Ausserirdisch schön

Einen halben Weltraum hätten die fünf Ensembles füllen können, die in der Dampfzentrale im Rahmen des Musikfestivals Bern auftraten.

Kosmisches Rauschen: Der Komponist Martin Jaggi verarbeitet in «Planck» Sounds der gleichnamigen ESA-Raumsonde.

Kosmisches Rauschen: Der Komponist Martin Jaggi verarbeitet in «Planck» Sounds der gleichnamigen ESA-Raumsonde.

(Bild: ESA)

Welch ein Anblick! Auf der Bühne des Turbinensaals sassen Die Freitagsakademie, das Ensemble Proton, das Klavierduo Huber/Thomet, Les Passions de l’Ame sowie das Schlagzeug-Quartett ­Ensemble This Ensemble That: 21 Musiker, 2 Klaviere, ein riesiges Perkussions-Arsenal, Streicher, Barock-Oboe, Traversflöte, moderne Holzblas­instrumente, Harfe, Cembalo, Laute. Im Lauf des Abends präsentierten die Ensembles ihr eigenes Repertoire, umrahmt vom Werk «Planck» des jungen Schweizer Komponisten Martin Jaggi, das diese verschiedenartigen Formationen vereinte. Mochte die Kombination von Ensembles für Alte Musik mit solchen, die sich dezidiert der zeitgenössischen Musik widmen, vorerst abenteuerlich erscheinen, zeigte sich im Konzert, wie organisch sich diese Welten vereinen lassen. Zumal die ästhetischen Konzepte ja sehr ähnlich sind: das Forschen nach neuen und neuen alten Klängen und eine Abkehr von den starren Formen des institutionalisierten Konzertbetriebs. So konnte man es auch als Statement verstehen, dass alle Musikerinnen und Musiker in Turnschuhen auftraten.

Die Freitagsakademie bot eine innige ­Sonata da camera Johann Gottlieb Janitschs (1708–1763) dar. Expressiv spielte das Ensemble diese Quartett-Sonate am Übergang von Barock zu Frühklassik mit wunderbar schmerzhaften Vorhalts-Dissonanzen und viel Verve in den schnellen Sätzen. Aufwühlend geriet auch «Die Verkündigung Mariae» aus den hochvirtuosen Rosenkranz-Sonaten Heinrich Ignaz Ferdinand Bibers (1644–1704), die Meret Lüthi mit ihrem Ensemble Passions de l’Ame aufführte. Effektvoll gestaltete das Ensemble die wechselnden Affekte und hob die oft erstaunliche Modernität Bibers hervor. Etwas angestaubt wirkte dagegen die Uraufführung der Komposition «Adrift» von Leonardo Idrobo. Die pointilistische, mit Sprachfragmenten versetzte Effekt-Collage wirkte seelenlos und epigonal. Auch wenn das Ensemble Proton unter der Leitung von Matthias Kuhn sein Bestes gab und mit Instrumenten wie Lupophon und Strohgeige doch zumindest optische Reize bot.

Physische Qualität

Die Uraufführung von Michael Pelzels Komposition «Cosmic Swoosh» für zwei Klaviere und vier Perkussionisten zeigte wiederum, wie mitreissend zeitgenössische Musik sein kann. Die physische Qualität des Werks, in dessen erstem Teil die Musiker ins Innere der Klaviere gebeugt mit Bogenhaaren die Saiten strichen, faszinierte. Im zweiten Teil wechselte sich ein geisterhaftes Unisono von angeschlagenen tiefen Klaviersaiten und Gongs als wiederkehrendes Bassmotiv mit einem irisierenden Geflimmer von Celesta, Röhrenglocken und Xylophonen ab. Eine wunderschöne und ungemein klangsinnliche Musik beschrieb hier die kosmischen Klänge.

Lichtjahre entfernte Welt

Der Klanglichkeit des Alls spürte nicht zuletzt das Hauptwerk des Abends, Martin Jaggis «Planck», nach. Darin verarbeitete der Komponist Daten der gleichnamigen ESA-Raumsonde, die Bilder der kosmischen Hintergrundstrahlung macht. Sounds der Sonde waberten als Samples durch das Stück, aus denen Töne und rhythmische Strukturen erwuchsen, sich verdichteten und wieder abebbten. In dieses kosmische Rauschen drangen Klänge von Klavier, Cembalo, Laute und barocke Streicherklänge wie Reminiszenzen aus einer längst verlassenen, Lichtjahre entfernten Welt. Dirigent Lennart Dohms gestaltete diese ausserirdische Schönheit präzise und expressiv. Die szenische Einrichtung von Anett Lang hielt sich dezent zurück und ermöglichte einen fliessenden Konzertablauf. Was den Abend wirklich zusammenhielt, war die enorme musikalische Qualität der Ensembles.

Der Bund

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