Agonie in Superzeitlupe

Nick Cave lud ausgerechnet auf Youtube zur Album-Premiere. Pathetisch, aber irgendwie doch schön.

Singt er, oder beschwört er? Nick Cave hat sein neues Album «Ghosteen» auf Youtube vorgestellt. Foto: Reuters

Singt er, oder beschwört er? Nick Cave hat sein neues Album «Ghosteen» auf Youtube vorgestellt. Foto: Reuters

Ane Hebeisen

Der letzte Donnerstag, 23 Uhr, ist ein wunderlicher Internetmoment. Nick Cave hat zur Premiere seines neuen Albums «Ghosteen» geladen. Ausgerechnet auf Youtube, dem Kanal, der nicht unbedingt für die vertiefte kulturelle Auseinandersetzung bekannt ist.

Zum Countdown wird das Cover eingeblendet. Schön ist es nicht. Es zeigt eine Szene im Paradies, Lämmchen, Einhorn, Löwe in grellem Licht und friedlichem Miteinander. Es ähnelt verdächtig dem Werbematerial, mit dem die Zeugen Jehovas um Aufmerksamkeit buhlen.

Flennen vor Ehrfurcht

Dann gehts los: Ein violetter Himmel ist zu erkennen, stark bewölkt, dazu eine sphärische Synthesizerfläche. Es dauert eine Minute lang, bis sich Nick Caves Stimme erhebt, eher sprechend als singend. Er scheint einen Traum zu beschreiben. Elvis kommt vor, ein Baum, eine Feder, eine Königin – es ist ein Märchen.

Der Synthesizer wallt orchestral auf. Nick Cave singt nun. Oder ist es ein Beschwören? «Ich liebe dich, ich liebe dich, der Friede wird kommen, ein Friede wird kommen, zur richtigen Zeit.» Er wiederholt diese Zeilen wie ein Mantra. Ein Chor gesellt sich dazu. Es wird pathetisch. Im Grenzbereich zwischen Barock und Manierismus – zwischen Vangelis und Dead Can Dance. So gehts weiter. Immerfort. Schön ists. Irgendwie.

Eher dunkel, diese Lichtgestalt: Nick Cave. Foto: Matt Thorne

Es ist ein andächtiger Youtube-Moment: eine Stunde und 11 Minuten Musik in Echtzeit, ohne Skip-Funktion, in aller Seelenruhe. Die Reaktionen der Fans werden simultan eingespeist. Sie pendeln zwischen Verwirrung und Begeisterung: «Meiner Katze geht es gut, sie steht bloss unter Schock», bemerkt einer, andere schreiben «Rest in Peace»-Botschaften in den Chat oder geben an, vor Ehrfurcht zu flennen.

Wer war Nick Cave nicht schon alles in seiner 37-jährigen Musikerkarriere? Der rauschgiftsüchtige Post-Punker, der Schwer­blüter, der mit Kylie Minogue Mörderballaden einsang, der kantige Grossstadtblueser oder der rätselhafte Poet mit einem Hang zur klerikalen Gefühligkeit. Nick Cave ist so etwas wie ein musikalischer Lebenskumpel – künstlerisch eine veränderliche Grösse und doch eine stilsichere Konstante.

Mit seinem 17. Album «Ghosteen» kommt nun eine neue Facette hinzu. Ein neuer Aggregatszustand quasi: Nick Cave, die Lichtfigur. Alles gleisst auf diesem Werk, alles ist schwerelos. Es gibt nichts Griffiges, nichts als ätherische Schönheit. Es ist zwar verbürgt, dass sein Schlagzeuger – der Schweizer Thomas Wydler – bei den diversen Aufnahme-Sessions dabeigewesen sein soll. Was er da genau getan hat, wird für immer ein Rätsel bleiben.

Von Liebe durchflutet

Zu hören ist sein Schlagzeug – bis auf einen kurzen Tusch nach 22 Minuten Spielzeit – nämlich nicht. Nick Caves Stimme wird von nichts anderem umschmeichelt als von einem Piano und diesen freundlich-hell mäandernden Synthesizerausdehnungen, die eine ähnlich paralysierende Wirkung erzielen wie jene Duftfahnen, die durch Esoterikfachgeschäfte wehen.

Vor drei Jahren ist Nick Caves Sohn bei einem Unfall ums Leben gekommen. Diese Tragödie hat ihn dazu gebracht, «ein tiefes Gefühl für andere Menschen und ein absolutes Verständnis ihres Leidens» zu empfinden, wie er erklärte. Eine Energie­wende, die sich bereits an seinen letzten Konzerten zeigte, als Cave oft die körperliche Nähe zu seinem Publikum suchte. Ausgerechnet er, der früher für seine Knorrigkeit bekannt war.

Die Videopremiere zum Nachschauen. Video: Youtube

Auf seinem neuen Album scheint er diesen Prozess nun in Musik umzuwandeln. War sein Vorgänger «Skeleton Tree» noch finster und verschachtelt (wenn auch von ähnlicher musikalischer Turbulenzlosigkeit), ist «Ghosteen» ein fast schon versöhnliches und von Liebe durchflutetes Werk. In seinen Texten vergewissert sich Cave immer wieder der Schönheit des Daseins. Im nächsten Moment entschwebt er in religiöse Fluchtfantasien oder ergibt sich in sanfte Todessehnsucht («And I’m just waiting now for my time to come / I’m waiting for peace to come»).

Es ist ein Sehnen nach Er­lösung also, bei gleichzeitigem Preisen der Existenz. Eine Zerrissenheit in fast schon unheimlich anmutender musikalischer Harmonie, eine Agonie in Superzeitlupe. Das ist verstörend und mächtig. Und es macht «Ghosteen» zu einem grossen Werk. Man wird es sich womöglich trotzdem nicht allzu oft anhören.

Nick Cave: «Ghosteen» (Mute / Limmat Records)

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