Pop

Zurück zu Bier, Rauch und Weib

Die Geier kreisen wieder über Bern: Mit «Weidwund» legen die Kummerbuben ihr erstes selbst komponiertes Album vor und vertonen ausgelassen grosse und kleine Sehnsüchte.

«Liideschaftlichi Siächä»: Die Kummerbuben.

«Liideschaftlichi Siächä»: Die Kummerbuben. Bild: Tabea Hüberli/zvg

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Die Stimme scheint einem so vertraut, als wäre sie schon seit dreissig Jahren ein treuer Begleiter. Und auch die Stimmungen sind wohlbekannt: Um grosse und kleine Ausbrüche geht es hier, um das schöne Hirngespinst, einfach alles hinschmeissen und irgendwo im Süden neu anfangen zu können. Doch die Figuren, welche die sechsköpfige Berner Mundart-Band Kummerbuben auf ihrem dritten Album losschicken, kehren immer wieder zurück. Zurück nach Bern. Zurück zu Bier, Rauch und Weib. Zurück in den engen Alltag. Nur manchmal gelingt einem der Ausbruch. Wie Baumarkt-Mitarbeiter Küde Schneider im Song «Helde vom Dorf», dessen Lebensinhalt darin besteht, in der Halbzeitpause der YB-Spiele als Werbe-Biber Purzelbäume zu schlagen. Eines Tages wechselt der Sponsor, und Küde steht vor gähnender Leere. So steigt er aufs Töffli und fährt los, um sich zum Biber zu verwandeln und in Belp eine Biberburg zu übernehmen.

Leicht skurrile Geschichten wie diese sind es, die der 32-jährige Texter Simon Jäggi für «Weidwund» geschrieben hat. Dass er selbst zur Feder greift, ist neu. Auf den Vorgängeralben «Liebi und anderi Verbräche» von 2007 und «Schattehang» von 2009 beschränkte sich die Band darauf, alte Schweizer Volkslieder neu zu interpretieren. Das «Guggisberglied» etwa. Oder «Es wott es Froueli z’Märit ga». Und zwar immer so, als läge die Welt gerade im Sterben, und es gälte, dies jetzt noch unbedingt ausgelassen zu feiern. Ganz wie im Balkan, mit Fiedel, Klarinette und viel Rumtata. «Mir sind halt liideschaftlichi Siächä», sagt Jäggi.

Am Anfang stand Tom Waits

Das Schwarz, mit dem sie malen, ist nun noch bunter als zuvor. Zu Balkan-Polka und Schwermutswalzer gesellen sich auch mal eine staubige Bluesgitarre, ein Banjo oder ein Jazzsaxofon. Oder, wie auf den Stücken «Chevaliers de la table ronde» und «Röseli» schunkelige Chansonklänge. Es ist eine Art unabsehbarer Plünderzug durch Volksmusik aus aller Herren Länder. Und manchmal auch durch den Pop. Eine kitschiges Saxofon oder eine hingebungsvolle E-Gitarre, die an «November Rain» von Guns ’n’ Roses erinnert – alles darf hier vorkommen. «Wir werden wohl nie eine homogene Platte produzieren. Dazu haben wir alle einen zu verschiedenen Background.»

Entstanden ist die ganze Geschichte aus einer gemeinsamen Liebe zur Musik von Tom Waits. Bevor es zur Gründung der Kummerbuben kam, coverte man unter dem Namen Dean Moriarty & The Dixie Dicks dessen Songs. Nun geht die Emanzipation einen Schritt weiter, hin zu eigenen Songs und eigenen Texten. Und einem Wechsel in der Besetzung: Akkordeonist Mario Batkovic wurde durch Gitarrist Moritz Alfons ersetzt. Doch wie ist aus Jäggi, dem Forscher nach altem, düsterem Liedgut, ein Texter geworden? Driftet er durch verrauchte illegale Bars und notiert Texte auf Bierdeckel? Und streunt dann bei Tagesanbruch mit einem Mordskater über die Friedhöfe? «So romantisch darf man sich das zwar vorstellen, ist es aber schliesslich nicht: Es ist eine intensive Arbeit am Text, und die geschieht am Schreibtisch. Mal stand der in einem Bus im Jura, meist aber in meiner Wohnung in Bern. Immerhin mit Blick über die Aare.»

Von dort aus sieht Jäggi auch die Zugvögel, die den Song «Schwalbe» inspiriert haben und die Sehnsucht beflügeln. «I wott mal einisch Champagner trinkä uf emene Schiff, wo untergeit», singt er mit leicht gespenstischem Aktualitätsbezug. Oder dann doch wenigstens mal die geliebten Young Boys die Meisterschaft gewinnen sehen. Oder dann doch zurück zur Natur, wie früher zu Hause in der alten Mühle in Kehrsatz.

Viele der Geschichten, die er nun erzählt und – irgendwo zwischen Endo Anaconda und Kuno Lauener – in träfe, hingeraunte Zeilen packt , hat ihm der Alltag als Journalist beim «Bund» beschert. Da ist etwa die Geschichte vom «Schlachthof Nord», der kurz vor der Schliessung steht und hier seinen Trauermarsch bekommt. Draussen neben der Autobahn kreisen schon die Krähen in Erwartung des letzten Kadavers. Es könnten, den nachhallenden Americana-Gitarren nach zu urteilen, auch Geier in der Prärie sein.

Lust auf das Live-Erlebnis

«I rouche wiä nä John Deer und frissä Schnapsglesr / I losä Best of Roy Orbison, doch es wird eifach nid besser», singt er im Song «Wild im Härz», während der Vollmond die lebenswichtigen Organe durcheinanderbringt. Die Musik der Kummerbuben, so emotional aufgeladen, so furchtlos vor Pathos, trifft mit ihren Bildern nicht immer so ins Schwarze wie hier, und ist nicht für jede Tageszeit gedacht. Des Morgens kann sie einem vorkommen wie ein bitterer Schluck Bier vom Vorabend.

Ihr Album weckt Lust auf ein Live-Erlebnis, auf das Stampfen der Stiefel, auf Schweiss und Tränen. Darauf, Stühle wegzurücken und bleierne Gedanken wegzutanzen. Wie die waidwunden Helden, die die Kummerbuben besingen. Vielleicht ist Kehrsatz gar nicht so weit entfernt vom Balkan. (Der Bund)

Erstellt: 27.02.2012, 08:13 Uhr

CD & Plattentaufe

2. März, Dachstock, Bern

Kummerbuben: Weidwund (Irascible)

www.kummerbuben.com

«Wild im Härz»

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