Züri West: Am Ende der Eitelkeit

Das neue Album von Züri West ist eine Sammlung von Songs, die vom Band-Karren gefallen sind. Auf «HomeRekords» erleben sie eine unverhoffte, teils durchaus verdiente Auferstehung.

Züri West geben sich auf ihrem neuen Album uneitel, ohne an Stil einzubüssen: Die Delegierten Tom Etter und Kuno Lauener. (Ruben Wyttenbach)

Züri West geben sich auf ihrem neuen Album uneitel, ohne an Stil einzubüssen: Die Delegierten Tom Etter und Kuno Lauener. (Ruben Wyttenbach)

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Es vergeht kaum ein Jahr, in welchem nicht auf irgendeinem Estrich wieder eine ominöse Schachtel entdeckt wird, in der bisher unveröffentlichte Aufnahmen der Dylans, Beatles oder Falcos dieser Welt lagerten. Meistens tragen diese Kisten Aufschriften wie «The Lost Tapes» oder «The Legendary Bedroom Recordings», und weil sich die Musik alter Helden besser denn je verkauft – selbst wenn es jeweils gute Gründe gibt, dass man seinerzeit auf eine kommerzielle Auswertung der Aufnahmen verzichtete –, werden diese Fundstücke den Musikchronisten als besonders heisse Ware angepriesen.

Im Falle von Züri West tauchten die Schachteln während eines Umzugs von Kuno Lauener auf, in einem Koffer, in dem über all die Jahre jene Tapes und Disketten landeten, auf welchen Laueners Mitmusiker ihre Ideen neuer Züri-West-Lieder beim Band-Oberhaupt einreichten. Aus einigen davon wurden Schlager, die das Land noch heute mitzusingen imstande ist. Andere wurden noch in der Rohfassung verworfen, und noch andere wurden von Kuno zwar provisorisch mit Text und Gesang versehen, später jedoch von der Band als untauglich abgetan. Von diesen geächteten Liedern handelt das neue Züri-West-Album «HomeRekords».

«Unglückliche Auswechselspieler»

Kuno Lauener sitzt mit dem Gitarristen Tom Etter im Penthouse des Berner Hotels Allegro neben einer Bang-&-Olufsen-Stereoanlage und bemüht sich, die Relevanz des neuen – nicht durchwegs HiFi-tauglichen – Züri-West-Albums herunterzuspielen. Er sei beim Plündern des Koffers ganz einfach auf lustige Sachen gestossen, auf Lieder, die er längst vergessen hatte. Die Idee, daraus ein Album zu zimmern, sei spontan entstanden. Daraus ein Album zu giessen, das man sich gerne anhört, sei in der Folge eine grössere Herausforderung gewesen, ergänzt Tom Etter. Unter den bisher unveröffentlichten Liedern sticht neben dem «Güggu» und dem fröhlichen «Sensibel», auf welchem der Ich-Erzähler aus näher erklärten Gründen eine Schlägerei mit dem Himmelspförtner Petrus anzettelt, die tieftraurige Ballade «Liebi niene meh» hervor: ein Pop-Essay ohne Anfang und ohne Pointe, ein einfacher Gedanke zu einfach schöner Musik verarbeitet.

Dennoch ist «HomeRekords» neben temporär aufblitzenden musikalischen Qualitäten primär ein Album von dokumentarischem Wert. Anhand von Liedern wie «Haubi Songs» oder «No’ne Blues» lässt sich mitverfolgen, welche Aggregatzustände manche Songs annehmen, bevor sie in endgültiger Fassung auf Tonträger gebannt werden. «Es handelt sich um die Ursprungsideen der Lieder», erklärt Kuno Lauener. «Ich mag diese Momente, wenn ein Song noch seine Unschuld hat, wenn er noch leicht hinkt, wenn die Band-Demokratie noch nicht spielt und wenn der Dilettantismus der Musiker noch nicht kaschiert ist.» So gibt es das Lied «Haubi Songs» im rockigen 6/4-Takt oder in der Pfadfinder-Gitarren-Version zu hören, die Geschichte vom Nachbarn «Chinasky» wird mal zu einem Jimi-Tenor-Sample erzählt, mal spielt jemand Blockflöte dazu.

Das Zumuten von Fehlern

Man kannte Züri West bisher als Perfektionisten, als relativ eitel, was Produktion und Songwriting anbelangt. Auf «HomeRekords» werden diese Standesdünkel abgelegt. «Die Abkehr vom Perfektionismus ist eine Entwicklung, die mir auch für künftige Werke von Züri West erstrebenswert scheint», sagt Kuno Lauener. «Aber lustigerweise findet man Schnappschüsse meist von anderen Leuten besser als von sich selbst. Erst in der Betrachtung aus der Distanz habe ich den Versionen, die sich nun auf unserem Album finden, etwas Charmantes entdeckt.» Und Tom Etter fügt hinzu: «Als Musiker hat man stets den Anspruch, das, was man macht, möglichst gut zu machen – als Musikkonsument hingegen bewundert man den Mut anderer zum Ungehobelten und Unperfekten. So gesehen hat uns dieses Album auch ein bisschen die Augen geöffnet, wie viele Fehler und Unzulänglichkeiten einem Song zugemutet werden können, ohne dass er seinen Reiz verliert.»

Eine neue Lockerheit, welche auch von den Erfahrungen mit dem letzten Studioalbum begünstigt wurde. «Haubi Songs» war eine besonders zähe Zangengeburt, das Erscheinungsdatum wurde mehrmals verschoben, Kuno Lauener litt unter Schreibstau und die Mitmusiker wurden ungeduldig, weil auch die Live-Auftritte ausblieben. Es entstand ein hitloses und ziemlich schwerblütiges Album, das von der Band ohne grosses Selbstvertrauen auf den Markt geworfen wurde – heute zählt es zu den erfolgreichsten Alben von Züri West und wurde mit Platin geadelt. «Wir waren erstaunt, dass dieses Album so gut aufgenommen wurde. Nun haben wir uns gesagt, wenn es mit halben Songs so gut funktioniert, dann klappt es vielleicht auch mit Viertel-Songs», scherzt Kuno Lauener.

Maschine mit Beulen

Trotz der Tatsache, dass die Band in den letzten Jahren mit den schweren Unfällen von Manager Hans Schneeberger und dem Bassisten Jürg Schmidhauser vom Schicksal zünftig gebeutelt wurde, merkt man den beiden Musikern die Lust an, bald ein neues Studioalbum in Angriff zu nehmen: «Es sind jetzt in einer Regelmässigkeit schlimme Sachen passiert, dass man sich manchmal die Frage nicht verkneifen kann, wer denn wohl der Nächste ist, den es erwischt», sagt Kuno Lauener. «Doch auch wenn die Maschine Züri West einige Beulen hat, sind wir nie in Versuchung geraten, das Ding zu entsorgen. Fürs nächste Album sind zwar erst drei Song-Ideen im Umlauf, doch die Vorfreude, daran zu arbeiten, ist gross.» Um dies zu begünstigen, sind derzeit auch keine Konzerte in Planung.

Auch wenn «HomeRekords» offenkundig ein Lückenbüsser-Album ist, wurde das Ziel, ein Werk zu schaffen, das man sich gerne anhört, durchaus erreicht. Auch wenn vieles auch aus heutiger Sicht Ausschussware bleibt, kann man sich dem Charme gewisser Songs und Versionen nicht entziehen. In einer Zeit, in welcher jede Band fast schon manisch über die neuen Medien intime Einblicke in ihr Tun gewährt und jeden getätigten Gedanken auf Twitter veröffentlicht, mutet Züri Wests anachronistische Form der Fan-Bindung höchst sympathisch an. Die Band gibt sich uneitel, ohne an Stil einzubüssen, sie lässt hinter die Kulissen blicken, ohne zu viele Geheimnisse preiszugeben – eine Gratwanderung, an der zuvor schon so einige gescheitert sind. (Der Bund)

Erstellt: 23.04.2010, 09:30 Uhr

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