Acht Meilen high

Video

Pharrell Williams hat mit «Happy» ein 24-stündiges Musikvideo veröffentlicht. Wir sahen heute den ganzen Tag hin.

Kurzes Glück: Die 4-Minuten-Basisversion von «Happy».

Christoph Fellmann@tagesanzeiger

Fast 800'000 Menschen haben sich bisher das Video zu «Happy» angesehen. Nicht bekannt ist allerdings, ob es bereits jemandem gelungen ist, sich den Musikclip in voller Länge anzuschauen, also über die ganzen 24 Stunden, in denen die Einwohner von Los Angeles durch die Strassen ihrer Stadt tanzen. Auf einer Strecke von acht Meilen haben die französischen Videokünstler des Kollektivs We Are from L.A. exakt 360 Sequenzen gefilmt, in denen meist ein einzelner Mensch, manchmal auch ein Paar oder eine kleine Gruppe zu diesem Song tanzt, den Pharrell Williams für den Soundtrack zum Animationsfilm «Despicable Me 2» geschrieben hat. Doch jetzt scheint es, als werde die neue Single des US-Sängers und -Rappers auch ohne Film zum Hit.

Wir wollten in einem Langstreckenexperiment herausfinden, ob der Song auf Dauer tatsächlich glücklich macht – oder eher depressiv. Und schauten uns «Happy» heute von 9 bis 16 Uhr an. Hier der Bericht.

9.00: Ein neuer Arbeitstag. Er beginnt in einer dunklen Tunnelunterführung in Downtown L.A. Ein Mann in Tarnhose und Kapuzenpulli tritt auf und beginnt so zu tun, als singe er: «Es klingt vielleicht verrückt, was ich gleich singen werde.» Tatsächlich singt er im Folgenden von der Sonne, die scheint, und vom Glück, das greifbar ist. Und schon stellt sich ein erster Glücksmoment ein, denn der Mann, der da cool durch den Tunnel tanzt, ist Pharrell Williams persönlich. Dann beginnt der Song von vorne, Williams ist weg und wird abgelöst von einer älteren Dame in einem grotesk gemusterten Rockkleid. Sie kann nicht tanzen und hüpfelt in ihren orthopädischen Sandalen verstörend fröhlich an den Autos vorbei. Der Song scheint zu wirken. Oder die Frau hat am Vortag erfolgreich eine Ü-50-Party absolviert.

9.08: Ein Pärchen zeigt seine Rock-'n'-Roll-Schritte aus dem Tanzkurs. Der Hydrant ist gelb. Der Abfallkorb ist voll. Der Verkehr ist ruhig. Eine Frau tippt an der Strasse auf ihr Smartphone.

9.28: Jetzt «tanzt» eine dicke Frau im Rollstuhl, das heisst, sie schwenkt ihren weissen Regenschirm, den sie gegen die Sonne mit sich führt. Ob sie glücklich ist, ist schwer zu sagen, denn sie ist stark geschminkt. So oder so singt sie: «Gib mir alles, was du hast, und halte nichts zurück.» Einige Passanten tanzen mit ihr, andere tippen auf ihr Smartphone.

10.00: Wir haben die menschenleere Schalterhalle eines Bahnhofs erreicht. Und Pharrell Williams ist zurück, in neuer Hose und neuem Kapuzenpulli. Schnell wird klar: Zu jeder vollen Stunde zeigt sich der Star in seinem eigenen Video und wechselt dabei sein Kostüm fast so oft wie Lady Gaga in ihren fünfminütigen Clips. Um elf wird er im gewagten Karoanzug an einem Public Parking vorbeitanzen; um zwölf in weiblicher Begleitung durch ein edles Restaurant wippen; um eins den L.A. Sands Boxclub besuchen, um zwei durch eine Bahnhofunterführung paradieren und um drei mit dem Gospelchor in seiner Kirche singen. Das ist sie, die Joie de vivre.

10.37: Ein schwarzes Mädchen tanzt sehr cool durch die Schalterhalle, in der jetzt mehr Menschen sind. Es tanzt für eine Überwachungskamera. «Happy» hat sein erstes Statement!

10.43: Noch ein Mädchen tanzt durch die Schalterhalle, aber wirklich interessant ist der Mann im Hintergrund mit der Katze auf dem Hut. Er taucht auch wenig später wieder auf, als ein junger Mann, der aussieht, als sei er aus einem 80er-Jahre-Clip von Human League in die Popgegenwart gefallen, mit seinem Gepäck aus der Halle und auf die Strasse tanzt. Da legt er einen beeindruckenden Rock 'n' Rollkoffer hin, aber der Mann mit dem schweren Militärrucksack, der am Wegrand steht, blickt nur kurz auf. Er denkt vermutlich, hier werde irgendein Musikvideo gedreht. Wenn er wüsste!

10.55: Ein schwarzer junger Mann in abgeschnittener Militärhose und mehreren Schichten von Muskelshirts tanzt heftig auf einer Kreuzung. Man ahnt das Hupen der Autos. Nachdem er der Lenkerin noch eine Bodenturnübung gezeigt hat, geht der junge Mann weiter und der Verkehr kann durch. Der Song ist bis jetzt 29-mal gelaufen. Noch nervt er nicht. Das ist ja auch die alte Motown-Schule: weicher Flow, funky Akzente, der Rest ist Melodie und Falsett.

11.04: Die Gegend wird schäbiger, die Auslagen der Geschäfte am Strassenrand werden bunter und billiger. Die Tänzerinnen und Tänzer schunkeln nun zwischen aufgeblasenen Kinderbassins und schreienden Foulards. Aus einem der Shops hüpft ein junger Latino und tanzt nicht gut, aber schön. Es ist insgesamt ein menschenfreundliches Musikvideo, das fast alle seiner Stars gut aussehen lässt. Oder vielleicht ist es umgekehrt, und Menschen sehen nun mal einfach gut aus, wenn sie sich etwas getrauen beim Tanzen.

11.16: Hochbetrieb in den Strassen. Ein Mann mit gebrochenem Bein und Stützwägelchen kurvt kindisch übers Trottoir. Er tanzt für eine alte Frau mit Gehhilfe. Dann greift er sich in einer Geschäftsauslage zwei Krücken und tanzt den Krüppel. Zufall oder Inszenierung? Was ist wahr? Wer sind wir, woher kommen wir, und wohin gehen wir? Geländewagen fahren vorbei. Ein Breakdancer konzentriert sich beim Tanzen so sehr auf seine Füsse, dass er beinahe mit der Parkuhr kollidiert. Drei ältere Damen in deprimierenden Kleidern tänzeln fröhlich an einem weiteren Public Parking vorbei. Die «Herbstzeitlosen» auf den Strassen von L.A.

12.28: Der schrecklichste Mensch, den man in diesem Video tanzen sieht, ist dieses rund zehnjährige Mädchen. Nicht nur hat es strebsam den Text des Songs gelernt, auch zeigt es dazu einen exaltierten Tanz, der das Gelernte aus dem Ballettunterricht in Kombination mit bitchy Posen aus Rhythm-'n'-Blues-Videos anwendet. Keine Sekunde lang möchte man der Tanzlehrer dieses Kindes sein.

12.54: Auch nicht gerade angenehm ist der Anblick dieses barbäuchigen Hippie-Skaters, von denen sich in Los Angeles offenbar die letzten Exemplare tummeln. Er ist ein miserabler Tänzer und schlechter Skater und fällt darüber hinaus durch seine rosa Socken auf, die er originell bis über die Waden trägt. Zum Glück wird er bald abgelöst durch einen sehr entspannten Menschen, der an Backsteinmauern mit Stacheldrahtverhau vorbeigeht und den Boxclub betritt. Die nächsten Sequenzen spielen hier, Pharrell Williams schaut vorbei und tanzt uninspiriert für einen Ventilator. Der Song beginnt zu nerven, offensichtlich auch seinen Komponisten. Seilhüpfer ziehen vorbei, Jogger und viele Girlies in Hotpants. Ein Mann tanzt neben dem LKW der Kartonabfuhr einen Sonnenaufgang.

14.00: Pharrell Williams führt sein Video durch den Menschenstrom in einer Bahnhofunterführung. Die Security ist aufmerksam und schnell zur Stelle, als eine Lady in Rot lasziv ihre Tasche fallen lässt. Und ebenso, als sie sich das Kind einer Passantin greift, um mit ihm zu tanzen. Das Kind findet zurück zu Mama und der Clip zurück auf die Strasse, wo ein Hipster in ironischem Indianershirt und nicht ironischen Mokassins eine Serie von Strassenlampen betanzt. Ein Indierocker dagegen verausgabt sich schon in den ersten Sekunden des Songs schrecklich, bespringt eine Mauer und beendet seinen Tanz auf allen vieren und sich auf dem Rücken wälzend. Seine Lederjacke geht verloren, und der Autoverkehr zirkuliert lautlos und melancholisch durchs Gegenlicht.

14.44: Wir haben Menschen gesehen, die mit Zeitungsboxen tanzen, mit Parkuhren, mit neu erworbenen Besen aus dem Baumarkt oder mit der Kraft aus der Sonne. Den absurdesten Tanz aber führen diese drei Latinos auf, denn sie tanzen, als tanzten sie gar nicht, sondern als wollten sie einen Tanzclub verwüsten. Dabei wirken sie nicht einmal unglücklich, sondern nur besonders untalentiert. Menschen aus dem südlichen Amerika haben den Rhythmus im Blut? Diese Troglodyten der Tanzkunst beweisen, dass dem nicht so ist.

15.32: Das Video erreicht die Suburbs, und aus den Häusern und zwischen Grüngutkübeln, hohen Hecken und den SUV am Strassenrand hindurch springt ein Hüpfmädchen nach dem anderen ins Quartier. Ein Reigen wie auf Glücksdroge, high von diesem Lied, das alle vier Minuten im Hirn explodiert wie ein billiger Flash. Nur eine grosse, schöne Frau im Hochzeitskleid sorgt für Irritation, als sie durch die menschenleere Wohnstrasse ruckelt, als wolle sie all das Glück abschütteln, das ihr auf den Fersen ist.

15.50: Bald ist es 16 Uhr. Zum Ende unseres Experimentes erreicht der Clip prompt ein Krematorium mit Friedhof. Ein Mann tanzt dezent über den blank gebohnerten Marmor und wird bald von einer Frau abgelöst, die sich durch ihren Ausdruckstanz sichtlich bedeutsam fühlt. Ein steifer Tanz im Angesicht des Unabwendbaren, eine unbeholfene Feier des Lebens, ein schneller Tod der menschlichen Würde. Sie bewegt ihre Lippen: «Komm her, wenn du dich wie ein Raum ohne Dach fühlst.» Escape.

16.00: Was für ein Tag. Eine Bilanz des fremden Glücks ist schnell gezogen: Die Tänzerinnen und Tänzer auf den Strassen von Los Angeles sind sympathisch, und manchmal macht es sogar Spass, was sie zeigen. Doch wer das Video über Stunden verfolgt, wird sich bald einmal mehr für seine Statisten interessieren. Für den Mann mit der Wampe, der hinter dem smarten Street-Dancer über den Fussgängerstreifen humpelt; oder für das picklige Mädchen in der Bahnhofunterführung, das auf seinem Smartphone vielleicht gerade das Wort «glücklich» tippt.

DerBund.ch/Newsnet

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