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Alles, wovor wir uns fürchten

Das Greenfield Festival ist unter dem Schatten des Terrors angelaufen. Doch am Spartenfestival für rabiate Rockmusik spielt sich dieser nur auf den Bühnen ab. Ein Rundgang.

Die Sonne gleisst Miland «Mille» Petrozza ungünstig ins Gesicht, als er auf der Hauptbühne des Greenfield Festivals den Refrain eines seiner Erfolgslieder anstimmt. Es heisst «Satan is Real» und handelt von – wir ahnen es – Finsternis, Verderb und Untergang. Mille Petrozza vertritt darin die These, dass alles, wovor wir uns fürchten, längst unter uns ist.

Hinter ihm, auf dem Bühnengemälde, prangt das wohl böseste Ungeheuer, das je zu Papier gebracht worden ist. Es besteht einzig aus Sehnen, Schädel und Horn, und mit seinen schleimigen Händen formt es die berühmte Merkel-Raute. Doch über der Hölle thront heute ein wolkenlos blauer Interlakner Himmel, was die Wirkung des Dargebrachten dann doch etwas einschränkt.

Lichte Reihen

Mille Petrozza ist der Chefdenker, Gitarrist und Sänger von Kreator aus Essen, einer Band, die in den frühen Achtzigerjahren den Thrash-Metal massgeblich mitgestaltet hat. Dieses Genre brachte damals eine neue Härte in die speckig gewordene Metal-Musik. Ihre messerscharfen Gitarrenriffs waren legendär, und ihre Beats waren so rasant, dass man sich beim Versuch, dazu das Haupthaar zu schütteln, mit grosser Wahrscheinlichkeit einen Migräneanfall einhandelte.

Vor dreissig Jahren war das progressiv. Fast schon Avantgarde. Am Donnerstagnachmittag in Interlaken interessieren sich nicht mehr sonderlich viele dafür. Die Reihen vor der Hauptbühne wollen sich nicht füllen, die Festivalbesucher nützen den Auftritt der Deutschen lieber zum Einkauf im Festival-eigenen Aldi, zum Ritt auf dem Bullen-Simulator von Zweifel oder zum munteren Mett-Essen auf dem Mittelaltermarkt.

Dabei tut Kreator genau das, was die Band über all die Jahre im Geschäft gehalten hat. Und sie tut es gut. Sie knüppelt sich mit teutonischem Arbeitseifer durch ihr geheimnisloses Set. Da gibt es Doppelpauken-Donnerwetter, es gibt Gitarren-Geprügel und Tempobolzereien von der tipptopperen Sorte, die langen Haare wehen schmuck in der Oberländer Brise, und die Teufelsstimme von Petrozza klingt so sinister, als würde sie direkt aus den tiefsten Gedärmen des Mannes ans Tageslicht gewürgt (was in diesem Genre eine durchaus wohlwollende Beschreibung ist). Es regiert der Zorn in den Schattierungen sehr dunkel bis zappenduster. Und auch wenn die Texte aufs erste Hinhorchen ein bisschen gar splatterhaft-defätistisch anmuten, verbirgt sich dahinter die gutherzige Haltung eines linken Ruhrpott-Secondos.

Schreihälse mit Gefühl

Aber eben. Das Geschäft mit den tiefer gestimmten Stromgitarren hat sich offensichtlich gewandelt. Und Kreator scheint langsam aus der Mode zu fallen. Einen Hochleistungssänger, wie jener der hernach auftretenden Gruppe Of Mice & Men, den haben Kreator nicht in ihren Reihen. Einer, der auch mal einen brünstigen Refrain raushauen kann, der locker zwischen Wut und Versöhnung zu changieren weiss. Diese musikalische Disposition wird in der Metal-Gegenwart mit Spotify-Streams im zweistelligen Millionenbereich belohnt, wovon Kreator meilenweit entfernt ist. Selbst von der widerwärtigen niederländischen Symphonic-Metal-Band Epica ist Kreator popularitätsmässig bereits überholt worden. Eine Gruppe, die am Spätabend die Mönch-Bühne bespielt, und mit ihrer opernhaften Gefühlssängerin den Klirrfaktor der Tonanlage auslotet.

Und von Absatzzahlen, wie sie Five Finger Death Punch oder der Headliner In Flames erreichen, können die Deutschen ohnehin nur träumen. Deren Rezept: kernige Männerrockmusik trifft auf Harmonielehre und einen Schreihals, der auch Gefühle zeigen darf. Bei In Flames wird immerhin noch veranschaulicht, wie grossartig es doch ist, wenn ein Lichttechniker seinen Job als Kunsthandwerk versteht. Apropos Kunsthandwerk. Das diesjährige Greenfield Festival soll wegen erhöhter Terrorgefahr unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt werden. Davon haben die circa 20'000 Besucher bisher kaum etwas mitbekommen. Ohnehin müsste das wunderliche Völkchen, das sich hier eingefunden hat, um gemeinsam in todessüchtigem Liedgut und abgründiger Tunichtgut-Musik zu schwelgen, für den gemeinen Terroristen dann doch zu randständig anmuten, um es als lohnendes Ziel zu deklarieren.

Auswirkungen hat die neue Bedrohungslage dafür auf einen Berufsstand, der besonders in der Metal-Szene noch hohes Ansehen geniesst. Jenen des Pyrotechnikers. Der darf zwar noch zündeln, aber knallen darf er nicht mehr. Die Gefahr, damit eine Massenpanik auszulösen, scheint zu gross zu sein. So schiessen die Feuerfontänen von Kreator zwar imposant, aber vollkommen lautlos gen Himmel.

Unangenehme Zweitstimme

Doch zurück zur Musik. Es gibt da nämlich noch eine andere Band, die den Mannen von Kreator längst den Rang abgelaufen hat, ohne mit wirklich besseren Ideen aufzuwarten. Die Gruppe heisst Sum 41, stammt aus dem kanadischen Ajax und frönt diesem munteren, kalifornischen Punk-Pop, wie er von Bands wie Green Day oder Blink-182 erfunden worden ist –zwei Bands, die ebenfalls am diesjährigen Greenfield affichiert sind. Die Kalifornier mögen aufgeweckte Geschöpfe sein, die Sonne hat aus den meisten von ihnen fröhliche Menschen gemacht. Aber Punk, das können sie nicht. Gleiches gilt für Sum 41. Es gibt da keine Abgründe in dieser Musik und keinen chronischen Mangel an Zukunftsperspektiven, was für einen richtigen Punk doch quasi die Raison d’Être darstellt.

Auch der gespannt erwartete Auftritt der Gruppe Suicide Silence lässt einen unbefriedigt zurück. Dabei ist die Band eine Wucht. Sie produziert wendigen, wuchtigen und wahnsinnigen Deathcore. Ihr Problem: Der Stammsänger hat sich vor einiger Zeit mit seinem Feuerstuhl ins Jenseits befördert. Die Neubesetzung macht wenig Freude: Eddie Hermida, ist als Schreihals ganz okay, verfügt aber über eine sehr unangenehme Zweitstimme, die klingt wie ein zorniger Donald Duck. Und wenn er gar Melodien zu intonieren versucht, wendet sich selbst der Metal-Fan mit den grössten Nehmerqualitäten mit Grausen ab. Und so bleibt dieser Greenfield-Eröffnungsabend von leisem Wehmut umweht. Für die alten Helden interessiert sich niemand mehr, und die Konzepte der Neuen taugen wenig.

Das Festival dauert noch bis am Samstag.

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