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Aggression lohnt sich

Strassenrapper besetzen gerade die Schweizer Charts. Schon wieder ist einer auf Platz eins.

Achtung, nicht verwechseln jetzt. Nemo, das ist der nette Rapper aus Biel, Jahrgang 1999. O-Ton: «Doch öppis bliibt für immer, und i gloube, das bisch Du.»

Eno, das ist ein deutlich weniger netter Strassenrapper, geboren in Elazig, Türkei, Jahrgang 1998. Er belegt mit «Ferrari» gerade Platz eins der Schweizer Hitparade, vor Ariana Grande und Lady Gaga.

Das tönt dann so: «Die Kugeln meiner Heckler», «Kickdown auf Autobahn, Maroccan-Haschisch auf Rückbank», «Ich hole Pistolen, gerippt von ’nem Polen, wah, bunkern am Hoden.» Stakkato-Raps und türkischer Gesang, schwer wummernde Beats, eingestreut das Soundbite eines röhrenden Sportwagens.

Was zählt, ist das Web

Andere Musiker beklagen noch das Ende der CD. Eno hingegen, der eigentlich Ensar Albayrak heisst, hat sich der Streamingwelt angepasst wie die Eidechse der Wüste. Was sich algorithmisch bewährt hat, wird konsequent repetiert – Enos letzter Hit hiess «Mercedes». Der junge Rapper mixt den hiesigen Schulhöfen, wonach sie gieren: Aggro-Shots aus Prahlerei, Sexismus und Aggression. Deutschrap ist heute die einzige Musik, die Lehrer provoziert.

Wie alle erfolgreichen Strassenrapper kombiniert Eno Adaptation mit Arbeitswut. Er habe im Studio übernachtet, sagte er mal in einem Interview. Und er pflegt ein Guerilla-Marketing, wie es typisch ist für den Deutschrap. Es zielt allein aufs Web: massenhaft Songs fertigen, einen davon über Nacht online stellen und den Clip gleich dazu, einen Hype anstacheln – und so auf den wichtigen Spotify-Playlists landen und millionenfach Streams kassieren. «Physische und digitale Formate (inkl. Streaming) werden gleichermassen berücksichtigt», heisst es im neusten Reglement der Schweizer Hitparade. Wegen der Streams dominieren die Deutschrapper heute die Schweizer Charts.

Klassische Medien braucht ein Eno nicht mehr, alles läuft über Instagram, Facebook und Youtube. Dass SRF «Ferrari» nicht auf Rotation nimmt, so wie es Anfang Monat «Prinzessa» nicht auf Rotation genommen hat, den Nummer-1-Hit von Capital Bra, einem anderen Deutschrapper – egal.

Bauingenieurwesen

«Seit meinen paar Welthits, mein Auftrag ist wie Wellness», reimt Eno auf «Ferrari». Tatsächlich hat sich Albayrak rasend schnell hochgerappt, vom Wiesbadener Flüchtlingskind ohne Papiere zum gefeierten Wortkünstler. Und dann ist da noch seine Zweitexistenz, eine Karriere, die deutscher kaum sein könnte: Albayrak ist Student im Fachbereich Bauingenieurwesen. Sein Studium wolle er beenden, sagt er. Letzten Monat trat Eno im Zürcher Kulturhaus Dynamo auf, die Veranstalter haben nur freundliche Worte für ihn: «Sympathisch» und «nett» sei er gewesen, habe sich zwei Stunden nach dem Konzert noch Zeit für die Fans genommen.

Eno, der assimilierte Vorzeigemigrant – diese Deutung liegt nahe. Doch der Rapper wird sich hüten, dem entsprechen zu wollen. Ohne hochgepitchten Aggressionspegel hat er keine Chance gegen seine harte, ganz und gar unbarmherzig klingende Konkurrenz. Die Eskalationsspirale dreht.

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