner und ein Italiener. Gespielt wird eine erfreulich offenherzige und jazzige Form des Forró, diese muntere, von einem Triangel angetriebene Folklore aus dem Nordosten Brasiliens.

Eine Freude kann man den Menschen vom westlichsten Zipfel Frankreichs machen, indem man sie nicht als Franzosen, sondern als Bretonen ankündigt. Es ist ein ganz eigener Schlag Mensch, der sich da tummelt, von rustikaler Freundlichkeit, trinkfest, und irgendwie fühlt man sich hier kulturell noch immer eher dem Keltischen als dem Frankofonen zugetan. Die Gruppe La Gâpette aus dem hübschen bretonischen Kleinstädtchen Vitré trägt all dem Rechnung. Zu ihrer Musik lässt sich prima in Menschenketten tanzen – und zwei Tage nach dem Buskers tritt die Band am honorigen Sziget Festival in Ungarn auf.

Mehr so ausdruckstänzerisch ist die aus Frankreich anreisende Gruppe Ça va valser unterwegs. Sie besteht aus sechs Akkordeonisten, deren Spezialität es ist, mit ihren Instrumenten unentwegt überraschende Dinge zu tun, inklusive diverser Interaktionen mit dem Publikum, und einem Musikspektrum, das von himmeltraurig-schön bis himmelschreiend fröhlich reicht.

Schläger und Schlangenfrauen

Wen das eher aggressiv als glücklich macht, der soll hier innehalten: Der Choreograf Joshua Monten entlässt seine Tänzer in die Kunst des Sich-so-richtig-auf-die-Fresse-Gebens. Für sein Stück «Little Joy» hat er auf alte Kunsttechniken des Bühnenkampfs zurückgegriffen und sich von Slapstick-Tricks aus den 1930er-Jahren inspirieren lassen.

«Joshua Monten» Quelle: Youtube.com

Und was ist da noch? Das griechische Merlin Puppet Theatre führt ein Puppenspiel auf, das auf Niedergeschlagenheit und Schwarzmalerei fusst, während die Waberer Schlangenfrau Nina Burri ihre Glieder zur Abwechslung mal abseits der Showbühnen verrenken wird. Der in Bern lebende senegalesische Griot-Sänger Mory Samb stellt eine Zungenschnalz-Band auf die Strasse, unter anderem mit dem einstigen Züri-West-Bassisten Jürg Schmidhauser und dem Schlagzeuger Samuel Baur, und die Gruppe Shishko bittet zum Tanz in der Multikulti-Disco.

Vielleicht werden ja auch Menschen das Buskers besuchen, die es weniger nach Zerstreuung als nach tiefen Lebenserkenntnissen dürstet. Auch für sie wird etwas geboten: Der Spanier Toni Tomas entsendet seine Klientel in eine selbst gebaute Röhre zum Zwecke einer Art Nahtoderfahrung. Erstaunlicherweise entsteigen ihr die meisten Besucher mit einem breiten Grinsen.

Ganze Altstadt Details siehe Interview mit Christine Wyss (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2017, 07:51 Uhr

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