Apokalypse - aber nur temporär

Die Kummerbuben begeisterten bei der Plattentaufe ihres Albums «Itz mau Apokalypse» mit einem wuchtigen Crossover-Spektakel.

Kummerbuben-Sänger Simon Jäggi und das Orchester Variation.

Kummerbuben-Sänger Simon Jäggi und das Orchester Variation. Bild: Marco Raho

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Was für eine grossartige Idee, diesen Abend in ruhiger, gedankenvergessener Seligkeit beginnen zu lassen. Anfangs oder nie. Denn für die Stimmung, welche die Variaton-Orchestermitglieder mit dem Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie erzeugten, wäre später in der Dampfzentrale kein Platz mehr gewesen. Kaum nämlich hatte der Mahler-Satz ausgeatmet, fuhr Kummerbuben-Sänger Simon Jäggi per Velo zu seinem Platz an vorderer Front der Bühne, übernahm mit seinen vier weiter hinten stationierten Bandkollegen fürs Erste das Ruder und stürzte sich gleich ins volle, turbulente Leben.

Von den Gipfeln und Abgründen des Daseins, von Nächten aus Eis mit Diamanten in der Luft, aber auch von versandenden Existenzen im Megastore handeln die so kunstvollen wie aufwühlenden Texte der neuen Songs der Kummerbuben. Da ist in «My Kapitän» einer, der die menschlichen Möglichkeiten reflektiert, indem er die freie, einsiedlerische Existenz eines Fischers anstaunt und sich sagt: «Bi gmacht us syne Rippe / bi gschnitzt us sym Holz. / Früecher hani gmeint / i chönn so wärde win i wott.»

Packend präsentes Orchester

Da wird die abgründige Verlassenheit eines Mannes besungen, der sich von der Stadt Bern, in der er sich als letzter lebender Mensch fühlt, ein postapokalyptisches Bild zeichnet («Dr letscht Mönsch»), und angesichts des träumenden Weltenseglers hinter der Fischtheke («Dänu vo dr Fischtheke») fühlte man sich an Erzählungen von Pedro Lenz erinnert. Derweil wird die Apokalypse von den Kummerbuben trotz aller Düsternis als nur temporär verstanden und trägt stets die Möglichkeit eines Neuanfangs in sich.

Im Verlauf des Abends gerieten die Texte freilich etwas in den Hintergrund, während der Sog und die Wildheit der Musik laufend zunahmen. Das mit über 80 Musikerinnen und Musikern recht stark besetzte Orchester war während der Songs immer packend präsent dank eigenhändigen sinfonischen Arrangements von Dirigent Droujelub Yanakiew.

Beide Seiten trugen dazu bei, dass ein wie aus einem Guss wirkender Klangkörper entstand, wobei sie den Effekt nicht scheuten. Mal verstärkten Streicherpizzicati und tiefes Blech mitreissend die markigen Rockrhythmen, worauf dann wieder Holzbläser schmelzend süss das Bandschlagzeug umflochten. Das Variaton-Orchester wechselte die Songs zudem auf ungewohnte Weise mit weiteren Symphoniesätzen von Mahler sowie mit «Tuning up» von Edgar Varese ab, einem Stück, welches das gemeinsame Stimmen des Orchesters parodiert und einen Lautstärkehöhepunkt erzielte.

Zur restlosen Begeisterung des altersmässig bemerkenswert durchmischten Publikums - allein dies schon ein schönes Verdienst des Projekts - endete das Konzert mit drei älteren Songs der Kummerbuben, die von Band und Orchester derart abgefeuerwerkt wurden, dass der Gedanke fern lag, wie unterschiedlich die beiden Welten sind, die hier so beherzt zusammengedacht wurden. (Der Bund)

Erstellt: 02.07.2018, 07:22 Uhr

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